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Neurologie 28. September 2015

Zwei Völker, zwei Ergebnisse

Demenzforschung: Für alte Finnen zahlte sich ein gesunder Lebenswandel aus. Warum sollte das auf alte Amerikaner nicht zutreffen? Zwei US-Studie legen das zwar nahe, aber ihr Studiendesign ist fragwürdig.

Die FINGER-Studie der Finnen zeigte, dass ein multimodales Präventionsprogramm mit Bewegungstraining, Hirnjogging und einer gesunden Ernährung die kognitive Leistung verbessert. Zu schwache oder einseitige Interventionen, wie es bei den beiden amerikanischen Studien der Fall sein könnte, zeigten hingegen kaum Wirkung.

Glaubt man epidemiologischen Studien, gehören viel Bewegung und eine gesunde Ernährung mit zu den wichtigsten Faktoren, um eine Demenz zu verhindern. Kontrollierte Interventionsstudien führten jedoch zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen: In einigen verbesserten sich durch mehr Bewegung selbst bei Alzheimerkranken noch die kognitive Funktion und die Fähigkeit, im Alltag zurechtzukommen, in anderen zeigten sich hingegen kaum Effekte.

Interessant sind vor allem die Ergebnisse der im März publizierten großen finnischen FINGER-Studie ( Ngandu T et al., Lancet 2015, epub 12.3.15 ) mit über 1.200 Teilnehmern. Hier bekam die Hälfte ein multimodales Präventionsprogramm mit Bewegungstraining, Hirnjogging sowie einer Anleitung zur gesunden Ernährung. In dieser Gruppe verbesserte sich die kognitive Leistung im Laufe von zwei Jahren signifikant stärker als in einer Kontrollgruppe, auch wurde seltener ein kognitiver Abbau beobachtet ( die deutsche Ärzte Zeitung berichtete ).

Zwei amerikanische Studien

Dem stehen nun die Resultate der LIFE- und der AREDS2-Studie ( Sink KM et al., JAMA 2015, jama.2015.9617 ) gegenüber: Hier hatten weder ein körperliches Training noch eine Nahrungsergänzung mit Omega-3-Fettsäuren und Mikronährstoffen einen Einfluss auf die Hirnleistung.

Für die LIFE-Studie konnte ein Team um Dr. Kaycee Sink von der Universität in Winston-Salem, North Carolina – USA, insgesamt 1.635 Personen im Alter von 70 bis 89 Jahren gewinnen. Alle hatten noch keine Demenz und pflegten einen eher sitzenden Lebensstil mit wenig körperlicher Bewegung. Sie hatten bei Tests zur körperlichen Fitness ziemlich schlecht abgeschnitten, waren aber noch in der Lage, 400 Meter ohne fremde Hilfe in weniger als 15 Minuten zu gehen. Da sie ihre Beine tatsächlich nur wenig benutzten, bescheinigten ihnen die Ärzte ein hohes Immobilitätsrisiko.

Die Forscher hielten nun die Hälfte der Teilnehmer zu mehr Bewegung an. Sie wurden zwei Jahre lang zweimal pro Woche in ein Studienzentrum eingeladen, um dort ihren Körper in Schwung zu bringen. Dazu gehörte ein 30-minütiges Walking mit moderater Intensität, ein zehnminütiges Krafttraining der Beine sowie Balanceübungen. Die Beteiligung lag im Schnitt bei 70 Prozent.

Alle Teilnehmer in dieser Gruppe wurden aufgefordert, die Übungen zuhause drei- bis viermal pro Woche selbstständig zu wiederholen. Die andere Hälfte durfte über ein halbes Jahr hinweg einmal pro Woche an einem Gesundheitsworkshop teilnehmen, dort absolvierten sie auch Streck- und Dehnübungen der Beine, ansonsten ging es aber primär um Ernährung, Vorsorge und allgemeine Krankheitsprävention. Wie viel sich die Teilnehmer bewegten, wurde zum einen per Fragebogen erfasst, zum Teil aber auch direkt per Aktimeter gemessen.

Teilnehmer überschätzten sich

Zwei Jahre später zeigten sich deutliche Unterschiede im Bewegungsprofil. Nach den Fragebogendaten bewegte sich die Gruppe mit körperlichem Training zwei Stunden mehr pro Woche als zuvor, in der Kontrollgruppe war es nur rund eine halbe Stunde mehr.

Allerdings schienen sich die älteren Herrschaften bei ihren Angaben gewaltig zu überschätzen: Nach den Aktimeterdaten konnte die Gruppe mit dem körperlichen Training gerade einmal die wöchentliche Aktivität konstant halten (minus zwei Minuten pro Woche), in der Kontrollgruppe war sie sogar im Schnitt um 40 Minuten pro Woche zurückgegangen. Immerhin zeigte sich auch hier ein deutlicher Unterschied zwischen den beiden Gruppen.

Dieser Unterschied übersetzte sich jedoch nicht in eine bessere kognitive Leistung bei den trainierten Teilnehmern: Bei einer Reihe von Tests auf Gedächtnis, Exekutivfunktion und Reaktionsgeschwindigkeit waren die Resultate in beiden Gruppen nach zwei Jahren praktisch identisch. Auch eine Demenz oder MCI trat in beiden Gruppen ähnlich häufig auf (13,2 Prozent versus 12,1 Prozent).

Lediglich die über 80-Jährigen und diejenigen mit der schlechtesten Fitness zum Studienbeginn konnten nach dem zweijährigen Training eine bessere Hirnfunktion vorweisen als vergleichbare Teilnehmer in der Kontrollgruppe.

Studienautoren sind vorsichtig

Die Studienautoren um Sink interpretieren ihre Studiendaten sehr vorsichtig. Zum einen mag das Training zu schwach gewesen sein, um einen signifikanten Effekt zu erzielen, zum anderen ließ die Sportbegeisterung bei den älteren Couchpotatoes in der Trainingsgruppe mit der Zeit ziemlich nach. Es war den Trainern offenkundig nicht gelungen, die Teilnehmer nachhaltig für mehr Bewegung zu begeistern. Ein anfänglicher kognitiver Vorteil ließ sich dann bei der Schlussuntersuchung vielleicht nicht mehr nachweisen.

Schließlich muss berücksichtigt werden, dass die Teilnehmer kein besonderes Risiko für einen kognitiven Abbau aufwiesen – zwei Drittel hatten einen College-Abschluss und dürften damit über eine gute kognitive Reserve verfügt haben.

In der Tat kam es im Schnitt in keiner der Gruppen zu einem Rückgang der kognitiven Leistung. Somit ließ sich auch nicht zeigen, ob Bewegung den kognitiven Abbau bremst. Dies war in der FINGER-Studie anders: An dieser hatten gezielt Menschen teilgenommen, die in Kognitionstest für ihr Alter relativ schlecht abschnitten – bei solchen Personen wird ein erhöhtes Demenzrisiko angenommen.

Mikronährstoffe im Test

Besser ins Bild zu den bisherigen Untersuchungen passt eine neue Auswertung der AREDS2-Studie ( JAMA 2015, jama.2015.9677 ) von Forschern um Dr. Emily Chew vom National Eye Institute in Bethesda, USA. Sie scheint, wie zuvor schon andere Untersuchungen, den geringen Nutzen von isolierten Mikronährstoffen zur Verbesserung der Hirnleistung zu bestätigen. In AREDS2 ging es jedoch primär um das Progressionsrisiko bei altersbedingter Makuladegeneration (AMD). Es sollte durch einen Mix aus Omega-3-Fettsäuren, Lutein und Zeaxanthin zusätzlich zu Varianten einer Hochdosis-Vitamintherapie gesenkt werden. Teilgenommen hatten ältere Personen (im Schnitt 72 Jahre) in unterschiedlichen AMD-Stadien.

An der fünfjährigen Studie waren über 4.200 Probanden beteiligt. Etwa die Hälfte der Teilnehmer bekam täglich 1 g Omega-3-Fettsäuren. Letztlich schnitten die Teilnehmer mit und ohne Omega-3-Fettsäuren bei einer Reihe von Kognitionstests fast identisch ab. Auch Patienten mit hohen oder niedrigen Zink- und Betacarotin-Dosen unterschieden sich in den Resultaten nicht signifikant, das Gleiche ließ sich für Zeaxanthin und Lutein sagen.

Da hier eine ganze Reihe von Nahrungsergänzungsmitteln geprüft wurde und die Studienpopulation für ältere Menschen nicht gerade repräsentativ ist, lässt sich aus dieser AREDS2-Auswertung jedoch wenig Honig für die Demenzprävention saugen. Letztlich scheinen aber alle Ansätze, die sich zu eng auf nur einen Faktor wie Bewegung oder gar auf einzelne Nährstoffe konzentrieren, in der Demenzprävention wenig auszurichten.

Fazit

Erst beim Zusammenspiel von gesunder Ernährung, viel Bewegung und geistiger Aktivität eröffnen sich vielversprechende Perspektiven, gibt auch eine Gruppe um Dr. Sudeep Gill von der Universität in Kingston, Kanada, in einem Editorial zu bedenken. Die Forscher sehen eine „klare Evidenz“ für einen gesundheitlichen Nutzen von Bewegung und gesunder Ernährung auch bei älteren Menschen. Da solche Präventionsmaßnahmen zudem kostengünstig seien, sollten Ärzte auch ihren älteren Patienten immer mal wieder eine gesunde Lebensführung nahelegen.

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