zur Navigation zum Inhalt
 
Neurologie 30. Juni 2005

Neue Erkenntnisse zur Epilepsie

Unsere Gesellschaft hat noch immer nicht gelernt, mit der Epilepsie umzugehen. Einerseits ist sie noch immer mit einem sozialen Stigma und Vorurteilen behaftet, gilt jedoch andererseits als Erkrankung besonders begabter Menschen. So wird vermutet, dass Berühmtheiten wie Alexander der Große, Julius Cäsar, Napoleon Bonaparte, Isaac Newton, sowie Apostel Paulus und Prophet Mohammed epileptische Anfälle hatten. Dabei kommt es zu einer plötzlichen, unkontrollierten, sich ausbreitenden Entladung einzelner Nervenzellverbände. 

Die bekannten Grundlagen 

Die dabei betroffenen Gehirngebiete geben dem epileptischen Anfall seine kennzeichnende Ausprägung und individuelle Erscheinungsform. Grob werden je nach Entstehungsmechanismus fokale von generalisierten Anfällen unterschieden. Bei fokalen Attacken wird zunächst ein abgegrenzter Bereich des Großhirns von der epileptischen Entladung betroffen, die sich dann weiter ausbreiten und zusätzliche Symptome hervorrufen kann. Beim generalisierten Anfall sind beide Großhirnhälften epileptisch aktiviert.

Hirnverletzungen, -blutungen oder -entzündungen, massiver Blutzuckerabfall, Alkoholentzug, Sauerstoffmangel, Vergiftungen und dergleichen können einen einzelnen Anfall hervorrufen. Doch erst wenn bei einem Menschen ohne ersichtlichen Grund mindestens zwei bis drei epileptische Anfälle aufgetreten sind, spricht man von der Krankheit Epilepsie. In Österreich kommt die Erkrankung mit einer Prävalenz von immerhin (je nach Quelle) 0,8 bis 3% und einer jährlichen Neuerkrankung von 5 pro 100.000 Einwohner vor. Damit gilt die Epilepsie als dritthäufigste neurologische Erkrankung nach Schlaganfall und Demenz.

Das Risiko, an Epilepsie zu erkranken, ist in den ersten Lebensjahren und ab dem 60. Lebensjahr besonders hoch. Sie ist keine Erbkrankheit, jedoch eine erhöhte Bereitschaft zu Anfällen wird vererbt. Daher wurden allfällige genetische Ursachen auch am 6. Kongress der European Federation of Neurological Societies in Wien von dem Experten Dr. John G. R. Jefferys von der University of Birmingham erörtert. In epileptischen Hirnregionen kommt es zu Ungleichgewichten der physiologischen, biochemischen Vorgänge, vor allem an den exzitatorischen und hemmenden Synapsen. Außerdem werden übererregbare Neuronen zu Schrittmacherzellen und aktivieren synchron größere Neuronenverbände - die epileptische Erregung breitet sich aus. 

Ergebnisse der Genforschung

Dabei spielen Veränderungen der Elektrolyte (Natrium, Kalium und Kalzium) sowie der hemmenden Neurotransmitter, insbesondere Gamma-Aminobuttersäure (GABA), eine enorm wichtige Rolle. "Zu genau diesen Prozessen hat die Genetikforschung in der Epilepsie einige Mutationen mit direkten physiologischen Konsequenzen aufgedeckt. So können beispielsweise generalisierte Epilepsieanfälle fiebrigen Ursprungs durch zwei unterschiedliche Mutationen verursacht werden", so Jefferys. "Eine dieser Mutationen betrifft die GABA(A)-Rezeptoren der hemmenden Neuronen und verhindert so deren steuernde Funktion, während eine andere Unterart die Natriumkanäle verändert und das exzitatorische Aktionspotenzial verlängert. Zwei verschiedene Wirkkreise mit gleichem Ausgang - einer unkontrollierten Erregungsausbreitung." 
Außerdem werden Mutationen an Kaliumkanälen und cholinergen Nikotinrezeptoren verdächtigt, andere Arten epileptischer Anfälle auszulösen. "All diese Entdeckungen sind sehr aufregend, jedoch betreffen sie nur einen kleinen Teil des Epilepsiespektrums. Die Bedeutung anderer mit Epilepsie in Verbindung stehender Mutationen bleibt noch im Dunklen, wir haben also noch viel Arbeit vor uns, um die Verbindung zwischen Mutationen und epileptischen Anfällen aufzudecken", resümierte Jefferys.

Rechtzeitig "in Deckung" gehen

Eine der spannendsten Fragen der Epilepsieerforschung betrifft die Vorhersagbarkeit von Anfällen. Beim Großteil der Patienten treten die Entladungen plötzlich und ohne Vorwarnung auf. Dies stellt für die Betroffenen eine große Bedrohung für Gesundheit und Leben dar, zumal allein die Angst vor einem Anfall eine beträchtliche Belastung bedeuten kann. Selbst eine kurze Vorwarnzeit würde die Lebensqualität daher gewaltig verbessern. Dr. Michel Baulac vom Hopital de la Pitié-Salpêtrière in Paris versucht eine Struktur im chaotisch ablaufenden epileptischen Anfall zu finden und untersuchte dabei intrakraniale Aufnahmen von epileptischen Patienten, die auf eine chirurgische Behandlung vorbereitet wurden, mit Hilfe herkömmlicher, linearer Analysen. 

Dabei konnte die Vorhersage nie mehr als wenige Sekunden vor einem Anfall visualisiert werden. Eine Alternative bietet die nicht-lineare EEG-Analyse und verspricht, für die zukünftige klinische Praxis noch wichtiger zu werden. Baulac machte dabei eine interessante Entdeckung: Intrakraniale Aufnahmen von Patienten mit Temporallappenepilepsie scheinen zu beweisen, dass es neben den zwei bekannten Anfallsphasen - interiktal und iktal (zwischen/während eines Anfalles) - noch eine, wenige Minuten andauernde, präiktale Übergangsphase gibt, deren neurobiologischen Grundlagen noch unbekannt ist und die mit linearen Methoden nicht erkannt werden kann. Baulac plädiert jedoch vor einer klinischen Anwendung dieser Entdeckung, ein höheres technisches Niveau punkto Spezifität und Sensibilität zu erstreben. Weitere Studien werden noch erwartet und versprechen eine spannende Diskussion. 

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben