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Neurologie 30. Juni 2005

Psychopharmaka im Straßenverkehr

Immer wieder stellt sich in der allgemeinmedizinischen Ordination die Frage nach der Beeinträchtigung der Fahrtauglichkeit im Straßenverkehr durch verschiedene Medikamente, vorrangig Psychopharmaka. Was kann nun getrost verschrieben werden, wann hingegen sollte der Patient auf ein möglicherweise erhöhtes Unfallrisiko durch Einnahme eines bestimmten Präparates hingewiesen werden?

Fahrtüchtigkeit und Fahrtauglichkeit

Anlässlich der 3. Tagung der ÖGPB (Österr. Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie) brachte Dr. Eva Resinger-Kepl von der Abteilung für Allgemeine Psychiatrie des AKH Wien einen Überblick über den aktuellen Wissensstand.

Im Straßenverkehr wird prinzipiell zwischen Fahrtauglichkeit und Fahrtüchtigkeit unterschieden. Resinger-Kepl: "Bei der Fahrtauglichkeit steht die Beurteilung der Persönlichkeitsmerkmale im Vordergrund, sie bildet die Basis für die erforderliche Verkehrszuverlässigkeit. Die Fahrtüchtigkeit oder Fahrfähigkeit stellt die situations- und zeitbezogenen Fähigkeiten, ein Fahrzeug zu lenken, dar."

Diese kann nun:

  1. durch Krankheiten, die das ZNS direkt oder indirekt betreffen, 
  2. durch Medikamente, Drogen oder Alkohol oder
  3. durch eine bestehende Komorbidität für andere Krankheiten beeinträchtigt sein.

Bisherige Daten zur Einnahme und zum Einfluss verkehrsrelevanter Medikamente sind Schätzwerte, da routinemäßige Kontrollen nach Unfällen rechtlich problematisch sind: 15 bis 30 Prozent der auffälligen Fahrer, die einer Verkehrskontrolle unterzogen werden, stehen unter Arzneimittel-, 20 Prozent der auffälligen Lenker stehen unter Alkohol- oder Drogeneinfluss.

Zu den verkehrsrelevanten Medikamenten zählen 

  • Benzodiazepine

  • trizyklische Antidepressiva (Amitryptilin, Clomitramin)

  • bestimmte Neuroleptika (Thioridazin, Haloperidol)

  • Antiepileptika: Clonazepam und Phenobarbital

An allgemeinmedizinischen Medikamenten seien besonders Analgetika, Antihistaminika, Antiallergika und Anästhetika genannt, die zu Benommenheit, Schwindel, Schlafstörungen, Müdigkeit und/oder Wahrnehmungsstörungen führen können.

Beeinflussung auch durch die Grundkrankheit 

Resinger-Kepl: "Für Antidepressiva aus der Reihe der SSRI´s sind im therapeutischen Dosisbereich keine deutlichen Einbußen der Fahrtauglichkeit nachzuweisen. Auch bei subjektiv angegebener Tagesmüdigkeit fand sich keine Herabsetzung der psychophysischen Leistungsfähigkeit."

Es muss jedoch darauf geachtet werden, dass durch die Grundkrankheit, zum Beispiel eine Depression, schon eine Beeinträchtigung vorliegen kann und dass Psychopharmaka, insbesondere Neuroleptika, Antidepressiva und Tranquilizer, eine Reparationsfunktion für krankheitsbedingte Defizite haben.

Besonderes Risiko bei Selbstmedikation

"Bisherige Ergebnisse weisen eindeutig darauf hin, dass eine erhöhte Unfallrate vorwiegend in Phasen der medikamentösen Einstellung, Umstellung und bei Nichtbehandlung psychiatrischer Störungsbilder vorliegt. Ein besonderes Risiko stellt die Selbstmedikation mit Beruhigungs- und Schlafmitteln in Kombination mit einer Persönlichkeitsstörung und zusätzlichem Alkoholkonsum dar, erklärte Resinger-Kepl.

Nach einer großangelegten Studie in Indien fand sich bei Personen unter Methadondauersubstitution kein erhöhtes Unfallrisiko im Vergleich zu einer Normalpopulation. Hingegen kam es bei Entzugsbeschwerden zu einem deutlich erhöhten Unfallsrisiko. Hierbei zeigte sich deutlich, dass eine kontrollierte, kontinuierliche Einnahme wesentlich zur Verkehrssicherheit beiträgt.

In Hinblick auf die im Herbst vergangenen Jahres erfolgten schweren Verkehrsunfälle unter Drogeneinfluss muss auch auf die Notwendigkeit weiterer breitangelegter Studien auf wissenschaftlicher Basis hingewiesen werden. "Solche Untersuchungen würden es ermöglichen, den Stellenwert der medikamentösen Beeinträchtigung auf die Fahrfähigkeit besser zu objektivieren", so Resinger-Kepl.
Bislang werden Führerscheinüberprüfungen nur im Einzelfall bei bekannten Krankheiten oder Abhängigkeit angeordnet.

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