zur Navigation zum Inhalt
 
Neurologie 30. Juni 2005

Botulinum-Toxin als Rettungsanker

Seit kurzem dürfen Neurologen auch in Österreich das stärkste bekannte Nervengift Botulinum-Toxin offiziell zur Therapie spastischer Lähmungen an den oberen Extremitäten nach zerebralen Insulten anwenden. Die Einsatzgebiete der chemischen Schere, die die Signalübermittlung zwischen Nervenenden und deren Zielzellen kappt, sind aber weit vielfältiger als die von anerkannten Indikationen abgesteckten Terrains.

Behandlung von Zornesfalten

So behandeln plastische Chirurgen mit der Substanz schon seit einigen Jahren ungeliebte Zornesfalten auf der Stirn - Botulinustoxin lähmt die überaktive Gesichtsmuskulatur. Dermatologen bekämpfen in besonders schweren Fällen pathologisches Schwitzen an Händen, Füßen oder in den Achseln mit regelmäßigen Injektionen. Auf dem Frankfurter Symposium anlässlich der Zulassungserweiterung für Botulinum-Toxin Typ A  berichtete Dr. Christian Kabus, Neurologe am Jüdischen Krankenhaus in Berlin, über neurologische Sonderfälle, bei denen eine Botulinum-Toxin-Behandlung Erfolge bewirken kann. "Eine offizielle Indikationszulassung ist für diese seltenen Sonderfälle kaum zu erwarten", räumte Kabus gleich zu Beginn seines Vortrages ein. Dennoch hilft das Wissen um die hilfreiche Wirkung des Botulinum-Giftes schwer belasteten oder gar lebensgefährlich bedrohten Patienten. Beispielsweise berichtete Kabus von Kranken, die über Jahrzehnte erfolglos mit Antiasthmatika behandelt, häufig intubiert oder gar nottracheotomiert wurden. "Aber nicht jeder, der beim Atmen keucht und pfeift, hat Asthma", warnte Kabus.

Psychogener Stridor

Als sich die pathologische Spannung der Stimmlippen unter Narkose zur diagnostischen Tracheoskopie löste - ähnlich wie in tiefen Schlafstadien oder unter Benzodiazepin-Einfluss -, stand die Fehldiagnose fest: psychogener Stridor. Eine kausale Therapie blieb unversucht. Inzwischen belegen verschiedene Studien die Existenz der respiratorisch obstruktiven laryngealen Dystonie. Sauerstoffmangel und Dystonie verstärken sich weiterhin gegenseitig - ein Teufelskreis, den eine Injektion von Botulinum-Toxin in die Musculi thyroarytenoidei durchbrechen könne, so Kabus.

Auch in fortgeschrittenen Stadien der Multiplen Sklerose nützte eine gezielte Botulinum-Toxin-Behandlung. "Spastisch gelähmte Musculi pectorales behindern die Atmung wie ein Brustpanzer", sagte Kabus. "Nach der Injektion berichteten viele Patienten, wieder leichter atmen zu können." Bei Schluckstörungen und gesteigerter Speichelproduktion kann Botulinum-Toxin helfen, den Speichelfluss zu drosseln und einer drohenden Aspiration vorzubeugen. Bei spastischen Paresen ist das Nervengift manchmal der letzte Ausweg, um Operationen zu ermöglichen, das Resultat eines chirurgischen Eingriffes zu bewahren oder weitere Schäden zu verhindern.

Operation ermöglicht

Der Berliner Neurologe berichtete von einem 54-jährigen Mann, der nach einer Impressionsfraktur eine Spastik der Hüftmuskulatur entwickelte. "Der Knochen reagierte auf die ununterbrochene Belastung mit überschießendem Wachstum. Zwei Endoprothesen zerbrachen unter dem ständigen Muskelzug. Schließlich versuchten Orthopäden, das Gelenk mit Hilfe eines externen Fixateurs ruhig zu stellen. Trotzdem rückten die daumendicken Stahl-drähte jeden Tag ein paar Zentimeter näher zur Nasenspitze", berichtete Kabus. Erst Injektionen von Botulinum-Toxin in die Hüftbeuger und die ischiocrurale Muskulatur lockerten den kräftigen Zug in Richtung Kopf. Elf Tage später konnten Chirurgen den Fixateur entfernen und eine Hüftprothese implantieren. "Heute braucht der Patient nur noch eine milde systemische antispastische Therapie", sagte Kabus. Botulinus-Toxin kommt in immer neuen Gebieten zum Einsatz: Neurochirurgische Eingriffe lassen sich vor der eigentlichen Operation simulieren. Amerikanische Physiotherapeuten beobachteten bessere Rekonvaleszenz, wenn nach einem zerebralen Insult eine Leitungsanästhesie die nicht betroffene Extremität vorübergehend blockiert und Patienten gezielt die neurologisch defizitären Muskelgruppen trainieren.

Einsatz in der Ophthalmologie

Sogar Ophtalmologen interessieren sich für das Gift. Einerseits lassen sich schielende Augen damit erfolgreich korrigieren. Andererseits kann eine künstliche Lähmung des Musculus orbicularis oculi nach komplizierten Glaskörper-Operationen am Auge den Augeninnendruck reduzieren und so den Heilungsprozess erleichtern. Noch bleiben viele Anwendungsmöglichkeiten des Nervengiftes allerdings für Ausnahmesituationen reserviert. Eine offizielle Zulassung setzt Studien mit großen Fallzahlen voraus, die angesichts der oft außergewöhnlichen Ausprägung der behandelten Erkrankungen kaum zu finden sein werden.

Dr. Lutz Reinfried, Ärzte Woche 21/2002

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben