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Neurologie 30. Juni 2005

"Neurologie ist dramatisch geworden"

Die ÄRZTE WOCHE sprach mit Prof. Dr. Werner Poewe, dem amtierenden Präsidenten der ÖGN, der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie, über den Stellenwert der Neurologie in der modernen Medizin, bahnbrechende Entwicklungen und aktuelle Trends in diesem Fach. 

Wie hat sich die Position der Neurologie in der Medizin verändert? 

Poewe: In der Neurologie haben sich in den vergangenen 20 Jahren vor allem zwei Bereiche sehr verändert: Das Eine ist die steigende Prävalenz neurologischer Erkrankungen durch die demografischen Veränderungen, zum Beispiel beim Schlaganfall oder bei den neurodegenerativen Erkrankungen. Das Zweite ist die enorme Weiterentwicklung der technischen Diagnostik, insbesondere der Bildgebung, also die nuklearmedizinischen, funktionellen Imaging-Verfahren und vor allem die MR-Diagnostik. 

Parallel dazu ging eine wirklich explosionsartige Entwicklung der Neurowissenschaften vor sich, vorrangig der molekularen Neurowissenschaften, die verstehen lassen, wie bestimmte Nervenzellerkrankungen auf der Ebene des Moleküls des zu Grunde liegenden Gens und der Eiweißprodukte zustande kommen. Damit eröffnet sich die Möglichkeit der genetischen Diagnostik. 

Welche Konsequenzen haben sich daraus ergeben?

Poewe: Das alles hat eine therapeutische Implikation bis dahin ,dass wir ernsthaft und ohne Futurismus darüber nachdenken können, Gentherapie zu betreiben, restaurative Therapien, Transplantationen oder Stammzelltherapie. Es eröffnet sich ein völlig neuer Horizont an Möglichkeiten neurologischer Behandlungen. So hat die Bedeutung der Neurologie sowohl im Bewusstsein der Bevölkerung als auch der verantwortlichen Politiker enorm an Stellenwert gewonnen. Neurologie ist nicht mehr das, was sie vielleicht vor 20 Jahren war, sie ist ein hoch gerüstetes diagnostisches und therapeutisches Fach geworden. Früher gab es in einer akuten Notfallsituation wenige Optionen. Auf einmal kommt es auf Zeit an. Heute geht? zum Beispiel beim Schlaganfall darum, einen Patienten als eventuellen Kandidaten für eine Lysetherapie innerhalb von drei Stunden exakt zu identifizieren. Notfallsmangement spielt also im Gegensatz zu früher eine große Rolle in der Neurologie. Die Neurologie ist dramatisch geworden. 

In der Schlaganfallversorgung wurde mit den Stroke units ein sehr erfolgreiches Modell geschaffen... 

Poewe: Gesundheitspolitisch planende Stellen haben die Notwendigkeit des Schaffens adäquater Strukturen in der Schlaganfallversorung erkannt. Wir sind mit den Stroke units im internationalen Vergleich sehr gut. Die Kombination "akute Notfallsversorgung auf der Überwachungsstation plus adäquate Nachbehandlungsstrukturen" ist in Österreich modellhaft vorangeschritten. 

Wie ist die Zusammenarbeit mit anderen Fächern?

Poewe: Auch in der universitären Szene, innerhalb der medizinischen Fakultäten, hat sich auf Grund des Booms der Neurowissenschaften natürlich auch die Position der Neurologie sehr stark verändert. Es gibt an vielen Universitäten im europäischen Ausland so genannte Neurozentren, wo sich die Neurologie, die Neuroradiologie, die Neurochirurgie und die Grundlagenfächer zusammenfinden, mit dem Ziel, das Optimum herauszuholen für hochmoderne Patientenversorgung und Diagnostik. 

Und die Grabenkämpfe zwischen Neurologen und Internisten wurden im Großen und Ganzen von Beginn an vermieden. In Innsbruck haben wir keine Zeit für Grabenkämpfe, weil immer soviel zu tun ist, weil die Versorgungsdichte möglicherweise hier und da geringer ist. In einer Stadt wie Wien, wo ein sehr großes Angebot an medizinischen Ressourcen besteht, kann es vielleicht eher zu einem Streit um Zuständigkeiten kommen. 

Welche bahnbrechende Entwicklungen hat das vergangene Jahrzehnt mit sich gebracht?

Poewe: Bahnbrechend ist sicherlich der Erkenntniswandel, wie man mit Schlaganfall umzugehen hat - hin zur akuten und schnellen Intervention, Lyse und Stroke unit und Frühbeginn der Rehabilitation. Einfach das Bewusstsein, dass beim Schlaganfall unheimlich viel zu holen ist, das ist bahnbrechend. Und dass es eine Nervenzellplastizität gibt, die Funktionen wieder herstellbar macht und es auch im Erwachsenengehirn regenerations- und teilungsfähige Nervenzellen gibt. Auch die Fortschritte der Neurogenetik sind ein Durchbruch. Wir verstehen immer mehr genetische Ursachen neurologischer Erkrankungen und können auch die Mechanismen aufklären. Und wir können jetzt zielgerichtet therapieren, zum Beispiel bei der Epilepsie. Früher hat man die Antiepileptika nach dem Zufallsprinzip entwickelt, heute studiert man die Mechanismen im epileptischen Zellentladungsvorgang, Rezeptoren werden identifiziert und danach Pharmaka entwickelt. Auch das Denken hat sich gewandelt, weg von der nur symptomatischen Linderung hin zum präventiven Denken und Restorationsdenken. Das ist was absolut Epochales, das ist ein Wandel, der sich in der Neurologie vollzogen hat. 

Welche sind Ihre persönlichen Ziele in Ihrer Amtsperiode als Präsident der ÖGN?

Poewe: Ein Ziel ist der Ausbau der Fortbildungsprogramme der ÖGN, die konsequent weiterentwickelt werden sollen, auch im elektronischen Bereich. Und dann der weiterführende Kampf um die richtige Repräsentanz des Faches in der Ausbildung der Allgemeinärzte - Stichwort Turnus. Ich bin fest davon überzeugt, dass eine neurologische Grundausbildung für den Allgemeinarzt erforderlich ist, das "Entweder Psychiatrie oder Neurologie für zwei Monate" - das ist untragbar. Das muss geändert werden. Weiters wünsche ich mir, dass wir es schaffen, eine Fortbildungsakademie zu etablieren mit jährlichen Kongressen für Neurologie. 

Thema Gentherapie: Welche neurologische Erkrankung wird am ehesten gentherapeutisch behandelt werden können?

Poewe: Ich denke, bei der Parkinsonerkrankung könnte das möglich sein, weil da eine bestimmte Zellpopulation erkrankt ist. Naheliegend wäre also das Einbringen von gentechnisch modifizierten, Dopamin-produzierenden Zellen.

Welche Zukunftsperspektiven sehen Sie in der Neurologie? 

Poewe: Ich glaube, es geht hin zur Reparation neurologischer Erkrankungen auf der einen Seite und zur Prävention durch Früherkennung auf der anderen Seite. Ich denke, wir werden die Möglichkeit der Zellreparatur erleben, wahrscheinlich eine Kombination aus Gen- und Stammzelltherapie. Dann wird sicher irgendwann die präklinische Diagnostik durch genetische Marker möglich sein, so dass man Risikopatienten frühzeitig identifizieren kann - wenn man zum Beispiel Alzheimerpatienten zehn Jahre vor einer Symptomatik bereits erkennt und rechtzeitig behandelt. 

Dr. Hannelore Nöbauer, Ärzte Woche 5/2003

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