zur Navigation zum Inhalt
© Nikola Bilic / istockphoto
 
Neurologie 4. November 2013

Risikofaktor Medikamente

Iatrogene Myopathien nehmen an Bedeutung zu.

Mehr als 800 sehr unterschiedliche Krankheitsbilder werden unter dem Begriff der neuromuskulären Erkrankungen zusammengefasst. Eine Gruppe, die zunehmend an Bedeutung gewinnt, sind die iatrogenen Myopathien, Muskelerkrankungen, die auf die Einnahme von Medikamenten zurückzuführen sind, berichteten Experten auf dem Weltkongress für Neurologie.

„Neuromuskuläre Erkrankungen umfassen eine sehr große und heterogene Gruppe von Krankheiten mit höchst unterschiedlichen Ursachen und Auswirkungen“, sagte Prof. Dr. Wolfgang Grisold vom Kaiser-Franz-Josef-Spital in Wien. „Insgesamt sind rund 800 verschiedene Muskelerkrankungen bekannt, von erblichen bis hin zu immunmediierten Formen. Diese schränkten das Leben der Betroffenen oft stark ein. Die große Zahl der verschiedenen Krankheitsbilder macht unter anderem eine schnelle und zuverlässige Diagnose oft schwierig“.

Wenn Medikamente die Muskeln schwächen

Eine Gruppe, die zunehmend an Bedeutung gewinnt, sind die iatrogenen Myopathien, also Muskelerkrankungen, die auf die Einnahme von Medikamenten zurückzuführen sind. „Ein besonderes Problem ist das bei älteren Menschen, da sie häufig eine Vielzahl von Medikamenten einnehmen.“ Zu diesen Medikamenten mit muskulären Nebenwirkungen gehören vorwiegend Lipidsenker (Fibrate), seltener Barbiturate, Abführmittel, entwässernde Diuretika oder die immunsupprimierende Substanz Cyklosporin. Auch Taxane können bei Chemotherapie Muskelschwäche verursachen, ebenso wie der chronische Gebrauch von Kortison.

„Einen besonderen Stellenwert nimmt hier die Statin-assoziierte Myopathie ein“, berichtete Grisold. Typische Merkmale sind Muskelschmerzen, Schwäche oder Krämpfe sowie eine deutliche Erhöhung der Kreatin-Kinase-(CK-)Konzentration im Blut, die bei bis zu zehn Prozent der Menschen auftreten, die einen solchen Lipidsenker einnehmen. Die schwerste Form der Muskelschädigung bei Patienten unter Statintherapie, die Rhabdomyolyse. Sie tritt sehr selten auf – statistisch gesehen betrifft sie weniger als einen von 100.000 Patienten, doch sie stellt eine potenziell lebensbedrohliche Komplikation dar.

„Gemessen an der großen Zahl von Verschreibungen sind Statin-assoziierte Myopathien relativ selten und in den meisten Fällen vergleichsweise harmlos“, so Grisold. „Allerdings gibt es Hinweise, dass sich aus einer solchen Statin-Myopthie eine Form der immunmediierten Myopathie entwickeln könnte, eine um vieles schwerwiegendere Erkrankung. Diese häufig unterschätzte Form der Statin-Nebenwirkung muss also ernst genommen und beobachtet werden.“

Bessere Diagnostik, keine neuen Therapieansätze

„Bei den inflammatorischen Myopathien sind bedauerlicherweise vorerst keine neuen Therapieansätze in Sicht“, so Grisold. „Steroide bleiben hier bis auf Weiteres die Standardtherapie, darüber hinaus stehen Immunsuppressiva und -modulatoren zur Verfügung.“

Moderne bildgebende Verfahren wie die Muskel-Magnetresonanztomographie haben aber in den vergangenen Jahren bei entzündlichen Myopathien die Diagnostik deutlich verbessert. Auf dem WCN stellt eine internationale Forschergruppe die Arbeit an neuen Kriterien für die Klassifikation von inflammatorischen Myopathien vor, die in Zukunft eine raschere und effizientere Zuordnung möglich machen sollen (Visser et al).

Hoffnung auf Gentherapie bei erblichen Myopathien

Erbliche Myopathien sind eine sehr heterogene Gruppe von Muskelerkrankungen, bei denen genetische Mutationen unterschiedliche Auswirkungen auf die Physiologie der Muskelzelle haben. „Es gibt Fortschritte bei der Entschlüsselung jener genetischen Veränderungen, die für erbliche Myopathien verantwortlich sind“, so Grisold. „Mittlerweile sind mehr als 100 Gendefekte identifiziert, die zu Myopathien führen können.“ Deshalb setzen Experten große Hoffnungen in die Entwicklung kausaler Gentherapien, erste molekulargenetisch orientierte Therapieverfahren, z. B. bei der Duchenne Muskeldystrophie, werden geprüft. Andere in experimentellen und klinischen Studien geprüfte Ansätze sind Zellersatztherapien mit Stammzellen oder Therapien mit Antisense-Oligonukleotiden.

Wichtig ist es neben der genauen Diagnose und geeigneten Medikamenten auch, den Patienten Physio- und Ergotherapie sowie Behelfe zugänglich zu machen“.

Quelle: 21. Weltkongress für Neurologie, Wien, 21.-26. September 2013, Abstract: Visser et al, Progress report on the development of new classification criteria for adult and juvenile inflammatory myopathies

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben