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Neurologie 10. November 2014

Neue Wunderdroge?

Valide Daten fehlen noch, in der Praxis wird Vitamin D aber bereits des öfteren gegen Multiple Sklerose eingesetzt.

Hinweise gibt es viele für eine Rolle der Vitamin-D-Versorgung bei Multipler Sklerose (MS). Harte Evidenz dazu fehlt allerdings. In der Praxis setzen viele Experten dennoch Supplemente ein.

Ein Pro und Kontra sollte es werden bei der Neurowoche 2014 in München. Die Experten waren sich aber dann doch relativ einig in ihrer Praxis: Bei MS-Patienten Vitamin-D-Spiegel bestimmen und Vitamin D supplementieren.

Der Hintergrund: In Deutschland ist die Prävalenz einer Unterversorgung mit Vitamin D hoch: „80 Prozent der Menschen erreichen einen empfohlenen Serumspiegel von 100 nmol/l nicht“, erläutert Doz. Dr. Michael Linnebank von der Klinik für Neurologie des Universitätsspitals Zürich. Bei Patienten mit MS sei die Unterversorgung sogar noch viel ausgeprägter.

Vitamin D spielt eine Rolle bei der weltweit beobachteten Assoziation von höherer MS-Prävalenz in Ländern mit geringerer Sonnenlichtexposition und es lässt sich auch eine Assoziation zwischen Vitamin-D-Spiegel und MS-Prävalenz feststellen. In vitro-Belege sprechen für vielfältige Funktionen von Vitamin D auf das Immunsystem, ähnlich dem Interferon-beta, das zur Therapie der MS eingesetzt wird. Vitamin D beeinflusst regulatorische T-Zellen mit einem Shift hin zu einer entzündlichen TH1-Antwort bei einem Vitamin-D-Mangel, argumentiert Linnebank.

Überschuss bringt keinen Vorteil

Klinisch scheint Vitamin-D-Mangel die MS-Aktivität zu erhöhen, ein ausreichender Spiegel die Aktivität abzumildern. Ein Mehr an Vitamin D über die definierten Serumspiegel hinaus hat dann allerdings keine zusätzlichen Effekt mehr. Da fast alle Patienten mit MS eine Mangelversorgung haben, ist die Substitution des Vitamins bei Linnemann Routine.

Der für die Kontra-Position eingeladene Direktor der Klinik für Neurologie der Universität Regensburg, Prof. Dr. Ulrich Bogdahn, gab zu, dass er bei all seinen Patienten Serumspiegel bestimme und sogar selbst Vitamin D einnehme. Man wisse aber immer noch nicht, ob Vitamin D tatsächlich ein wichtiger Faktor der Pathogenese der MS sei und wie die pathophysiologische Rolle des Vitamins aussehen könne.

Was man wisse, sei, dass bei allen Autoimmunerkrankungen ein Vitamin-D-Mangel häufig zu beobachten sei – teils auch sekundär als Reaktion auf entzündliche Prozesse. Studien bei Rheumatoider Arthritis oder einigen Krebserkrankungen weisen auf einen günstigen Effekt hinsichtlich der Krankheitsaktivität hin und es ist bisher nicht zu negativen Studien mit Vitamin D gekommen.

Zur Prävention wie zur Therapie der MS mit einer Vitamin-D-Supplementation gibt es derzeit keine validen Daten. Das Problem ist die große Zahl von anderen Einflussfaktoren, z. B. der Immunogenetik, die noch wenig verstanden ist, dem Freizeitverhalten, dem möglicherweise unterschiedlichen Bedarf im Individuum oder der Ernährung und dem Alkohol- und Tabakkonsum.

Bessere Evidenz ist zu erwarten

Zum Thema Vitamin-D-Supplementation bei MS laufen derzeit aber 19 Studien. Es ist also in einigen Jahren eine bessere Evidenzlage zu erwarten. Die sollte man abwarten, mahnten Diskutanden im Plenum an und erinnerten an Studien mit Supplementation von Hochdosis-Vitamin-E oder Spurenelementen bei Krebs, die nicht nur keine Wirksamkeit, sondern ein ungünstigeres Ergebnis bei Supplementation gezeigt hatten. Im Übrigen stelle sich die Frage, wie ein Grenzwert zustande komme, bei dem 80 Prozent und mehr aller Menschen eine Unterversorgung aufweisen.

Ein Argument für die Vitamin-D-Supplementation warfen die Experten dann aber doch noch in die Waagschale: Zusammen mit Kalzium sei es in seiner Rolle für den Knochenstoffwechsel gerade für MS-Patienten wichtig.

Quelle: Neurowoche 2014, München, 15.–19. September 2014

springermedizin.de, Ärzte Woche 46/2014

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