zur Navigation zum Inhalt
© NiDerLander / fotolia.com
 
Neurologie 14. November 2014

Demenz, Depression oder beides

Nebenwirkungsgeleiteter Einsatz von Psychopharmaka bei alten Menschen

Weniger ist mehr, das bestätigt sich besonders deutlich bei der Medikation von alten Menschen. Bei mehr als fünf Medikamenten steigt die Wahrscheinlichkeit von klinisch relevanten Interaktionen auf bis das Zehnfache. Die Compliance nimmt bei mehr als sechs verschriebenen Medikamenten auf 20 Prozent ab. Bis zu zehn Prozent der Spitalseinweisungen sind auf unerwünschte Arzneimittelwirkung zurückzuführen.

Ein eindrucksvolles Beispiel präsentierte Prof. Dr. Christian Jagsch, Vorstand der Abteilung für Alterspsychiatrie und Alterspsychotherapie der Landesnervenklinik Sigmund Freud in Graz bei der Sommerakademie der Österreichischen Apothekerkammer in Pörtschach: Eine 75jährige Frau, die bei ihrer Einweisung in das Spital über Müdigkeit, Verwirrung, Erbrechen und Delir klagte, wies eine Medikamentenliste auf, die neun Präparate umfasste! Zu den potentiellen Verursachern zählte die Kombination dieser Medikamente, darunter Psychopharmaka, Opiate, Migränemittel und Johanniskraut. Die Therapie bestand vor allem im Absetzen der serotonergen Medikamente, die Gabe von Benzodiazepinen und eine intensive Überwachung der Vitalparameter und der Flüssigkeitssubstitution. „Es stellt sich daher nicht die Frage, welche Medikamente verabreicht werden sollen, sondern vielmehr, welche Medikamente weggelassen oder in der Dosis reduziert werden können ,“ betonte Jagsch.

Besonderheiten älterer Menschen beachten

Krankheiten werden bei älteren Menschen oft unterdiagnostiziert. Symptome sind manchmal nicht so ausgeprägt, verlaufen eher chronisch. Die kognitiven Fähigkeiten lassen nach, Beschwerden lösen hypochondrische Befürchtungen aus, auch Suizidgedanken treten auf... „Die Strategie der Behandlung ist eine große Herausforderung, es geht dabei vor allem um eine Nutzen-Risikoabschätzung. So hat eine Kohortenstudie für die Verwendung von Antipsychotika, an der 90.000 Patienten teilgenommen haben, gezeigt, dass ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse und Schlagfanfälle besteht. Das Risiko ist dosisabhängig“, warnte Jagsch.

Zu den allgemeinen Empfehlungen für eine medikamentöse Therapie alter Menschen zählen niedrige Initialdosis, etwa 50 Prozent der Dosis für Jugendliche, langsames Aufdosieren, Erhaltungsdosis wie beim jungen Patienten anstreben, Arzneimittelinteraktionen beachten, Monotherapien bevorzugen, ständige Aufklärung und Information des Patienten und Einbinden der betreuenden Personen.

Eine ständige Beratung und Aufklärung über Psychopharmaka fördert nicht nur die Sicherheit, sondern auch die Adherence, etwa im Hinblick auf Wirkung und mögliche Nebenwirkungen Dabei kann auch Hilfestellung in der Apotheke gegeben werden, etwa wenn der Patient seine Medikamente abholt. Auf häufige Nebenwirkungen kann dort bereits hingewiesen werden. Dazu zählen:

• Müdigkeit

• mangelnder Antrieb

• Achtung bei Tätigkeiten, die Aufmerksamkeit erfordern

• Schwindel, Hypotonie

• Mundtrockenheit

• Übelkeit, Sodbrennen

• Obstipation

• Gewichtszunahme

• verschwommenes Sehen, bessert sich meist

• sexuelle Funktionsstörungen – mit dem Arzt besprechen

• Rauchen, übermäßiger Kaffeekonsum, sie können die Wirkung von Medikamenten einschränken

In diesen Fällen würde die Einrichtung einer Beratungszeit in der Apotheke von etwa einer halben Stunde, wie sie ja bereits angedacht ist, wertvolle Informationsarbeit leisten. „Die Pharmakotherapie von alten Menschen muss primär nebenwirkungsgeleitet sein, in individueller Betreuung müssen je nach gesundheitlicher Verfassung die besten Möglichkeiten gesucht werden. Auch dabei kann der Apotheker beratend tätig werden“, betonte der Psychiater.

Depression versus Demenz

Die Erscheinungsbilder von Depression und Demenz sind nicht immer klar einzuordnen, nicht selten trifft auch beides zu. Zu den häufigen somatischen Erkrankungen, die zu depressiven Symptomen führen, zählen endokrine Erkrankungen, neurologische Erkrankungen und Tumoren. „Eine unbehandelte Depression kann auf den Verlauf einer körperlichen Erkrankung negative Auswirkungen haben“, warnte Jagsch: Nach Herzinfarkt erhöht sich die Mortalität auf das Vierfache, nach Apoplex auf das Siebenfachs, bei Diabetes sind erhöhte Komplikationsraten die Konsequenz. Zu den Medikamenten, die gehäuft depressive Symptome auslösen, zählen u.a. Analgetika, Antihypertensia und Cholesterasehemmer.

Risiko infolge einer Antipsychotikabehandlung

Die Auswahl von nebenwirkungsarmen Medikamenten ist in vielen Fällen besonders schwierig. Es gibt Hinweise auf eine günstige Wirkung von Carbamazepin bei Agitationen und Aggression, dabei ist aber jedenfalls auf mögliche Medikamenteninteraktionen zu achten, der Behandlungsverlauf muss engmaschig kontrolliert werden. Man beginnt mit der niedrigsten Dosis über einen möglichst kurzen Zeitraum. Schwache Evidenz liegt für Citalopram bezüglich einer günstigen Wirkung im Hinblick auf Agitation und Aggression vor.

Bei schwerer psychomotorischer Unruhe kann ein zeitlich begrenzter Therapieversuch mit Ris-peridon empfohlen werden. Alternative Psychopharmaka bei Verhaltensstörungen im Alter sind u.a. Donepezil, Galantamin, das in kontrollierten Studien evaluiert wurde, und Memantine.

Zerebrovaskuläre Ereignisse, Mortalität als Risikofaktoren

Die Auswahl der Medikamente muss auf den Allgemeinzustand des Patienten eingehen, um abzuschätzen, welche Nebenwirkungen eintreten können. So zeigt z.B. Haloperidol die höchste Mortalitätsrate. „Darum ist an die Verwendung von Valproinsäure als alternatives Medikament zu denken.“

„Das einzige bei Demenzpatienten zugelassene Antipsychotikum ist Risperdal (1-2mg), wobei der Einsatz zeitlich auf sechs Wochen beschränkt ist“, bezieht sich der Psychiater auf die derzeitige Lage. Die Gabe anderer Antipsychotika erfolge „off-label“ und ist somit an strenge Vorgaben hinsichtlich Aufklärung, Diagnose und Dokumentation gebunden.

Zu den nichtpharmakologischen Behandlungen zählt Jagsch eine aktivierende Pflege mit Einbindung der Angehörigen, – auch dabei kann der Apotheker beraten. Wichtig ist auch, die Auslöser für Verhaltensstörungen zu identifizieren, sensorische Defizite auszugleichen und körperliche sowie geistige Aktivitäten anzuregen.

Gerade bei der Behandlung von alten Menschen zeigt sich, was Fluch oder Segen von Psychopharmaka bedeuten können.

 

Quelle: Sommerakademie der Österreichischen Apothekerkammer, Pörtschach 27. - 29. Juni 2014, „Psychopharmaka - Fluch oder Segen?“

G. Niebauer, Apotheker Plus 9/2014

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben