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Lindert bald eine transdermale Therapie die Migräneattacken?
 
Neurologie 26. Mai 2015

Die Kopfweh-Creme

Topische Therapie mit Ketoprofen lindert schwere Migräne.

Das NSAR Ketoprofen kann offenbar auch schwere Migräne lindern, wenn Hautregionen, mit trigeminalen Nervenendigungen, im Gesicht damit eingekremt werden. Magen-Darm-Beschwerden lassen sich dadurch vermeiden.

Viele NSAR haben auch bei Migräne eine gewisse Wirksamkeit, indem sie Cyclooxygenase-Enzyme (COX) hemmen. Diese werden unter anderem von nozizeptiven Neuronen trigeminaler Ganglien exprimiert. Es liegt also buchstäblich nahe, die Ganglien ohne den Umweg über den Verdauungstrakt mit COX-Hemmern zu füttern. Dies scheint in der Tat zu klappen, wenn Hautareale über trigeminale Nervenendigungen mit einem Gel bestrichen werden, das NSAR enthält.

Auf dem Kongress der American Academy of Neurology (AAN) in Washington hat Prof. Dr. Wolfgang Liedtke von der Universität in Durham, North Carolina, nun erste Ergebnisse einer solchen transdermalen Migränetherapie vorgestellt. Die Forscher verwendeten ein spezielles Gel mit fünf Prozent Ketoprofen. Das Besondere an dem Gel: Der Wirkstoff zieht extrem schnell in die Haut ein. Nach zwei Stunden werden in der Haut 10- bis 20-fach höhere Wirkstoffkonzentrationen erreicht als mit Standardemulsionen.

Das Gel haben die Forscher nun bei 48 Migräne-Patienten und insgesamt 130 Anfällen placebokontrolliert untersucht. Die Patienten sollten die Testsubstanz in jeder Gesichtshälfte an drei verschiedenen trigeminalen Abzweigungen applizieren: Vor dem Ohr sowie seitlich über und unter der Nase.

Alle Patienten hatten seit mindestens einem Jahr Migräne-Attacken mit und ohne Aura. Für die Therapiestudie mussten sie ihre Anfälle auf einer Drei-Punkte-Skala beurteilen (leicht: 1 Punkt, schwer: 3 Punkte). Zur Behandlung bekamen sie ein Gel mit Ketoprofen sowie eines mit Placebo. Von den 130 Anfällen wurden 49 als schwer eingestuft, bei 22 davon hatten die Patienten das Ketoprofen-Gel verwendet.

Erfolg auch bei schweren Anfällen

Deutliche Unterschiede ergaben sich vor allem bei den schweren Anfällen: Innerhalb von 24 Stunden sank der Wert auf der Drei-Punkte-Skala mit Ketoprofen von 3 auf 0,7 Punkte, mit Placebo nur von 3 auf 1,5 Punkte. Über alle Patienten gemittelt gingen die Schmerzen unter Placebo innerhalb eines Tages signifikant von etwa 2,5 Punkten auf 1,2 Punkte zurück, mit dem Ketoprofen-Gel von etwa 2,5 auf 0,5 Punkte. Eine deutliche und anhaltende Schmerzlinderung oder Schmerzfreiheit wurde nach 24 Stunden bei 50 Prozent aller Patienten mit Ketoprofen beobachtet – sowohl bei denen mit moderatem als auch starkem Schmerz, dagegen erreichten unter Placebo nur 25 Prozent der Patienten mit starkem Schmerz und etwa 35 Prozent mit moderatem Schmerz einen deutlichen und anhaltenden Rückgang der Symptome in den ersten 24 Stunden nach der Gel-Applikation. Schmerzfrei waren nach vier Stunden 23 Prozent der Patienten mit dem NSAR-Gel, aber nur 15 Prozent mit Placebo.

Rettungsmedikament war seltener nötig

Migräne-assoziierte Beschwerden wie Übelkeit und Photophobie traten bei den Patienten mit dem Ketoprofen-Gel dreimal seltener auf als bei einer Placebobehandlung. Als therapiebedingte unerwünschte Wirkungen fielen vor allem leichte bis moderate Hautreizungen auf, die in der Regel rasch wieder verschwanden.

Um die Patienten nicht unnötig zu quälen, war es ihnen erlaubt, ein Rettungsmedikament – in der Regel ein Triptan – einzunehmen, wenn sie nach einigen Stunden noch Schmerzen hatten. Dies war bei 42 Prozent der Patienten unter Placebo, aber nur bei 29 Prozent unter Ketoprofen der Fall. Bei schweren Anfällen war der Unterschied mit 29 versus 56 Prozent noch ausgeprägter.

Würden die Daten in größeren Studien bestätigt, so könne eine neue „Ära der topischen Schmerztherapie“ beginnen, sagte Liedtke. Das NSAR-Gel sei möglicherweise auch zur Prophylaxe und zur Kombination mit Triptanen geeignet. Derzeit wird Ketoprofen unter der Bezeichnung ELS-M11 von Achelios Therapeutics zur transdermalen Therapie entwickelt.

 

Der Artikel basiert auf dem American Academy of Neurology (AAN) Annual Meeting, Washington, 22.4.15. Emerging Science session. Prof. Dr. Wolfgang Liedke: Topically Applied Ketoprofen Gel (ELS-M11) in the Treatment of Severe Migraine Pain.

springermedizin.de, Ärzte Woche 22/2015

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