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Neurologie 30. Juni 2005

Stress oder Unfall? - Die Ursachen der Amnesie

Frankfurt/Main. Unser Gehirn ist ein Mysterium. Anderthalb Kilo schwer schwimmt es im Schädel, 125 Milliarden Nervenzellen sprechen miteinander in einer Weise, die Forschern nach wie vor viele Rätsel aufgibt, etwa wenn es um Lernen und Gedächtnis geht. Warum fällt uns gerade jetzt der Name unseres Gegenübers nicht ein? Wie kann ein Mensch plötzlich seine gesamte Biographie vergessen, aber sonst noch normal sprechen, rechnen, lesen, schreiben? Wieso schildern Zeugen vor Gericht ein und denselben Tathergang eines Unfalls oder eines Verbrechens völlig unterschiedlich, ohne dabei zu lügen?

Hirnforscher wie der renommierte Bielefelder Neurophysiologe Professor Hans Markowitsch haben in den vergangenen Jahren einige Antworten auf solche Fragen gefunden. Diese Antworten ließen den scheinbaren Graben zwischen organisch und psychisch bedingten Gedächtnisstörungen immer kleiner werden, so Markowitsch beim "NeuroForum" der Hertie-Stiftung in Frankfurt am Main. Denn offenbar handelt es sich um zwei Seiten derselben Medaille. Ein Beispiel: Ein 37-jähriger Familienvater aus dem Ruhrgebiet setzt sich auf sein Fahrrad und fährt fünf Tage lang Rhein-abwärts, ohne genau zu wissen warum. In einer süddeutschen Großstadt wird er auf dem Bahnhof von der Heilsarmee aufgegriffen. Der Mann kommt in die Universitäts-Psychiatrie - Diagnose: dissoziative Amnesie. Der Patient kann sich nicht mehr an die eigene Vergangenheit erinnern, an andere Dinge schon. Oder dieses Beispiel: Ein 23-jähriger Bankkaufmann entdeckt ein offenes Feuer in seinem Keller und schlägt Alarm. Die Feuerwehr kommt und löscht den Brand. Am nächsten Morgen ist der Mann verwirrt, kann sich nicht mehr an die letzten sechs Jahre erinnern, neue Informationen kann er nicht aufnehmen. Er wird in die Psychiatrie eingewiesen. Sein Zustand bleibt unverändert.

PET deckt Schäden auf

Ähnlich wie bei direkten Hirnschäden durch Unfälle mit sichtbaren morphologischen Schäden können auch psychische Traumata retrograde und/oder anterograde Amnesien hervorrufen. Mittlerweile haben Hirnforscher dafür ein morphologisches Korrelat finden können, etwa per Positronen-Emissions-Tomographie (PET). Darin werden Veränderungen des Hirnstoffwechsels in jenen Hirnregionen sichtbar, die typischerweise auch bei Amnesie-Patienten nach Unfällen geschädigt sind, nämlich in der rechten vorderen Temporalregion, so Markowitsch. Ursache der psychisch bedingten Amnesie seien Stresserlebnisse, die teilweise lange zurückliegen und zu denen bei bestimmten äußeren Reizen plötzlich wieder eine Verbindung hergestellt wird. So hatte der 23-jährige Bankkaufmann als Vierjähriger erlebt, wie ein Mensch in seinem Auto verbrannt war. Seitdem empfand er Feuer als unmittelbar lebensbedrohlich. Der Brand im Keller hatte offenbar eine massive Freisetzung von Stresshormonen im Hirn bewirkt mit folgender Änderung des Hirnstoffwechsels und dem Symptom Amnesie, vermutet Markowitsch.

Emotionen und Gedächtnis

Emotionen sind ein sehr wichtiger Faktor, der darüber entscheiden kann, ob bestimmte Inhalte haften bleiben oder nicht. Dies hat ganz praktische Konsequenzen, etwa vor Gericht. So können sich NS-Opfer oft minutiös an Vorfälle in Konzentrationslagern erinnern, so der Stuttgarter Richter Alex Wendler bei der Veranstaltung. Anders bei Verkehrsunfällen: "In einer Unmenge von Prozessen dreht es sich darum, wer hatte Grün, wer hatte Rot?", so Wendler. Eine grüne Ampel merke sich kaum einer bewusst. Anders bei der roten Ampel: Der Beifahrer zum Beispiel registriert dies, assoziiert Gefahr und wenn es dann noch knallt, bleibt der Vorgang meist im Gedächtnis haften. Die Neurologie und die Psychiatrie rücken wieder enger zusammen, so Markowitsch. Ansichten Sigmund Freuds und anderer Psychoanalytiker würden durch die moderne Hirnforschung indirekt bestätigt. Markowitschs Fazit: "Es gibt mehr Korrelationen zwischen organischen und psychischen Krankheiten, als man vor zehn Jahren noch dachte."

ÄZ/ Thomas Meißner, Ärzte Woche 21/2002

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