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Neurologie 31. März 2006

Was macht eigentlich der Neurologe?

Die Neurologie muss sich, trotz eindeutigem Betätigungsfeld, in seiner Eigen-ständigkeit erst behaupten. Die ÄRZTE WOCHE sprach mit dem Präsidenten der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN), Prof. Dr. Franz Aichner, Leiter der neurologischen Abt. der OÖ-Landesnervenklinik Wagner-Jauregg in Linz, über das junge, mancherorts noch unverstandene Fach.

Seit einem Jahr lenkt Aichner die Geschicke der Neurologen-Gesellschaft. In dieser Zeit musste er sich unter anderem mit den Auswirkungen der gesundheitspolitischen Reformbestrebungen auseinander setzen. „Der Schwerpunkt unserer Arbeit lag in den vergangenen Monaten vor allem im Bereich der Strukturreform im Gesundheitswesen“, berichtet Aichner. „In Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Bundesinstitut für Gesundheitswesen (ÖBIG) konnten wir einen österreichweiten Versorgungsplan für die neurologische Betreuung erstellen.“ Erfreulich sei die Einsicht der zuständigen Stellen, dass Patienten mit neurologischen Erkrankungen effizienter auf spezialisierten Abteilungen als auf allgemein-internen Stationen zu therapieren sind, resümiert der ÖGN-Präsident. „So werden unserem Fachgebiet – sowohl im Akutbereich als auch in der Rehabilitation – in Zukunft mehr Ressourcen zur Verfügung stehen.“

Sie sind also mit den Ergebnissen zufrieden?
Aichner: Was den stationären Bereich anbelangt, konnten wir gute Resultate erzielen. Im ambulanten und niedergelassenen Sektor sind allerdings noch viele Probleme ungelöst. Nach wie vor sind die Ambulanzen überlaufen und beim niedergelassenen Neurologen Wartezeiten von mehreren Wochen keine Seltenheit. Offene Fragen betreffen zudem die Schlafmedizin oder eine flächendeckende Schmerzversorgung. Hier müssen interdisziplinäre Gespräche geführt werden. Eine intensive Zusammenarbeit mit anderen Fachgesellschaften ist geboten, um den Patienten eine qualitativ hochwertige Therapie im ganzen Land anbieten zu können.

Die Neurologie wird mancherorts nach wie vor als Fachgebiet mit mehr Diagnose als therapeutischen Möglichkeiten gesehen.
Aichner: Dieses Bild entspricht keinesfalls mehr der Realität. In den letzten Jahren hat sich diesbezüglich eine Menge getan. Einerseits wurden große diagnostische Fortschritte aufgrund der Erkenntnisse in der Molekulargenetik oder des funktionellen Neuro-Imaging gemacht. Man kann etwa bei Patienten mit Multipler Sklerose durch Ermittlung des individuellen Risikoprofils mittels neuer Biomarker, der Bestimmung des Genotyps sowie moderner MR-Befunde über Progression und Verlauf der Erkrankung Aufschluss gewinnen. Auf der anderen Seite konnte durch die effizientere Diagnostik auch die therapeutische Betreuung vieler neurologischer Erkrankungen verbessert werden. So stehen mittlerweile rund 15 verschiedene Antiepileptika zur Wahl. Beim Morbus Parkinson können wir neben modernen pharmakologischen Möglichkeiten seit einigen Jahren auch die Option der elektrischen Tiefenhirnstimulation einsetzen. Das Management des Schlaganfalls ist ungleich effektiver als in den vergangenen Jahrzehnten, die moderne Thrombolyse steigert die Überlebensrate deutlich. Auch der Einsatz von Botulinumtoxin in der Behandlung der Spastik ist hier zu nennen. Merkbare Fortschritte sind außerdem auf dem Gebiet der Demenzbehandlung zu verzeichnen. Zudem ist der gesamte Bereich der Neurorehabilitation eine wesentliche Säule der Therapie von MS- oder Schlaganfallpatienten. In der Neurologie ist ein therapeutischer Nihilismus also nicht mehr angebracht.

Dann ist möglicherweise das neurologische Image noch pflegebedürftig ...
Aichner: Eine jüngst durchgeführte IMAS-Umfrage beleuchtete das Wissen der Bevölkerung über die Neurologie. Tausend Österreicher wurden befragt. Die Ergebnisse sind erschreckend: Nur wenigen Personen war klar, mit welcher Thematik sich die Neurologie beschäftigt. Sogar klassische Symptome, wie Zittern oder auch Krampfanfälle, wurden nicht unserem Zuständigkeitsbereich zugeordnet. Oft wurden die Neurologen mit Psychiatern gleichgesetzt. Wir sind ein in seiner Eigenständigkeit noch sehr junges Fach, das aus der Psychiatrie und der Inneren Medizin hervorgegangen ist. Mitunter wissen nicht einmal Kollegen anderer Fachdisziplinen, wo genau unser Tätigkeitsfeld liegt. Eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit ist daher dringend nötig.

Wie geht es dem Fach nach der Trennung von der Psychiatrie?
Aichner: In den letzten Jahren haben beide Fachrichtungen eine klare Identität bekommen; die Psychiatrie wohl noch etwas mehr. Naturgemäß gibt es eine Reihe von Berührungspunkten, etwa im Bereich der Epilepsie oder der Demenzerkrankungen. Wir stehen in reger und guter Kooperation mit den psychiatrischen Kollegen. 2007 werden wir auch eine gemeinsame Jahrestagung veranstalten mit dem Hauptthema Demenz und in enger Zusammenarbeit mit der Österreichischen Alzheimergesellschaft. Nächstes Jahr treffen wir uns zudem mit den Schlaganfall-Gesellschaften des deutschsprachigen Raumes. Im Herbst vergangenen Jahres haben wir alle Primarärzte und stellvertretenden Oberärzte neurologischer Abteilungen zu einem Meeting geladen. Die Veranstaltung wurde gut angenommen und sollte einer österreichweiten Qualitätssicherung in medizinischer und organisatorischer Hinsicht dienlich sein. Zudem laufen bereits eine Reihe von Ausbildungs- und Fortbildungsveranstaltungen für Neurologen, zum Beispiel unsere Facharztseminare. Auch ein standespolitisches Forum, die „Plattform niedergelassene NeurologInnen“, wurde ins Leben gerufen.

Wie massiv sind nun die Probleme für Kollegen mit Doppelfach einzustufen?
Aichner: Hier herrscht sicher noch eine gewisse Unzufriedenheit. Es ist nachvollziehbar, dass es für niedergelassene Kollegen, die beide Fächer praktizieren, nicht zumutbar ist, die Tagungen beider Fachrichtungen zu besuchen. Wir bemühen uns daher auch um gemeinsame Veranstaltungen. Die Spezialisierung jedes der beiden Fächer schreitet allerdings zügig voran. Die ersten Kollegen, die ausschließlich Neurologen oder Psychiater sind, gehen gerade in den niedergelassenen Bereich. Für das „Auslaufmodell“ Doppelfach wird es daher in Zukunft sicher nicht einfach werden.

Wenn man sich die medizinischen Zuständigkeiten ansieht, stellt sich die Frage, ob der Neurologie nicht der „Schmerz“ abhanden gekommen ist?
Aichner: Tatsächlich war die Neurologie bislang im Bereich des Schmerzmanagements zu wenig präsent. Derzeit sind die Anästhesisten Opinion-Leader in diesem Bereich. Unser Fach hat sich allerdings besonnen und seine Rolle durch die Gründung einer Schmerzakademie neu definiert. Schließlich zählen der Rücken- und der Kopfschmerz zu den ureigensten Aufgabenbereichen der Neurologen. Dies soll die Bedeutung der Anästhesisten keineswegs schmälern. Vielmehr ist es sinnvoll, die Institutionen gegenseitig anzuerkennen und eine gemeinsame Endstrecke, hin zum Schmerzdiplom, zu etablieren. Gerade für diese Thematik ist eine enge Zusammenarbeit von Anästhesisten, Radiologen oder Orthopäden wichtig. Wir müssen erarbeiten, welche Struktur in Österreich idealer Weise zu schaffen ist, um im Sinne von Schmerzkompetenzzentren eine optimale flächendeckende Betreuung zu gewährleisten.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den zuweisenden Kollegen der Allgemeinmedizin?
Aichner: An sich funktioniert die Kooperation recht gut. Für eine gute neurologische Betreuung der Patienten müssen allerdings auch die entsprechenden Fortbildungsveranstaltungen besucht werden. Handlungsbedarf sehe ich vor allem im Bereich der Ausbildung. Es ist absolut unzeitgemäß, dass im Turnus lediglich wahlweise die Neurologie oder die Psychiatrie zu absolvieren sind. Viele Kollegen hatten ihren letzten ausbildungsrelevanten Berührungspunkt mit der Neurologie während des Studiums. Dies ist für die wichtige Rolle des Allgemeinmediziners als Gate-Keeper eindeutig zu wenig. Es geht nicht darum, die neurologischen Probleme zu lösen, sondern in der Lage zu sein, diese zu erkennen und ein weiteres zielgerichtetes Procedere einzuleiten.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 37/2004

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