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Neurologie 28. Oktober 2013

Der Chronifizierung vorbeugen

Flächendeckende, abgestufte Therapieangebote sind gegen die Volkskrankheit chronischer Schmerz notwendig.

Chronische Schmerzen betreffen jeden fünften Menschen in Europa. Die damit verbundenen Kosten stellen eine massive gesellschaftliche Herausforderung dar. Das erfordert Investitionen in die Schmerzforschung, schmerztherapeutische Ausbildung und besonders in spezialisierte Strukturen für die Prävention, Behandlung und Rehabilitation chronischer Schmerzen. Notwendig ist eine sinnvoll abgestufte Versorgung vom Hausarzt zum Schmerzmediziner, zur Schmerzambulanz, zur Schmerzabteilung und zum Schmerzkrankenhaus, mit einer Betonung interdisziplinärer Angebote, forderte der neue Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG), Prof. Dr. Christian Lampl, anlässlich der 13. Österreichischen Schmerzwochen.

„Chronische Schmerzen beeinträchtigen den Alltag, das Arbeits-, Familien- und Sozialleben. Sie sind nicht nur medizinisch, sondern auch gesellschaftlich weit bedeutsamer als häufig angenommen und müssen als massive gesellschaftliche Herausforderung begriffen werden“, betonte Lampl, Medizinischer Leiter der Abteilung für Akutgeriatrie und Remobilisation des Krankenhauses der Barmherzigen Schwestern in Linz.

Rund 20 Prozent der erwachsenen EU-Bevölkerung, mehr als 80 Millionen Menschen, leiden an chronischen Schmerzen, die schon drei Monate oder länger regelmäßig auftreten. Das sind mehr als doppelt so viele wie bei Diabetes. Diese Prozentsätze gelten auch für Österreich. Neun Prozent der Menschen sind täglich mit ihren Schmerzen konfrontiert. Besonders häufig sind Rückenschmerzen (63 Prozent der Schmerzpatienten), gefolgt von Gelenks- und rheumatischen Schmerzen. Die direkten und indirekten Kosten chronischer Schmerzen werden auf 1,5 bis 3 Prozent der europäischen Wirtschaftsleistung geschätzt. Sie sind also vergleichbar mit jenen für Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Als Beispiel führte Lampl die im European Journal of Neurology veröffentlichte Studie „The economic cost of brain disorders in Europe“ an. Demnach belaufen sich die Behandlungs- und wirtschaftlichen Folgekosten bei Migräne auf 18,46 Milliarden Euro, bei durch Schmerzmittelüberkonsum hervorgerufenem Kopfschmerz auf 19,03 Milliarden und bei Spannungskopfschmerz auf 5,43 Milliarden. Insgesamt verursachen Kopfschmerzen demnach in Europa pro Jahr Gesamtkosten von 43,5 Milliarden Euro. Nicht zu vernachlässigen sind dabei die indirekten Kosten aufgrund von Produktivitäts- und Arbeitsausfällen.

Unterbehandlung trotz Fortschritten

Ein erheblicher Teil dieser gesellschaftlichen Belastungen ist auf unzureichende Schmerzbehandlung zurückzuführen. Trotz der Fortschritte in der modernen Schmerztherapie profitieren noch immer zu wenige Menschen davon. Jeder 2. chronische Schmerzpatient hat eine Leidensgeschichte von mindestens 2 Jahren, bevor die Schmerzen kompetent behandelt werden. Jeder 3. wird überhaupt nicht behandelt, und 38 Prozent finden, dass ihre Therapie nicht ausreichend wirkt oder unzureichend durchgeführt wird.

„Werden Schmerzen nicht frühzeitig kompetent behandelt, können sie chronifizieren, was die Therapie verkompliziert und die Kosten in die Höhe treibt“, so Lampl. Eine deutsche Großuntersuchung zeigt: Werden unspezifische Rückenschmerzen chronisch, steigen die Behandlungskosten auf das Fünffache, weil auch die infolge der Schmerz-Chronifizierung aufgetretenen Begleiterkrankungen behandelt werden müssen, beispielsweise. Bluthochdruck, Stoffwechsel-Probleme, kardiologische, psychiatrische, neurologische, urologische oder gastrointestinale Probleme. Deren Häufigkeit nimmt mit der Schmerz-Stärke zu. „Will die Politik im Gesundheits- und Sozialsystem sparen, ermöglicht sie dies am besten durch eine konsequente, kompetente und frühzeitige Schmerztherapie“, so Lampl.

Wünschenswert ist außerdem eine konsequente, breit angebotene Schmerzprävention. Dabei muss Vorbeugung durch entsprechende Körperhaltung, Bewegung und Übungen eine Rolle spielen, aber auch das Wissen um die Entstehung und Chronifizierung von Schmerz. Die gewählten Maßnahmen müssen jedoch zielgruppenspezifisch sein.

Verbesserung der schmerzmedizinischen Versorgungssituation in Österreich gefordert

„Die ÖSG fordert seit Jahren die Verbesserung der schmerzmedizinischen Versorgungssituation in Österreich sowie die dazu gehörende einheitliche Definition des chronischen Schmerzes, eine eigene ICD-Kodierung für Schmerz, klare Kriterien für interdisziplinäre Betreuung und eine flächendeckende Versorgung mit schmerzmedizinischen Einrichtungen, inklusive Schmerzrehabilitation“, so Lampl. Der Gesundheitsausschuss des Nationalrates hat kürzlich einen Entschließungsantrag angenommen, mit dem der Gesundheitsminister aufgefordert wird, eine Qualitätsleitlinie für die Versorgung von chronischen Schmerzpatienten entwickeln zu lassen. „Dieser Initiativantrag wurde von der ÖSG federführend mitgestaltet“, unterstrich Lampl. Jetzt geht es darum, diesen Entschließungsantrag in der nächsten Legislaturperiode nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Sinnvoll abgestufte Schmerz-Versorgung

„Notwendig ist eine sinnvoll abgestufte Versorgung vom Hausarzt zum Schmerzmediziner, zur Schmerzambulanz, zur Schmerzabteilung und zum Schmerzkrankenhaus“, so Lampl. „Denn im Gegensatz zum Akutschmerz müssen Menschen mit chronischen Schmerzen nicht zwingend stationär behandelt werden.“ Daher müssen vorgelagerte Strukturen geschaffen werden, die beispielsweise als interdisziplinäre Schmerzambulanzen oder Schmerztageskliniken geführt werden können.

Außerdem sollten spezifische Schmerzrehabilitationszentren für Menschen mit chronischen Schmerzen geschaffen werden. „Es gibt bereits gute Angebote für Menschen mit psychosomatischen Schmerzen. Doch viele Patienten mit chronischen Schmerzen haben eine rein organische Primärursache. Für sie müssen geeignete Angebote und Struktur- und Qualitätskriterien geschaffen werden, und es muss die Finanzierung und Honorierung im Vorfeld gesichert sein“, so Lampl

Da das ÖSG-Konzept von einer interdisziplinären Versorgung ausgeht, sind für die Betreuung von chronischen Schmerzpatienten mehrere Berufsgruppen vorgesehen. So sollen in den interdisziplinären Schmerzambulanzen neben einem Kernteam aus mindestens zwei spezialisierten Fachärzten verschiedener Fachrichtungen mit dem ÖÄK-Diplom „Spezielle Schmerzmedizin“, auch mindestens ein Facharzt für Psychiatrie und/oder ein Arzt für psychotherapeutische Medizin, ebenfalls mit ÖÄK-Diplom, und/oder ein klinischer Psychologe oder Psychotherapeut mit besonderen Kenntnissen in der Schmerztherapie arbeiten. Weiters sollen in den Ambulanzen Physiotherapeuten, diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegepersonen mit besonderen Kenntnissen in der Pflege von Schmerzpatienten tätig sein. Lampl: „Dieses Konzept der interdisziplinären Zusammenarbeit zieht sich durch alle Versorgungsstufen.“

Die Dimensionen chronischer Schmerzen sind ein klarer Auftrag an die Politik, auf EU-Ebene ebenso wie in Österreich, betonte Lampl: „Wir brauchen Investitionen in die Schmerzforschung, in die schmerztherapeutische Ausbildung und ganz besonders in spezialisierte Strukturen für die Prävention, Behandlung und Rehabilitation chronischer Schmerzen. Weniger chronischer Schmerz, weniger Leid, und mehr Produktivität sollten einer Gesellschaft einiges wert sein.“

Quelle: Auftakt-Pressegespräch der 13. Österreichischen Schmerzwochen, 10. Oktober 2013, Wien

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