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Erinnerungen an traumatische Ereignisse im Leben gehen offenbar mit einem erhöhten Demenzrisiko einher.
 
Neurologie 16. Oktober 2013

Den Stress des Lebens vergessen?

Eine 38-Jahre-Studie zeigt: Wer viel Stress und Ärger im Leben hat, erkrankt offenbar eher an Demenz.


Schwere psychische Traumata, wie sie durch Krieg, Misshandlungen oder Naturkatastrophen ausgelöst werden, scheinen nicht nur mit einer ganzen Reihe psychischer Probleme im Laufe des Lebens einherzugehen - sie erhöhen nach Studiendaten auch das Demenzrisiko, berichten Epidemiologen um Lena Johansson von der Universität in Göteborg in Schweden (BMJ Open 2013; 3: e003142).



Die Forscher haben nun Daten einer 38 Jahre dauernden Studie ausgewertet und nach Hinweisen geschaut, ob auch schon wesentlich leichtere Formen von Stress das Demenzrisiko erhöhen. In der Studie waren 800 Frauen aus vier Geburtskohorten im Jahr 1968 und danach regelmäßig nach stressreichen Phasen in ihrem Leben befragt worden. Zu Beginn der Studie waren die Frauen zwischen 38 und 54 Jahre alt. Bis zum Jahr 2006 war etwas mehr als die Hälfte von ihnen gestorben, 153 der Frauen - also etwa jede Fünfte - entwickelte eine Demenz, 104 von ihnen eine Alzheimerdemenz.

Jeder Stressfaktor erhöht Alzheimerrate um ein Fünftel
Zu Beginn der Studie waren die Frauen nach 18 psychosozialen Stressoren gefragt worden. Dazu gehörten etwa psychische oder organische Erkrankungen von Partner und Kindern im vergangenen Jahr, Suchtprobleme in der Familie, psychische Probleme bei den Eltern und Geschwistern, Scheidungen, Todesfälle, arbeitsbezogene Probleme sowie uneheliche Geburten. Nur 18 Prozent der Befragten gaben keinerlei Probleme an, etwa ein Viertel nannte einen Stressor, ein weiteres Viertel erinnerte sich an zwei Stressfaktoren, jede fünfte Frau an drei, knapp 9 Prozent an vier und 7 Prozent der Befragten an fünf oder mehr Stressfaktoren. Setzen die Forscher die Zahl der Stressfaktoren im mittleren Alter in Bezug zur Demenzrate, dann zeigte sich, dass die Demenzrate umso höher war, je mehr dieser Alltagsstressfaktoren die Frauen angegeben hatten.

Pro Stressfaktor war die Demenzrate insgesamt um 16 Prozent und die Alzheimerrate um 21 Prozent erhöht, und zwar auch dann, wenn bekannte Risiken für eine Demenz wie Hypertonie, Diabetes, Rauchen, viel Alkohol, KHK oder geringe Bildung berücksichtigt wurden.

Manko: Geringe Zahl von Demenzkranken

Zum Teil lässt sich dies damit erklären, dass Frauen mit mehreren Stressfaktoren im Jahr 1968 auch bei späteren Befragungen vermehrt unter Stress litten. So wurden die Frauen im Verlauf der Studie immer wieder gefragt, ob sie in den vergangenen fünf Jahren häufiger Phasen mit deutlicher Reizbarkeit, Anspannung, Nervosität oder Schlafproblemen hatten, die mindestens einen Monat lang anhielten. Dies gaben zwischen elf und 20 Prozent der Frauen an, darunter gehäuft solche, die schon zu Beginn der Studie über viele Probleme geklagt hatten. Bei ihnen war später die Alzheimerrate um etwa 60 Prozent erhöht. Doch auch bei Frauen, bei denen solche Phasen nicht auftraten, war die Demenzrate pro Stressfaktor noch um 13 Prozent, und die Alzheimerrate noch um 17 Prozent erhöht.

Johansson und ihr Team schließen daraus, dass der Alltagsstress im mittleren Lebensalter auch dann ein Risiko darstellt, wenn er nicht als allzu belastend empfunden wird. Ein Manko solcher Aussagen ist jedoch, dass sie auf einer geringen Anzahl von Demenzkranken beruhen. Stratifiziert man die 104 Alzheimerkranken nach Zahl der Stressfaktoren im mittleren Lebensalter, dann kommt man sehr schnell in statistisch fragwürdige Bereiche. Vielleicht haben die Autoren der Studie es auch deshalb weitgehend vermieden, absolute Zahlen zu nennen, und überschütten den Leser stattdessen mit Hazard- und Odds-Ratios sowie diversen statistischen Modellen.

Literatur: Johansson L et al.:
Common psychosocial stressors in middle-aged women related to longstanding distress and increased risk of Alzheimer's disease: a 38-year longitudinal population study. BMJ Open2013;3:e003142 doi:10.1136/bmjopen-2013-003142

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