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Neurologie 27. Oktober 2005

Tiefenhirnstimulation bei Parkinson-Krankheit

Hilfe für Patienten, die trotz Medikation bei Dystonie, Morbus Parkinson oder Multipler Sklerose an Bewegungs- störungen leiden, verspricht der so genannte Hirnschrittmacher.

Wenn die medikamentöse Behandlung ausgeschöpft ist und Symptome wie Zittern oder Bewegungsstörungen weiterhin auftreten, kann eine Operation für einen Hirnschrittmacher angezeigt sein. Nach Angaben des deutschen Neurologen Andreas Kupsch hat sich das Einsatzspektrum dieser „Schrittmacher" mittlerweile stark verbreitert. Bei der ein- oder beidseitigen Tiefenhirnstimulation werden Elektroden in das Gehirn eingesetzt, die mit Hilfe eines Impulsgebers (Schrittmacher für das Gehirn) aktiviert werden. Dieses Verfahren ist eine erfolgreiche Weiterentwicklung der sterotaktischen Operation. Die Sterotaxie ist die älteste Operationsmethode zur Behandlung der Parkinson-Krankheit. Bei dieser Krankheit führt der Chirurg eine feine Sonde durch eine sehr kleine Öffnung in der Schädeldecke in das Gehirn ein und berührt mit ihr ein bestimmtes, überaktives Gehirnareal. Dieses Areal ist dadurch gewissermaßen stillgelegt. Welches Areal der Chirurg mit der Sonde gezielt ansteuert, richtet sich nach den vorherrschenden Symptomen.

Elektroden in das Pallidum

Bei der Tiefenhirnstimulation werden bestimmte Symptome durch eine Überstimulierung anhand der Elektroden in ausgewählten Hirnarealen unterdrückt. Anders als die stereotaktische Operation lässt sich die Tiefenhirnstimulation wieder rückgängig machen, das heißt, die eingesetzten Elektroden können auch wieder entfernt werden. Die Operation dauert beispielsweise bei einem Patienten, der an Dystonie leidet, etwa acht Stunden die Elektroden müssen optimal positioniert werden. Der rasierte Kopf des Patienten ist in einer Art Schraubzwinge justiert, darüber wölbt sich im Halbrund ein spezielles Röntgengerät. Der Patient wird lokal betäubt und ist bei vollem Bewusstsein, während ihm der Chirurg zwei kleine Löcher in die Schädeldecke bohrt und anschließend millimetergenau zwei winzige Elektroden weit ins schmerzunempfindliche Gehirn schiebt. Das Ziel der Elektroden liegt im inneren Pallidum, einem wichtigen Teil der Bewegungssteuerung. Dort herrscht bei dem Patienten seit Jahren Chaos: Er leidet an unwillkürlichen Muskelkrämpfen der linken Körperhälfte, einer so genannten Dystonie. Nicht nur Dystonie-Erkrankten, vor allem auch Menschen mit der Schüttellähmung Morbus Parkinson oder mit Multipler Sklerose im fortgeschrittenen Stadium kann mit Medikamenten allein oft nicht mehr geholfen werden. Hier sind die feinen Elektroden eine Alternative: Verbunden mit einem Impulsgeber, der in der Bauchhöhle implantiert wird, setzen sie feine Stromsignale in den betroffenen Hirnregionen frei und blockieren auf diese Art das Signalchaos der Nervenzellen, das zu Dauerzittern oder Muskelkrämpfen führt.

60 Prozent dauerhaft anfallsfrei

Allein in Deutschland wurden bisher rund 500 solche Operationen durchgeführt. Der weitaus größte Teil davon in Köln, wo Prof. Dr. Volker Sturm Direktor der Klinik für Stereotaxie und Funktionelle Neurochirurgie, Universität zu Köln. Sturm hat deutschlandweit den einzigen Lehrstuhl für Stereotaxie inne. Routine ist dieser Eingriff damit noch lange nicht. Denn nicht alle Patienten kommen dafür in Frage. „Doch ist die Indikation einmal sicher gestellt, liegt die Erfolgsquote bei 90 Prozent", sagt Sturm. Er schätzt, dass mindestens zehn Prozent der 240.000 Parkinson-Kranken in Deutschland mit einem solchen Eingriff geholfen werden könnte. Wesentlich verbreiteter ist bereits die so genannte Vagusnerv-Stimulation bei Epileptikern, die seit Jahren an der Bonner Universitätsklinik durchgeführt wird. Hierbei werden die Elektroden nicht direkt in das Hirn geschoben, sondern setzen an dem seitlich am Hals herablaufenden Vagusnerv an.
„60 Prozent der Betroffenen sind danach auf Dauer anfallsfrei, 30 Prozent geht es zumindest deutlich besser", berichtet Christian Hoppe Diplom Psychologe und Theologe an der Klinik für Epileptologie, Bonn. Allerdings sei hier ebenfalls wie bei den Hirnschrittmachern klar: „Jede medikamentöse Alternative muss ausgereizt und der Leidensdruck der Betroffenen sehr hoch sein, bevor sie sich einer solchen Operation unterziehen." Denn in beiden Fällen kann es nach dem Eingriff viele Monate dauern, bis sich die Erfolge einstellen. Ein weiteres operatives Verfahren, das noch erprobt wird, ist die Verpflanzung von gesunden Nervenzellen in das Gehirn von Parkinson-Patienten. Falls dies gelingt, könnte wieder ein funktionierendes dopaminproduzierendes Nervensystem entstehen und damit der Krankheitsprozess umgekehrt werden.

Neue Transplantationsmethoden

Folgende Methoden wurden beziehungsweise werden in den USA und Schweden erprobt: Es wurden die eigenen Nebennierenmarkzellen des Patienten, Stammzellen, Schweinehirnzellen und Zellen aus der Substantia nigra von menschlichen Embryonen transplantiert. Ziel dieser Verfahren ist es, die abgestorbenen Zellen der Schwarzen Substanz (Substantia nigra) durch neue Zellen zu ersetzen, die Dopamin produzieren. Das in einigen Fällen nachgewiesene Anwachsen der Zellen erfordert im Allgemeinen die Mitverpflanzung von Nervenwachstumsfaktoren. In Österreich und Deutschland sind diese Verfahren von der Ethikkommission noch nicht genehmigt. Die Transplantation von Nebennierenzellen wird nicht mehr durchgeführt, die Verpflanzung von Zellen von Embryonen ist mit zahlreichen ethischen, medizinischen und technischen Problemen behaftet, so dass die Zukunft aller Wahrscheinlichkeit nach der Stammzellen- und Tierzellentransplantation gehört. Die genannten Verfahren sind zur Zeit noch im Bereich der Forschung angesiedelt.

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