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Neurologie 30. Juni 2005

Maladie des Tics - das Tourette Syndrom

Gilles de la Tourette, Tourette Syndrom, Tourette oder kurz GTS und TS - das sind Bezeichnungen für eine Krankheit, die noch relativ wenig erforscht und schwierig zu diagnostizieren ist und in den verschiedensten Formen auftreten kann.
Ein kurzer geschichtlicher Rückblick soll zeigen, wie schwierig es für die Ärzte war, diese Krankheit richtig einzuordnen.
Vor mehr als 2000 Jahren wurde sie das erste Mal als Krankheit von Aretios von Kappadokien erkannt. Er machte damals die Götter für die Zuckungen, das Grimassen schneiden, für gebellartige Geräusche oder auch die blasphemischen Äußerungen verantwortlich, die Betroffene von sich gaben. Im Mittelalter kannte man nur etwas brutale Methoden für die Patienten. Sprenger und Institoris schlagen in ihrem Malleus maleficarum den Exorzismus oder den Scheiterhaufen zur "Heilung" vor.

Motorische Inkoordination

1825 wurde sie vom französischen Arzt Itard erstmals wieder beschrieben und 1885 bezeichnete sie der Namensgeber Edouard Brutus Gilles de la Tourette als Nervenleiden, das gekennzeichnet ist durch motorische Inkoordination in Begleitung von Echolalie und Koprolalie - Maladie des Tics! Er grenzte sie auch von der Epilepsie ab, mit der GTS oft verwechselt wurde.
Später wurde die These vertreten, dass es sich um eine moralische und keine organische Erkrankung handelt, und man versuchte tatsächlich die Tics mit Lektüre, zum Beispiel dem "Struwwelpeter", zu bekämpfen.
Mit Einzug der Psychoanalyse wurden neue Erklärungsversuche für die Symptome gefunden, wie gehemmte Aggression, analer Sadismus, narzisstischer Onanismus, unbewusster Erotizismus gegenüber dem Vater usw. Freud stand diesen Erklärungsmodellen eher skeptisch gegenüber, er vermutete eine organische Schädigung, die Besserung der Symptome durch Gaben von Haloperidol bestätigte Freuds Ansicht.

Berühmte Kranke

Man nimmt übrigens auch an, dass verschiedene Berühmtheiten unter Tourette litten. Beim römischen Kaiser Claudius, Napoleon, Mozart, Molier oder Peter den Großen hat man an Hand von Biographien diese Diagnose gestellt. Würden sie heute leben, wäre es nicht sicher, dass ihre Erkrankung gleich erkannt werden würde.
Erst 1978 wurde das Tourette-Syndrom durch das amerikanische Ärzteehepaar Shapiro für die Neurologie wieder interessant.
Prof. Dr. Lüder Deecke: "Heute ist sich die Forschung sicher, dass es sich um eine genetische Krankheit handelt. Sie wird bezeichnenderweise auch ?aladie des Tics?genannt, sind diese doch die wichtigsten Symptome. Tics sind Zuckungen von Muskeln, die physiologische Bewegungen imitieren, stereotyp sind und sich in rascher Folge wiederholen. Bei Tourette können Muskelgruppen des gesamten Körpers betroffen sein, dazu kommt es noch zu unwillkürlicher Vokalisation. Knaben erkranken dreimal häufiger. Man ist heute sicher, dass es sich um eine Fehlleistung der Basalganglien handelt, und es wird eine neuronale Transmitterstörung diskutiert. In sehr leichten Fällen reicht oft eine verhaltenstherapeutische Hilfe, bei medikamentöser Therapie muss mit einer längeren Behandlungsdauer gerechnet werden. In leichten Fällen kann man mit Clonidin (Catapresan) oder Clonazepam (Rivotril) beginnen, in schweren hat sich Tiaprid (Tiapridex), Tetrabenazin (Nitoman), Pimozid (Orap) oder Haloperidol (Haldol) bewährt."

Hohe Dunkelziffer

Dr. Mara Stamenkovic definiert dieses Leiden als "die bunteste Krankheit, die ich je gesehen habe". Sie arbeitet im AKH, wo sie sich unter anderem auch mit dem Tourette-Syndrom klinisch und wissenschaftlich befasst.
Stamenkovic: "Es gibt in Österreich etwa 4.000 Patienten mit diesem Leiden, deren auffälligste Symptome die so genannten ?ics?sind. Die Dunkelziffer ist aber weitaus höher, da das Tourette-Syndrom für einen Nichtfachmann sehr schwer zu erkennen ist, da es auch leichte Formen von Tics gibt. Mit leichten Formen der Tics haben die Leute zu leben gelernt, und sie gehören dann ganz einfach zu deren Persönlichkeit. Wenn das Tourette-Syndrom stark ausgeprägt ist, werden die Betroffenen von der Gesellschaft oft als ?izarr?oder ?errückt" angesehen und zu Außenseitern gestempelt.
Es gibt auch viel Widersprüche bei dieser Erkrankung. Viele können die Tics für einige Zeit kontrollieren, häufig brechen diese nach einer bestimmten Zeit allerdings um so stärker aus. Was alle Patienten gemeinsam haben, ist, dass ihre Tics in Stresssituationen verstärkt auftreten, im entspannten Zustand eher vermindert sind. Bei starker Konzentration treten sie oft überhaupt nicht auf. Ich habe zum Beispiel einen Patienten, der Klavier spielt und während des Spielens keine Tics hat.

Ich kann sagen: Jeder hat die Krankheit in einer anderen Form. Von blitzartigen Zuckungen besonders im Gesichtsbereich, ruckartigem Drehen des Kopfes, Schleudern der Schulter über unwillkürliche Vokalisation bis Echolalie (Wiederholen des Fremdgesprochenen), Koprolalie (nicht willentliches Ausstoßen von Obszönitäten), Schreibtics - die Palette ist eben schier unerschöpflich. Leider vergehen noch immer von den ersten Symptomen bis zur Diagnose durchschnittlich sechs Jahre! Tourette bricht meistens um das siebte Lebensjahr - selten früher - oder in der Adoleszenz aus. Die Tics werden oft mit zunehmendem Lebensalter schwächer. Es gibt leider noch kein spezifisches Medikament. Mit Neuroleptika kann man die Tics mindern, aber die Nebenwirkungen, wie etwa Sexualstörungen, stellen vor allem für Jüngere ein großes Problem dar.

Hoffnung Cannabis

Die Forschung erhofft sich von Cannabis-Präparaten noch manche positive Überraschung. Bis jetzt ist nur Dronabinol am Markt (nur in Deutschland), das den meisten Patienten hilft, ihre Tics besser unter Kontrolle halten zu können."

Gerhard Lorenz, Ärzte Woche 26/2002

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