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Neurologie 28. Oktober 2013

Chronischer Mund- und Gesichtsschmerz

Aufmerksamkeit für ein unterschätztes Gesundheitsproblem – sieben Prozent sind davon betroffen, Diagnose und Therapie oft schwierig.

Im Rahmen des Kongresses der Europäischen Schmerzföderation EFIC fiel der Startschuss zum „Europäischen Jahr gegen orofaziale Schmerzen“, das die Aufmerksamkeit auf ein weitgehend unterschätztes Gesundheitsproblem lenkt. Von Oktober 2013 bis Oktober 2014 soll eine Informationskampagne über zahlreichen Schmerzformen aufklären, die im Mund-, Kiefer- oder Gesichtsbereich auftreten können.

„Mit dieser Kampagne, die mit der International Association for the Study of Pain IASP koordiniert ist, rücken wir jedes Jahr eine spezielle Schmerzform oder ein spezielles Problem in Verbindung mit Schmerzen in den Mittelpunkt“, so Dr. Chris Wells, Liverpool, President Elect der Europäischen Schmerzföderation EFIC. „Es geht darum, Schmerz in all seinen Facetten und mit seinen gesellschaftlichen Folgen zu zeigen, Schmerzpatienten zu unterstützen und die breite Öffentlichkeit zu informieren. Aber wir wollen auch bei politischen Entscheidungsträgern Bewusstsein dafür schaffen, welche Herausforderungen chronische Schmerzen für die Gesundheitssysteme bedeuten, und dass hier eine Priorität gesetzt werden muss.“

Unterschätztes Problem orofaziale Schmerzen

In diesem Europäischen Jahr gegen orofaziale Schmerzen wird die Aufmerksamkeit auf eine Form von Schmerzen gelenkt, die sehr viele Menschen in ihrer akuten Form kennen, die aber in der chronischen Form weitgehend unterschätzt werden. „Orofaziale Schmerzen beschreiben generell jede Form von Schmerzen im Mund-, Kiefer- oder Gesichtsbereich, die sehr unterschiedliche Ursachen haben und die sich in sehr unterschiedlichen Symptomen darstellen können“, erklärte Wells. „Das reicht von Zahnschmerzen, die fast jeder Mensch schon einmal erlebt hat, bis hin zu sehr belastenden Erkrankungen wie Kieferschmerzen, Zungenbrennen („burning mouth syndrome“), Trigeminusneuralgie oder Cluster-Kopfschmerz. Chronische orofaziale Schmerzen sind weltweit ein großes Gesundheitsproblem. Sieben Prozent der Bevölkerung leiden an einer Form von chronischem Gesichtsschmerz, der länger als drei Monate andauert.“

Ein großer Anteil akuter orofazialer Schmerzen ist durch Probleme mit den Zähnen verursacht. „Jeder Neunte hat Umfragen zufolge in den vorangegangenen vier Wochen irgendeine Form von Zahnschmerzen oder ähnlichen Beschwerden gehabt“, so Wells. „Das mag auch der Grund dafür sein, dass orofaziale Schmerzen in manchen Ländern das Spezialgebiet von Zahnärzten sind. „In jedem Fall müssen Spezialisten in der Diagnose abklären, ob es sich um herkömmliche Ursachen für Zahnschmerzen wie Karies, Infektionen oder Abszesse handelt oder ob den Schmerzen im Gesichtsbereich seltenere, aber häufig chronische Ursachen zugrunde liegen.“

Die zweithäufigste Ursache für orofaziale Schmerzen nach Zahnschmerzen sind Kieferschmerzen (Kiefergelenks-Dysfunktion, TMD), mit einer geschätzten Prävalenz von fünf bis zehn Prozent. Allein in den USA verursacht TMD Kosten von vier Milliarden Dollar im Jahr.

Ein anderes Beispiel für schwer behandelbaren chronischen Gesichtsschmerz ist das Zungenbrennen („burning mouth syndrome“, BMS), von dem etwa ein Prozent der Bevölkerung betroffen ist. „Früher hielt man dieses Syndrom für ein vorwiegend psychisches Problem, aber neueste Forschungsergebnisse zeigen, dass hier sehr unterschiedliche Faktoren zusammenwirken, unter anderem Nervenschädigungen, und dass komplexe medikamentöse Therapieansätze helfen können“, so Wells.

„Zwei der schlimmsten Formen von Schmerz sind die Trigeminusneuralgie und der Cluster-Kopfschmerz“, so der Experte. „Beide sind so schwerwiegend, dass sie Betroffene in den Suizid treiben können.“ Die Trigeminusneuralgie ist eine schwer belastende Erkrankung, bei der schon die leichteste Berührung, ein Windhauch oder Kauen zu schweren einschießenden Schmerzen führen können. Anfälle dauern Sekunden oder Minuten, aber können bis zu 70 Mal am Tag auftreten. „Die Erkrankung tritt etwa bei einem von 300 Menschen auf, meist im höheren Alter“, so Wells. „Sie spricht nur auf bestimmte Schmerzmittel an, die neuropathische Schmerzen lindern können, zum Beispiel Carbamazepin oder Pregabalin. Forschungsergebnisse zeigen, dass dieser Schmerz durch ein Blutgefäß im Gehirn verursacht wird, das auf einen Nerv drückt. Schmerztherapeutische oder neurochirurgische Ansätze wie ein Veröden oder Vereisen des Nervs oder Eingriffe am Gehirn können Erleichterung bringen.“

Cluster-Kopfschmerz tritt vorwiegend bei jüngeren Menschen auf, mehrheitlich bei Männern. Betroffene beschreiben den Schmerz wie einen glühenden Schürhaken im Gesicht. Die Nase läuft, die Augen sind gerötet, die Anfälle treten periodisch gehäuft auf und können bis zu zwei Monate andauern. Wells: „Leider sprechen manche Patienten auf keinerlei Behandlung an.“

Herausforderung für Patienten und Ärzte

Chronische orofaziale Schmerzen stellen eine diagnostische und therapeutische Herausforderung dar. In manchen Fällen steht eine geeignete Therapie zur Verfügung, die in spezialisierten Zentren angeboten werden kann. In anderen Fällen gibt es keine spezifische Therapie, aber Unterstützung durch ein Zusammenwirken von Schmerztherapeuten, Zahnärzten oder Psychologen. Ein interdisziplinäres Betreuungskonzept muss alle Faktoren berücksichtigen, die zu orofazialen Schmerzen beitragen können, einschließlich Stress. Bewähren können sich bei der Therapie Medikamente, lokale Schmerzbehandlung, physikalische Medizin, Neuraltherapie, Akupunktur, Entspannungstechniken, Yoga, Tai Chi, Hypnose und Psychotherapien.

Psychologische Faktoren berücksichtigen

In der multimodalen Therapie müssen psychologische Faktoren berücksichtigt werden, die das Schmerzerleben beeinflussen können. Die schmerzbezogene Psychotherapie zielt auf die Verbesserung des Verständnisses für das Schmerzerleben und den Umgang mit dem Schmerz ab.

Die Schmerzbewältigung beruht auf einer Verbesserung der Kontrollierbarkeit des Schmerzes und der persönlichen Akzeptanz der Situation. Unterstützend wirken dabei Techniken wie Selbstbeobachtung, Körperwahrnehmung und Biofeedback, das eine optische Darstellung von Spannungszuständen ermöglicht. So können die Schmerzpatienten für die Zusammenhänge zwischen emotionalen Zuständen, innerer Unruhe, mangelnder Entspannungsfähigkeit und Schmerzverstärkung sensibilisiert werden.

Realistisches Behandlungsziel bei orofazialem Schmerz ist häufig nicht eine vollständige Beschwerdefreiheit, sondern die Stabilisierung der Alltagssituation mit dem chronischen Schmerz.

Quelle: 8. Kongress der Europäischen Schmerzföderation EFIC, 9. – 12. Oktober 2013, Florenz

Weitere Informationen

Unter www.efic.org werden Faktensammlungen und Patienteninformationen zu den verschiedenen Formen von orofazialen Schmerzen zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus gibt es in den 36 Ländern, in denen EFIC-Chapter aktiv sind, zahlreiche Initiativen und Aktivitäten zum Thema.

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