zur Navigation zum Inhalt
 
Neurologie 30. Juni 2005

Interdisziplinär gegen den Schwindel

Schwindel wird definiert als "Gefühl einer räumlichen Orientierungsstörung" - es handelt sich somit an sich um eine nicht lebensbedrohliche Befindlichkeitsstörung. Prof. Dr. Klaus Ehrenberger, Vorstand der Universitätsklinik Wien für HNO-Erkrankungen, verglich im Rahmen einer Fortbildungsveranstaltung den komplizierten und komplexen Apparat "Gleichgewichtsorgan" mit einer Sanduhr: Diese geht umso genauer, je mehr Sand sie enthält, bei längerem Nichtgebrauch oder Nasswerden funktioniert sie nicht mehr richtig, Durch Aufschütteln - beispielsweise Physikalische Therapie - könne die Funktion wieder hergestellt werden. 

Nimmt mit dem Alter der Komplexitätsgrad des Gleichgewichtssinnes ab, führt dies zu sinkender Stabilität und damit zu Schwindel. Und: Man müsse dann die Komplexität therapeutisch wieder antrainieren. Dies ist besonders beim gutartigen Lagerungsschwindel erfolgreich, der immerhin 38,7 Prozent aller Schwindelattacken verursacht. Als Erklärung für diese Schwindelform könne man sich abgelöste Teilchen vorstellen, die sich im hinteren Bogengang befinden. Als therapeutische Maßnahme empfiehlt Prof. Dr. Christian Mittermaier, Universitätsklinik für Physikalische Therapie und Rehabilitation, das regelmäßige absichtliche Auslösen der Attacken durch rasche, gezielte Bewegungen. Dies sei für den Patienten zwar sehr unangenehm, aber so wirksam, dass man schon nach kurzer Zeit auch feststellen könne, welche Patienten die Behandlung tatsächlich durchgeführt haben.

Vestibulärer Schwindel

Etwas anders ist der Krankheitsverlauf in den 27,3 Prozent der vestibulär ausgelösten Schwindelfälle, wie Dr. Peter Ramberger, Universitätsklinik für HNO-Krankheiten, Wien, darlegte. Eine idiopathische, virale, bakterielle, toxische, ischämische, traumatische oder tumoröse Genese kämen in Frage, an Perilymphfisteln, Diabetes mellitus oder Multiple Sklerose müsse ebenfalls gedacht werden. 

Auch bei diesen Schwindelformen kommt die Physikalische Medizin zum Einsatz, weiters steht eine große Anzahl von Medikamenten zur Verfügung.Sieben Prozent der Schwindelattacken sind laut Prof. Dr. Christian Müller, Neurologische Universitätsklinik Wien, auf Migräne mit oder ohne Kopfschmerzen zurückzuführen. Die Anfälle dauern Sekunden bis Tage, wobei die Migränesymptomatik vor der Vertigo auftritt. Die Abklärung erfolgt meist durch ein MRI, Migränetherapie steht hier im Vordergrund.

Die Paroxysmale Ataxie wird autosomal dominant vererbt und beruht auf einer Kaliumkanalopathie. Die Übererregbarkeit peripherer Neurone führt zusätzlich zu Attacken von Dysarthrie, Koordinationsstörungen und Tremor. Behandelt wird mit dem Diuretikum Acetazolamid. Die Frequenz des Morbus Menière wird statistisch mit 12,6 Prozent angegeben, ist wahrscheinlich aber eher geringer. Ursache ist ein endolymphatischer Hydrops. Da die Endolymphe neurotoxisch wirkt, führt ihr Austritt zu Tinnitus, Hörverminderung und Schwindel. Mittels Saccotomie ist eine Entlastung des Endolymphraumes möglich. Medikamentös werden Antiemetika, Betahistidin und Acetazolamid bzw. Flunarizin eingesetzt. Durch salzarme Kost und Verzicht auf Kaffee erfahren zwei Drittel dieser Patienten eine Besserung.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben