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Neurologie 15. Juni 2015

Der Wert der guten Schlafqualität

Unterstützende Therapieoptionen bei Alzheimer-Demenz. 

Der Zusammenhang zwischen  einer langzeitigen Einnahme von Benzodiazepinen und dem Auftreten einer Alzheimer-Demenz wird seit längerer Zeit vermutet und steht nun zunehmend zur Diskussion. Verschiedene Mechanismen werden dabei diskutiert und Studien zeigen, dass das Erkrankungsrisiko möglicherweise sowohl in einer Relation zur Dauer der Einnahme als zur Dosis steht. Besonders im Alter werden Benzodiazepine häufig gegen Angst- und Spannungszustände sowie Schlafstörungen verschrieben. Eine gestörte Schlafqualität ist ihrerseits in mehrfacher Weise mit der Alzheimer- Demenz assoziiert. Die Verschreibungshäufigkeit von Benzodiazepinen für ältere Menschen ist in industrialisierten Ländern anhaltend hoch mit einem Anteil bis zu 43 %. Obwohl die Dauer der Anwendung laut Fachinformation üblicherweise mit 4 Wochen (inkl. Ausschleichphase) begrenzt ist, um das Risiko für Abhängigkeit und Entzugssymptome zu minimieren, erhalten vor allem älteren Menschen häufig eine Dauermedikation. Eine kürzlich im British Medical Journal veröffentlichte Studie mit 8.989 älteren Bewohnern in Quebec zeigte, dass das Risiko, an Alzheimer- Demenz zu erkranken, bei jenen, die in der Vergangenheit Benzodiazepine eingenommen hatten, um 43–51 % erhöht war, wobei sich diese Ergebnisse mit jenen von fünf vorangegangenen Studien deckten. Eine systematische Übersichtsarbeit über Beobachtungsstudien zum Zusammenhang zwischen Benzodiazepinen und Demenz kommt zum Ergebnis, dass neun der zehn herangezogenen Studien ein erhöhtes Demenzrisiko bei jenen Personen beobachteten, die Benzodiazepine einnahmen. Das Risiko stieg mit höherer Dosis und Behandlungsdauer und bei der Verwendung von Medikamenten mit langwirksamen Molekülen an. Obwohl die schädlichen Wirkungen von Benzodiazepinen auf das Gedächtnis bekannt sind, ist derzeit kein eindeutiger pathophysiologischer Mechanismus als Erklärung für das erhöhte Erkrankungsrisiko für Alzheimer Demenz bekannt. Als plausibelste Hypothese gilt derzeit die Limitierung der kognitiven Leistungsreserve, die durch die Langzeiteinnahme durch Benzodiazepine verursacht wird. Die Reduktion der Verschreibungsdauer und -dosis wird daher dringend empfohlen.

Wer schlecht schläft, denkt schlecht

Da eine der Indikationen für Benzodiazepine Schlafstörungen sind und diese mit der Alzheimer-Demenz in Zusammenhang gebracht werden, sind wirksame Alternativen zur Verbesserung des Schlafs ein möglicher Ansatzpunkt, um das Erkrankungsrisiko zu minimieren. Zusätzlich zu den klassischen Symptomen der Alzheimer-Demenz, wie kognitive Dysfunktion sowie psychiatrische und Verhaltensstörungen, führen die neurodegenerativen Prozesse oft zu neurologisch beeinflussten Verhaltensänderungen einschließlich Schlafstörungen, die sich in nächtlicher Unruhe und häufigem Aufwachen äußern. Schlaf hat jedoch eine wichtige Rolle für die Gedächtnisleistung und es gibt zunehmende Indizien, dass schlechter Schlaf zu höherem Alzheimer-Risiko und Gedächtnisverlust führt.

Reduziertes Melatonin bei Alzheimer-Demenz

Bereits in präklinischen Stadien von Alzheimer-Demenz werden reduzierte Spiegel von endogenem Melatonin im Liquor festgestellt, die auch zu einem Ungleichgewicht im zirkadianen Rhythmus der Betroffenen führen und signifikant mit der Schwere der geistigen und schlafbezogenen Beeinträchtigung korrelieren. Der Ersatz des fehlenden Hormons könnte dieses Defizit ausgleichen und den physiologischen Rhythmus wieder herstellen. Forscher stellten nun fest, dass eine zusätzliche Gabe von verzögert freigesetztem Melatonin zur bestehenden Medikation mit Acetylcholinesterase-Inhibitoren und eventuell Memantin zu einer signifikanten Verbesserung der kognitiven Funktion von Patienten mit milder bis mäßiger Alzheimer-Demenz im Vergleich zu Placebo führt. Die spezielle Aufbereitung von Melatonin in der Tagesdosis von 2 mg führt zu einer signifikanten und klinisch bedeutsamen Verbesserung der Schlafqualität, der Einschlafzeit und der Lebensqualität und vor allem auch der Aufmerksamkeit am Morgen und der psychomotorischen Leistungsfähigkeit. Da eine gute Schlafqualität eine Grundbedingung für die kognitive Funktion speziell im höheren Alter ist, bedeutet die Verbesserung des Nachtschlafs und der Tagesaufmerksamkeit einen möglichen Faktor für die Reduktion schlafbezogener Defizite in der kognitiven Funktion. Die Studie, die sowohl Patienten mit und ohne Schlaflosigkeit als Komorbidität einschloss, zeigte nicht nur eine signifikante Verbesserung der kognitiven Funktion nach der 24-wöchigen Studiendauer verglichen mit Placebo, sondern auch klinisch bedeutsame und statistisch signifikante Verbesserungen in der Selbstpflege und den Aktivitäten des täglichen Lebens. Diese Wirkung war in der Subgruppe der Patienten mit Schlaflosigkeit noch stärker ausgeprägt.

Wichtige nächtliche Abbauprozesse

Eine Hypothese zur Bedeutung des Schlafs für die kognitive Funktion ist der Abbau von Amyloid-β während der Schlafphase. Amyloid-β steht wiederum mit dem derzeit bekanntesten genetischen Risikofaktor für Alzheimer- Demenz, dem Apolipoprotein E-Genotyp und einer chronischen Entzündung in Zusammenhang, die als zugrunde liegende Ursache für Alzheimer-Demenz und damit assoziierte Symptome diskutiert wird. Ein mangelhafter Abbau durch einen gestörten Schlaf kann demnach zur Akkumulation toxischer Produkte führen, die die Entzündung verstärken. Durch eine Verbesserung des Schlafs könnte auch dieser Abbau normalisiert und die vielfache Last der Alzheimer-Demenz sowohl für Betroffene als auch für Betreuer gemildert werden.

Weiterführende Literatur

1. Billioti de Gage S et al  (2014) Benzodiazepine  use and risk of Alzheimer‘s disease: case-control study. BMJ 349:g5205.  doi:10.1136/bmj.g5205

2. Billioti de Gage S et al  (2015) Is there really a link  between benzodiazepine  use and the risk of de - mentia? Expert Opin  Drug Saf 14(5):733–747.  doi:10.1517/14740338.20 15.1014796

3. Wade AG et al (2014)  Add-on prolonged-release melatonin for cognitive function and sleep  in mild to moderate Alzheimer’s disease: a  6-month, randomized,  placebo-controlled, multicenter trial. Clin Interv  Aging 9:947–961.  doi:10.2147/CIA.S65625.  (eCollection 2014)

4. Landry GJ et al (2014)  Buying time: a rationale  for examining the use of  circadian rhythm and  sleep interventions to  delay progression of  mild cognitive impairment to Alzheimer’s disease. Front Aging Neurosci 6:325. doi:10.3389/ fnagi.2014.00325. (eCollection 2014)

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