zur Navigation zum Inhalt
 
Neurologie 30. Juni 2005

Die vielen Facetten des zentralen Schmerzes

Im Allgemeinen wird zentraler Schmerz definiert als Schmerz, der nach einer Läsion beziehungsweise Dysfunktion des ZNS entsteht. Fast jede Art von Läsion im Gehirn oder Rückenmark kann zentralen Schmerz auslösen. Mögliche Erkrankungen, die mit zentralem Schmerz einhergehen, sind zerebrovaskuläre Verletzungen, Multiple Sklerose, traumatische Rückenmarksverletzungen und Syringomyelie. Entscheidend dabei ist, dass die Leiden durch einen primären Prozess im ZNS ausgelöst werden. Die ungefähre Inzidenz dieser Krankheiten liegt, je nach Gruppe (Rückenmarksverletzungen, MS, intrazerebrale Gefäßverletzungen) zwischen 8 und 30 Prozent. 

Dr. Jörgen Boivie vom Universitätsklinikum Linköping in Schweden betonte, dass dabei die Position der Läsion eine gewichtige Rolle spielt, mehr noch als deren Ursache. Alle Verletzungen, die zentralen Schmerz verursachen, beeinflussen auch die somatosensorischen Bahnen. Vermutete man noch vor einiger Zeit, dass eine Läsion im Thalamusbereich nachgewiesen werden muss, so setzt sich heute die Meinung durch, dass sie sich auf jedem beliebigen Niveau der Neuraxis (Kortex, Hirnstamm, Rückenmark) befinden kann. Der Schmerz muss auch nicht sofort (chronisch) auftreten, so erscheint er beim Schlaganfall und bei traumatischen Rückenmarksverletzungen manchmal erst nach Jahren.

Individuelle Empfindung

Boivie stellt klar, dass der Schmerz beziehungsweise dessen individuelle Empfindung und Intensität stark variabel ist und von einer Vielzahl von veränderlichen Größen abhängt. So ist es keine Ausnahme, dass sich bei Patienten mit derselben neurologischen Diagnose die Schmerzqualitäten beträchtlich unterscheiden. Zumeist ist der Schmerz konstant, doch kann er auch anfallsartig hereinbrechen. Der Schlaganfall provoziert einen Halbseitenschmerz (75%), während er bei MS zumeist in Beinen und Füßen (90%), aber auch in den oberen Extremitäten (36%) lokalisiert sein kann. Zentraler Schmerz tritt mit sensorischen Störungen, manchmal auch mit neurologischen Symptomen auf (so findet sich zum Beispiel nur bei zirka 50% von Stroke- und MS-Patienten eine Parese).

Somatosensorische Störungen

Sensorische Störungen machen sich erfahrungsgemäß durch Abweichungen in Temperatur- und Schmerz-Sensibilität und einer gesteigerten, äußerst schmerzlichen Hyperempfindlichkeit für Sinnesreize (Hyperästhesie) bemerkbar. Berührung und Temperaturschwankungen verstärken oder verursachen Schmerz. 
Demgegenüber steht eine herabgesetzte somatische Sensibilität, die nicht mit dem Schmerz korreliert. Diese Beobachtungen dienen als Grundlage für die Hypothese, dass zentraler Schmerz durch Noxen in der spinothalamischen Bahnen, einschließlich ihrer thalamokortikalen Projektionen, verursacht wird. Als besonders problematisch sieht Boivie die miserable Wirksamkeit von Analgetika beim zentralen Schmerz. In Einzelfällen kann Patienten mit Hilfe einer transkutanen, elektrischen Nervenstimulation (TENS) geholfen werden. Abgesehen davon werden in erster Linie trizyklische Antidepressiva und antiepileptische Medikamente eingesetzt. Vollständige Schmerzentlastung ist selten, aber viele leidgeplagte Patienten bewerten schon eine bescheidene Schmerzerniedrigung als positiv.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben