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Neurologie 30. Juni 2005

Der Migräne den Nerv ziehen

Bei therapieresistenten Migräne-Patienten kann die Durchtrennung des Musculus corrugator supercilii eine schmerzbefreiende Druckentlastung des Trigeminusastes Ramus supraorbitalis bewirken.

Für Migräne-Patienten, bei denen die konservativen Therapieoptionen ausgereizt sind, besteht neue Hoffnung, ein plastisch-chirurgischer Eingriff im Bereich der Augenbrauenmuskulatur führt bei vielen PatientInnen zur Linderung oder sogar Beseitigung der Kopfschmerzen. Dies berichtete OA Dr. Franz Dirnberger, Plastischer Chirurg, Wilhelminenspital Wien, bei einem Kopfschmerz-Symposium. Die Durchtrennung des Musculi corrugator supercilii, die zwischen Nasenwurzel und Augenbrauen in die Haut einstrahlen, war primär als rein kosmetisch-chirurgischer Eingriff konzipiert, um Frauen von den störenden „Zornesfalten“ im Bereich der Stirnmitte zu befreien.
Der Eingriff ist seit Jahren bekannt, wurde aber wegen seiner für eine kosmetische Operation zu diffizilen Technik wenig verwendet. Ausgangspunkt für die Einführung der Technik in die Migränetherapie waren Berichte von renommierten amerikanischen plastischen Chirurgen, die beobachtet hatten, dass sich bei etwa 80 Prozent der Patienten die Kopfschmerzen nach einem derartigen kosmetischen Eingriff drastisch verbessert hatten. Dirnberger, der selbst seit vielen Jahren an zunehmenden hartnäckigen Kopfschmerzen gelitten hatte, ließ diese Operation an sich selbst und erstmalig in Österreich durchführen. Er berichtete von einem durchschlagenden Erfolg.

Operationserfolg wird getestet

Seither hat der plastische Chirurg etwa 130 Patienten operiert. Dirnberger stellte auf dem Symposium die Ergebnisse der ersten 60 Patienten mit einer postoperativen Kontrollzeit zwischen sechs und 18 Monaten vor. Sämtliche Patienten, davon 47 Frauen und 13 Männer, mit 39 Personen unter 60 Jahren, wurden vorher neurologisch komplett abgeklärt. Mit einer präoperativ lokal gesetzten Botulinumtoxin-Injektion in die jeweilige Muskulatur kann der Erfolg der Operation aufgrund des selbigen Effektes getestet werden.
Bei 70 bis 80 Prozent der Patienten führte der Eingriff zur Besserung oder sogar zum Sistieren der Kopfschmerzen. Bei milden Verlaufsformen lag der Erfolg sogar bei 90 Prozent und selbst bei schweren Verlaufsformen mit fast täglichen starken Kopfschmerzen lag die Erfolgsrate bei 50 Prozent. Die wissenschaftliche Erklärung für den Erfolg dieses Eingriffes dürfte darin liegen, dass der zwischen Nasenwurzel und Augenbrauenrand verlaufende Muskel wie ein Ring den Ramus supraorbitalis, ein Ast des Nervus trigeminus, komprimiert. Durch die Resektion der Corrugator-Muskeln kommt es zu einem Sistieren dieser mechanischen Irritation dieser Nerven, die offenbar als Trigger für Migräneanfälle wirken.
Auch die Ausschaltung des Muskels durch eine Botulinumtoxin-Injektion führt oft, aber nicht immer zu einer Besserung oder Heilung. Der Erfolg des Giftes, das an der Motorischen Endplatte angreift, hat eine Wirkungsdauer von drei bis zu acht Monaten. „Der chirurgische Eingriff ist äußerst komplikationsarm. Aber er sollte von einem erfahrenen plastischen Chirurgen durchgeführt werden“, so Dirnberger . Er wird in Sedoanalgesie durchgeführt. Dadurch können die Patienten schon etwa drei Stunden nach dem Eingriff wieder nach Hause gehen. Betont wird, dass der Eingriff nur Patienten empfohlen wird, deren Migräne medikamentös nicht mehr in den Griff zu bekommen ist, das betrifft etwa ein bis zwei Prozent der Migränepatienten. Außerdem sind gründliche Voruntersuchungen mit einer exakten neurologischen Abklärung unabdingbare Voraussetzung.

Dr. Klaus Huber, Ärzte Woche 8/2004

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