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© Andrew Johnson/iStockphoto
 
Neurologie 28. Oktober 2013

Schmerz und Geschlecht

Frauen und Männer empfinden und bewältigen Schmerzen unterschiedlich.

Nicht nur, was Empfindung, Bewältigung und verschiedene Begleiterscheinungen von Schmerzen betrifft, unterscheiden sich Frauen und Männer zum Teil deutlich. Auch manche Therapien wirken bei den beiden Geschlechtern unterschiedlich. Auf dem Kongress der Europäischen Schmerzföderation EFIC in Florenz zeigten eine Reihe von Studien Gender-Unterschiede in Sachen Schmerz auf.

Frauen mit Rückenschmerzen leiden häufiger an Depressionen als männliche Rückenschmerzpatienten, zeigt eine Studie aus Bochum (Abstract Hasenbring et al, Depression in low back pain: thought suppression x stress interaction plays a role in female, not in male patients). Ein Grund dafür, vermuten die Forscher, könnte bei den Strategien zur Verarbeitung von Emotionen zu suchen sein. „Wir haben einen starken Zusammenhang zwischen Verdrängung von negativen Gedanken oder Gefühlen, Stress und dem Ausmaß von Depressionen bei chronischem Rückenschmerz festgestellt“, so Studienleiterin Prof. Monika Hasenbring von der Ruhr-Universität Bochum. „Dass Frauen stärker zum Verdrängen neigen, könnte in Verbindung mit Stress dazu beitragen, warum bei ihnen Rückenschmerzen häufiger von Depressionen begleitet sind.“

Untersucht hatte das Bochumer Forschungsteam insgesamt 177 Patienten aus der Primärversorgung, die an subakuten Kreuzschmerzen litten, also an Schmerzen von einer Dauer zwischen sechs Wochen und drei Monaten. Mit standardisierten Fragebögen wurden Depressionssymptome, Verdrängungsbereitschaft, und Stressbelastung erhoben und die Ergebnisse korreliert. Frauen generell und geschlechtsunabhängig Probanden unter Stress waren häufiger depressiv. Frauen mit hoher Tendenz zur Verdrängung und hohem Stress zeigten besonders hohe Depressionswerte, bei Männern ließ sich ein solcher Zusammenhang nicht zeigen.

Nach Schlafentzug empfinden Frauen Schmerzen stärker

Zu wenig Schlaf wirkt sich bei Frauen auf das Schmerzempfinden aus, nicht aber bei Männern. Zu diesem Ergebnis kommt eine norwegische Studie (Abstract Andersen et al, Pain inhibition after experimental sleep deprivation is gender dependent). „Beeinträchtigte Schlafqualität und zu wenig Schlaf werden für eine verstärkte Schmerzwahrnehmung und erhöhte Schmerzempfindlichkeit verantwortlich gemacht“, berichtete Dr. Maria Andersen vom National Institute of Occupational Health, Oslo.

„Uns interessierte die Auswirkung von Schlafentzug auf die Schmerzhemmung und die Frage, ob es hier geschlechtsspezifische Unterschiede gibt.“ Insgesamt 22 Probanden, 14 davon Frauen, wurden nach jeweils zwei Nächten mit normalem Schlaf sowie nach zwei Nächten mit einem auf die Hälfte reduzierten Schlaf einem experimentellen Schmerzreiz ausgesetzt. Frauen empfanden Schmerzen nach dem Schlafentzug stärker als Männer, das System der körpereigenen Schmerzhemmung war in höherem Maß gefordert. Bei Männern war bezüglich Schmerzhemmung und Schmerzempfinden kein Unterschied zwischen Schlafentzug und normalem Schlaf festzustellen.

Frauen haben mehr psychiatrische Begleiterkrankungen

Dass weibliche Patienten einer spezialisierten Schmerzklinik nicht nur stärkere Schmerzen und eine geringere Schmerzschwelle, sondern auch häufiger psychiatrische Begleiterscheinungen haben, zeigt eine Studie aus Pisa (Abstract Ciaramella et al, Gender and pain in a tertiary pain clinic: psychopathological implications).

Insgesamt wies nur ein Fünftel (21,23 Prozent) der insgesamt 855 in die Studie eingeschlossenen Schmerzpatienten gar keine psychiatrische Begleiterscheinung auf, die Männer waren in dieser Gruppe in der Mehrzahl. Bei etwa einem Drittel (29,59 Prozent) der Patienten wurde eine Depression festgestellt, fast drei Viertel (71,54 Prozent) davon waren Frauen.

„Bei Frauen zeigte sich auch eine Korrelation zwischen erhöhter Schmerzempfindlichkeit und Panikattacken, Angststörungen oder psychosomatischen Erkrankungen“, sagte Studienautorin Dr. Antonella Ciaramella von der Universität Pisa. „Unsere Daten weisen darauf hin, dass die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Schmerzwahrnehmung mit der unterschiedlichen Häufigkeit zu tun haben, mit der psychiatrische Begleiterscheinungen bei den Geschlechtern auftreten.“

Schmerzpatientinnen sind lärmempfindlicher

Frauen mit chronischen Schmerzen sind lärmempfindlicher als ihre männlichen Leidensgenossen. Das gilt für alltägliche Geräusche aus der Umwelt genauso wie für andere akustische Quellen, zeigt eine aktuelle Studie der kanadischen Simon Fraser University. Diese Einsichten müssten auch beim Einsatz von Musik in der Therapie chronischer Schmerzen berücksichtigt werden, sagte Studienautor Dr. Mehdi Nazemi. In der Untersuchung wurde die Geräusch-Sensibilität von insgesamt 41 Versuchspersonen gemessen, 23 von ihnen waren chronische Schmerzpatienten. „Die Personen mit chronischen Schmerzen wiesen eine höhere Lärmempfindlichkeit auf als die Kontrollgruppe“, berichtete Nazemi. „Bei Frauen mit Schmerzen war dieser Effekt deutlich stärker.“ Schmerzpatienten sollten über die möglichen negativen Auswirkungen von Lärm auf ihre Beschwerden aufgeklärt werden, so der Experte.

Transkraniale Magnetstimulation – bessere Schmerzlinderung

Dass auch Therapien gegen Schmerzen bei den Geschlechtern unterschiedlich greifen können, zeigte eine Forschergruppe aus Israel am Beispiel der Transkraniellen Magnetstimulation (Weissman Fogel et al, Transcranial Magnetic Stimulation (TMS) – induced “virtual lesion” effect on experimental pain and its interaction with gender). Nur bei den weiblichen Studienteilnehmern zeigte sich nach einem experimentellen Schmerzstimulus eine Schmerzreduktion, unabhängig von psychologischen Faktoren, berichtete Studienautorin Dr. Irit Weissmann Fogel von der Universität Haifa.

Quelle: 8. Kongress der Europäischen Schmerzföderation EFIC, 9. – 12. Oktober 2013, Florenz

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