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Neurologie 30. Juni 2005

Ein Fach mit großer Zukunft

Die Neurologie wird im Zuge der kommenden Strukturreformen im Gesundheitswesen voraussichtlich eine Aufwertung erfahren. Die ÄRZTE WOCHE sprach mit dem designierten Präsidenten der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie, Prof. Dr. Franz Aichner, Leiter der Neurologischen Abteilung der Oberösterreichischen Landesnervenklinik Wagner-Jauregg in Linz.

Vorerst einmal Gratulation zu Ihrer bevorstehenden Präsidentschaft. Welche Ziele haben Sie sich in Ihrer Amtsperiode gesteckt?
Aichner: Mir scheint es wichtig, jene Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft, die klinische Relevanz aufweisen, in die Praxis einfließen zu lassen. Nach „evidence-based“-Kriterien und nicht zuletzt auch unter dem Blickwinkel der Ökonomie. Schließlich muss auch eine moderne Medizin leistbar sein. Daher ist eine Standortbestimmung unseres im Fluss befindlichen Faches nötig: Welche Spezialisierungen bedürfen welcher Strukturen?
Die Gesellschaft muss Infrastrukturen schaffen, um an die Patienten heranzukommen. Es macht sicher Sinn, wenn es nur wenige spezialisierte Zentren gibt, die Patienten mit bestimmten – selteneren – Krankheitsbildern behandeln und dementsprechende Erfahrung sammeln können. Leider ist oft der ärztliche Ehrgeiz mancherorts zu groß, als dass von einer bestimmten Aufgabe abgelassen werden würde.

Um welche Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft geht es hier?
Aichner: Im Bereich der Multiplen Sklerose ist zur Zeit etwa der Versuch zukunftsweisend, das individuelle Risikoprofil der Betroffenen zu ermitteln. Mittels neuer Biomarker, der Bestimmung des Genotyps, sowie moderner MR-Befunde können Rückschlüsse über Progression und Verlauf der Erkrankung gezogen werden. Die neuen Verfahren sind nicht nur von wissenschaftlichem Interesse, sondern liefern für die individuelle Therapie sehr wertvolle Erkenntnisse. Eine immunmodulatorische Behandlung kann entsprechend initiiert oder angepasst werden. Bei den therapeutischen Interventionen im Bereich des Morbus Parkinson steht uns neben verbesserten pharmakologischen Möglichkeiten seit einigen Jahren auch die elektrische Tiefenhirnstimulation zur Verfügung. Bei Patienten mit schweren dystonen Störungen, wie etwa dem Schiefhals, stellt sie ebenfalls eine Behandlungsoption dar. Auf dem Gebiet der Schmerzforschung ist vor allem die Interdisziplinarität hervorzuheben. Die Neurologie ist nur ein Rädchen in der therapeutischen Palette. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Anästhesisten, Radiologen oder Orthopäden ist wichtig. Wir müssen erarbeiten, welche Struktur in Österreich idealer Weise zu schaffen ist, um im Sinne von Schmerzkompetenzzentren eine optimale flächendeckende Betreuung zu gewährleisten.

Wie sieht es mit der flächendeckenden Versorgung von Stroke-Units in Österreich aus?
Aichner: Die frühzeitige Einweisung in eine Stroke-Unit kann Schlaganfall-Spätfolgen in vielen Fällen verhindern oder zumindest deutlich lindern. Die Etablierung ausreichend vieler Stroke-Units ist in Österreich schon weit vorangeschritten. International gesehen sind wir hier, was die Flächendichte als auch die Qualität der Einrichtungen betrifft, vorbildlich. Die flächendeckende Versorgung ist noch nicht ganz erreicht. Allerdings stehen bis zum Jahr 2005 über 40 Stroke-Units zur Verfügung. Nach einem Masterplan sollen die Stroke-Units von jedem Punkt in Österreich aus innerhalb von 30 bis spätestens 45 Minuten erreichbar sein.
Allerdings ist die Implementierung einer rechtzeitigen Thrombolysetherapie in Österreich noch nicht ausreichend. Auch auf eine flächendeckende Möglichkeit zur Nachbehandlung darf nicht vergessen werden. Patienten müssen heute mitunter drei bis sechs Monate auf einen Rehabilitationsplatz warten. Dies stellt selbstverständlich ebenfalls eine politische Entscheidung im Sinne der Ressourcenverteilung dar.

Im Zuge der Einsparungsmaßnahmen sind viele Fachgebiete von einer Streichung der Bettenzahlen betroffen. Wie ist der Stand in der Neurologie?
Aichner: Die Neurologie ist eines der wenigen Fächer, die diesbezüglich wächst und, in Übereinkunft mit dem ÖBIG (Österreichisches Bundesinstitut für Gesundheitswesen), sogar mehr Betten zur Verfügung gestellt bekommt. Dies ist dem Umstand zuzuschreiben, dass viele Patienten mit neurologischen Erkrankungen zur Zeit auf internen Abteilungen mitbehandelt werden. 50 bis 70 Prozent aller Schlaganfallpatienten werden etwa auf internen Stationen therapiert, auch viele Epilepsiekranke oder MS-Patienten, die eine neurologische Fachbetreuung bräuchten, liegen auf anderen Abteilungen. Daher wird hier eine wesentliche Umschichtung erfolgen müssen. Unserem Fachgebiet werden sowohl im Akutbereich als auch in der Rehabilitation mehr Ressourcen zur Verfügung stehen. Schon vergangene Periode wurde mit dem ÖBIG abgeklärt, welche Behandlungen als Standard für neurologische Abteilungen zu gelten haben und wie Schwerpunktabteilungen definiert werden.

Wie sieht es seit der Trennung von der Psychiatrie mit dem Berufsbild der Neurologen aus?
Aichner: Die Bevölkerung weiß oft nicht genau über den Aufgabenbereich der Neurologen Bescheid. Dies gilt sogar auch für viele Kollegen. Daher halte ich es für sinnvoll, die Gesellschaft dafür einzusetzen, entsprechende PR-Arbeit zu machen. Obwohl Psychiatrie und Neurologie nun getrennte Wege gehen und sich jedes der beiden Fächer zunehmend spezialisiert, gibt es doch nach wie vor viele gemeinsame Anliegen und Schnittstellen, an denen wir zusammenarbeiten, etwa auf dem Gebiet der Epilepsie oder der Demenz. Die Trennung war sicher ein sinnvoller Schritt, denn zwischen der Psychotherapie und einer hochspezialisierten MS-Therapie liegt einfach ein sehr weites Spektrum. Natürlich bedeutet dies für den niedergelassenen Kollegen mit Doppelfach oft auch eine höhere Belastung: Schließlich müssen diese Kollegen nun auch auf rund doppelt so viele Kongresse fahren, die Fortbildungen laufen meist getrennt.

Ihr Vorgänger kritisierte in der Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin, dass entweder nur Neurologie oder nur Psychiatrie absolviert werden muss...
Aichner: Dies ist sicherlich nicht haltbar. Es ist nicht akzeptabel, dass ein niedergelassener Allgemeinmediziner, der im Turnus die psychiatrische Richtung wählte, seinen letzten Kontakt mit der Neurologie zu Studienzeiten hatte. Zudem sind drei Monate Neurologie generell zu wenig. Bei der zukünftigen Ausbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin fordern wir daher eine neunmonatige neurologische Ausbildung, um dem großen Stellenwert des Faches in der täglichen Praxis gerecht werden zu können. Vom Schlaganfall bis zum Kopfschmerz stellen die neurologischen Erkrankungen häufige Diagnosen dar, deren Gefährlichkeit auch entsprechend eingeschätzt werden muss. Für die jungen Kollegen im Turnus müssen wir Spitalsärzte auf jeden Fall mehr in die Ausbildung investieren. Nur mit einem effizienten „bed-side-teaching“ können wir gewiss sein, die künftigen niedergelassenen Kollegen gut vorbereitet zu haben. Es liegt an uns im Sinne einer Bringschuld, die Turnusärzte nicht im Regen stehen zu lassen.

Welchen Wunsch hätten Sie an die niedergelassenen Allgemeinmediziner?
Aichner: Im Krankenhausbereich behandeln wir eigentlich zu viele neurologische Patienten. Die Allgemeinmediziner sollten eher zu den niedergelassenen Kollegen zuweisen, als in die Spezialabteilungen der Häuser. Natürlich umgeht man in einer Spitalsambulanz die oft wochenlangen Wartezeiten beim niedergelassenen Neurologen. Dieses Manko zu beseitigen ist allerdings eine gesundheitspolitische Entscheidung.

Sind Sie mit dem neurologischen Notfallmanagement der Hausärzte zufrieden?
Aichner: Die Sensibilität für neurologische Notfälle hat sicherlich in den letzten Jahren zugenommen. Nicht zuletzt durch die Etabilierung des Notarztsystems. Es spricht sich immer mehr herum, dass ein Schlaganfall oder eine Subarachnoidalblutung Notfälle sind, die schleunigst in einer Spezialabteilung behandelt werden müssen. Das Erkennen der Notfälle und das Wissen um die Behandlungsmöglichkeiten bedarf aber einer entsprechend umfassenden neurologischen Grundausbildung.

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