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Neurologie 31. März 2006

Neglect-Syndrom – Suche nach der eigenen Mitte

Das Neglect-Syndrom zählt neben der Aphasie oder Apraxie zu den häufig-sten neuropsychologischen Störungen, z.B. infolge eines zerebralen Insults.

Trotz schwankender Angaben in der Literatur kann man davon ausgehen, dass Patienten nach rechtshirnigem Schlaganfall in 33 bis 85 Prozent der Fälle, Patienten nach linkshirnigem Insult in bis zu 24 Prozent der Fälle unter einem Neglect-Syndrom leiden. Ein Neglect kann sich klinisch in Form halbseitiger Explorations- und Wahrnehmungsstörungen, einem Gesichtsfeldausfall und Extinktionsphänomenen präsentieren. An weiteren assoziierten Symptomen treten eine Kopf- oder Blickdeviation, eine halbseitige Störung konstruktiver Leistungen, Körperschemastörungen, eine gestörte Krankheitswahrnehmung oder motorische Neglect-Syndrome auf. In der Praxis werden Neglect-Syndrome häufig als Vernachlässigungsphänomene (visuell, auditiv, taktil), als Beeinträchtigungen der Repräsentation, z.B. von Objekten, und als Anosognosie differenziert.

Schädigung von Hirnarealen

Für die Entstehung eines Neglect-Syndroms sind Schädigungen in mehreren Hirnarealen von Bedeutung. Die Diagnostik gestaltet sich dann besonders schwierig, wenn neben dem Neglect auch eine homonyme Hemianopsie zur vernachlässigten Körperhälfte vor-liegt. Diese beeinträchtigt nur die visuellen Qualitäten, beim Neglect hingegen liegt fast regelhaft eine multimodale Störung vor. Die Standardtherapie bei Neglect ist ein auf Übung und Kompensation basierendes Trainingsverfahren mit dem Ziel, die vernachlässigte linke Seite des Außenraumes mehr zu beachten. Diese aus der Behandlung von Patienten mit Gesichtsfeldausfällen übernommene und dort erfolgreich angewandte Methode ist bei Neglect-Patienten jedoch nur begrenzt wirksam, da sie kompensatorische Strategien vergleichsweise langsamer erwerben und weniger im Alltag umsetzen. Darüber hinaus setzt diese Behandlungsmethode nicht an den Ursachen der Störung an. Als weitere erfolgreiche Interventionen gelten neben dem Explorationstraining die Prismenadaption und die repetitive Nackenmuskel-Vibrationstherapie (NMV). Letztere basiert auf physiologischen Befunden, die zeigen, dass die Hirnschädigung bei Neglect-Patienten die neuronale Repräsentation der Körpermitte beeinflusst. Die Repräsentation der Körpermitte spielt eine zentrale Rolle als Bezugssystem für die relative Position des Individuums zu Objekten, Personen oder Schallquellen im Außenraum. Wie eine Reihe von Studien gezeigt haben, stimmt die subjektiv von den Patienten wahrgenommene Körpermitte nicht mehr – wie bei Gesunden – mit der objektiven Körpersagittalen überein, sondern ist zur Seite der Hirnschädigung, meist nach rechts, verlagert. Als Konsequenz orientieren sich diese Patienten im Alltag extrem zur rechten Seite hin und nehmen Reize nicht wahr, die sich links von dieser verschobenen Körpermitte befinden. Interessanterweise lässt sich die subjektive Wahrnehmung der Körpermitte experimentell durch eine Stimulation der Nackenmuskulatur beeinflussen. So verlagert sich bei Neglect-Patienten unter der Vibration der linken Nackenmuskulatur die subjektiv empfundene Körpermitte wieder zurück zur objektiven. Auch andere Neglect-Phänomene bessern sich kurzfristig durch Vibration.

Quelle: 3. Jahrestagung der ÖGN, 21.-23. April 2005

Dr. Andreas Winkler, Ärzte Woche 37/2004

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