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Neurologie 12. September 2014

Kopfschmerz – ein Klassiker

Apothekerkompetenz – Grenzen der Selbstmedikation

Mit fast 70 Prozent aller Österreicher über 15 Jahren, die zumindest einmal im Monat an Kopfschmerzen leiden, kann man wohl von einer Volkskrankheit sprechen. Noch dazu handelt es sich nicht nur um ein einziges Krankheitsbild – es gibt etwa 200 Arten von Kopfschmerz. Dementsprechend schwierig sind daher Diagnose und Therapie. Meist ist der erste und häufigste Ansprechpartner der Apotheker, er wird um Rat gefragt, welche Tabletten wohl helfen könnten.

„Angesichts der hohen Prävalenz des Kopfschmerzes und der Tatsache, dass viele Patienten mit diesem, oft unterbewerteten Leiden keinen Arzt aufsuchen, kommt der Beratung in der Apotheke besonders große Bedeutung zu“, postulierte Prof. Dr. Christian Wöber, Univ. Klinik für Neurologie in Wien, anlässlich einer Fortbildungswoche der Österreichischen Apothekerkammer in Schladming. Bedrohliche Kopfschmerzursachen seien zwar selten, müssten aber vor jeder Selbstmedikation ausgeschlossen werden. Mit gezielten Fragen über den allgemeinen Gesundheitszustand, bereits verordnete Medikamente, Intensität und Dauer des Schmerzes muss der Apotheker die Entscheidung treffen, ob eine Selbstmedikation verantwortbar ist, oder ob ein Arzt aufgesucht werden muss. „Auch wenn ein Patient bereits längere Zeit hindurch Medikamente einnimmt, aber keine Besserung eintritt, muss ärztlicher Rat eingeholt werden“, empfiehlt Wöber.

Ein Kopf – 200 Schmerzbilder

Was die richtige Auswahl der Medikamente so schwer macht, ist die Vielfalt des Kopfschmerzes mit etwa 200 verschiedenen Erscheinungsformen. Zu den häufigsten primären Kopfschmerzen zählen Verspannungskopfschmerz, gefolgt von Migräne (altgriechisch für halber Schädel,) ein anfallsartig auftretender Schmerz, der oft nur die halbe Kopfhälfte betrifft; der medikamentenbedingte Kopfschmerz, der trigemino-autonome Clusterkopfschmerz, Kopfschmerz ausgelöst durch Nahrungsmittel, Flüssigkeitsentzug, Alkohol, möglicherweise auch Histaminunverträglichkeit, Folgen von sportlicher oder sexueller Überaktivität, übermäßiger Kälte- oder Hitzeeinwirkung. Sekundär ausgelöste Kopfschmerzen können durch Traumen, Störungen der kraniozervikalen Gefäße, Infektionen, etwa der Nebenhöhlen, der Zähne oder des Mundes, Neuralgien, psychische Störungen oder Tumoren ausgelöst werden.

Genaue Anamnese erstellen

Wie stellt man nun aus dieser Vielfalt der Krankheitsbilder die richtige Diagnose? „Für den primären Kopfschmerz gibt es keine Biomarker, deshalb führt nur eine genaue Anamnese zur richtigen Diagnose. Daher hat das Gespräch zwischen Patient, Apotheker und Arzt besondere Entscheidungskraft. Etwa 95 Prozent der Kopfschmerzen können auf Grund dieses Informationsaustausches dia-gnostiziert werden“, so Wöber.

Für die Diagnose der sekundären Kopfschmerzen sind spezifische Methoden erforderlich, wie bildgebende Diagnostik, Labor-und Liquordia-gnostik. „Mit diesen Untersuchungen soll auch geklärt werden, ob eventuell ein Tumor die Ursache der Schmerzen ist. Mit persönlicher Aufklärung können viele Patienten von unnötiger Angst befreit werden“, betont Wöber.

Akutbehandlung – Prophylaxe

Bevor man eine Behandlung beginnt, empfiehlt der Neurologe, ein Kopfschmerztagebuch, einen Fragebogen, der in der Kopfschmerzambulanz zur Verfügung steht, oder einen Kopfschmerzkalender anzulegen. Der Patient soll über prinzipielle Therapiemöglichkeiten informiert werden. Eine Kombination von medikamentösen und nicht-medikamentösen Maßnahmen hält Wöber jedenfalls für effektiver als eine Monotherapie.

Migräne – unterdiagnostiziert, untertherapiert

Obwohl Migräne an siebenter Stelle der schmerzintensiven Krankheiten steht, wird sie oft nicht ernst genommen. Von 100 Patienten mit durchschnittlich vier bis fünf Attacken im Monat sind 26 noch nie bei einem Arzt, geschweige denn bei einem Neurologen gewesen. Infolge dessen erhält nur rund ein Viertel der Patienten eine ausreichende Therapie. Migräne entsteht durch Nervenimpulse in der Hirnhaut, die aus verschiedenen Anlässen auftreten können und starke, pulsierende Schmerzen in einer Kopfhälfte bewirken.

Aura als Muse ?

Die Migräne mit Aura geht auch mit Seh- und Sprechstörungen einher. Der Neurologe Klaus Podoll von der Neurologischen Univ. Klinik in Aachen bezeichnet Kopfschmerz mit Aura als ein „neurologisches Gewitter“. Er hält es sogar für möglich, dass namhafte Künstler, wie der Maler Giorgio Chirico und Vorläufer des Surrealismus, wie Picasso oder Dali, von diesen Sinnesstörungen der Aura bei ihrer Arbeit unterschwellig beeinflusst gewesen sein könnten.

Kein starres Therapieschema

Für die Akuttherapie der Migräne – wie überhaupt für die Behandlung des Kopfschmerzes – rät Wöber zu individuellen Strategien. Im Fall der Migräne empfiehlt er bei Wirkungslosigkeit von Analgetika und NSAR zu Triptanen und Ergotaminen in Tablettenform oder Nasenspray, etwa Ergotamintartrat mit Koffein. Als vorbeugende Maßnahmen können auch Betablocker, Kalziumkanalblocker, Antiepileptika oder Antidepressiva verordnet werden.

Spannungskopfschmerz – Auslöser: Stress

Ein Kennzeichen unserer reizüberfluteten, leistungsorientierten Gesellschaft: Bis zu 40 Prozent der Erwachsenen leiden an Spannungskopfschmerz und bedienen sich des reichen Tablettenangebotes. Doch davor warnt der Neurologe. „Bei nicht allzu starken Schmerzen nicht wahllos Medikamente schlucken, den Apotheker um Rat fragen, vorbeugend können stimmungsmodulierende Mittel, wie Antidepressiva helfen. Als Prophylaxe der ersten Wahl gilt immer noch Amitriptylin.“ Für die Selbstmedikation eignen sich auch u.a. Paracetamol, ASS oder Ibuprofen. Als nicht-medikamentöse Verfahren bieten sich Entspannungsübungen, Physiotherapie und Manualmedizin an.

Grenzen der Selbstmedikation erkennen

Bei häufig wiederkehrenden Kopfschmerzen, die trotz Selbstmedikation die Lebensqualität einschränken oder mit anderen Symptomen wie Erbrechen und neurologischen Ausfällen einhergehen, muss unbedingt der Arzt aufgesucht werden, wobei auch dabei der Apotheker, der den Zustand des Patienten kennt, beraten kann. „Beratung ist die verantwortungsvolle Aufgabe des Apothekers, vor allem, wenn es gilt, die Grenzen der Selbstmedikation zu erkennen“, fasste Wöber zusammen.

 

Quelle: Fortbildungswoche der Österr. Apothekerkammer, Schladming, Februar 2014

G. Niebauer, Apotheker Plus 7/2014

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