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Prof. Dr. Eduard Auff Vorstand der Universitätsklinik für Neurologie in Wien

Prof. Dr. Werner PoeweDirektor der Universitätsklinik für Neurologie in Innsbruck

 
Neurologie 7. Oktober 2013

Leistungsschau der Neurologie

Fortschritte bei der Früherkennung von Demenz und M. Parkinson zählten zu den wichtigsten Themen des Weltkongresses für Neurologie in Wien.

Mit mehr als 8.000 Teilnehmern aus 127 Ländern, 350 Vortragenden, 270 Fortbildungs- und wissenschaftlichen Sitzungen und 2.300 Abstract-Präsentationen bot der Weltkongress für Neurologie (WCN) in Wien eine beeindruckende Leistungsschau aus allen Bereichen der neurologischen Forschung. Bei den Schwerpunktthemen Demenzen und Morbus Parkinson gibt es vor allem Fortschritte bei der Früherkennung und immer besseren Diagnostik.

„M. Parkinson und Demenz gehören schon deshalb zu den Hauptthemen des Kongresses und zu den großen Herausforderungen der Neurologie, weil in beiden Bereichen aufgrund der demografischen Entwicklung von einem dramatischen Anstieg der Zahl der Betroffenen auszugehen ist“, berichtete Prof. Dr. Werner Poewe, Direktor der Universitätsklinik für Neurologie in Innsbruck und Co-Chair des Scientific Program Committee des WCN 2013. So litten 2010 laut Weltgesundheitsorganisation 35,6 Millionen Menschen weltweit an einer Form der Demenz, davon 60 Prozent in Entwicklungsländern. Schätzungen gehen von einer Verdreifachung bis 2030 aus. 4,1 Millionen Menschen leiden an der Parkinson Erkrankung, bis 2030 soll sich die Zahl der Betroffenen auf 8,7 Millionen mehr als verdoppeln.

M. Parkinson früh erkannt

„Die aktuelle Forschung in beiden Bereichen, die in vielen Sitzungen auf dem Kongress diskutiert wurde, hat deutlich gemacht, dass bereits Jahre vor dem Auftreten der ersten Symptome Veränderungen, etwa im Eiweiß-Stoffwechsel, zu beobachten sind“, so Poewe. „Solche Einsichten eröffnen immer bessere Möglichkeiten der Früherkennung durch Biomarker, die wichtige Schlüsse auf den Verlauf der Erkrankungen zulassen, ebenso wie eine frühe Diagnostik und eine frühe therapeutische Intervention.“

Zu den wichtigsten Frühzeichen des M. Parkinson gehören REM-Schlafverhaltensstörungen oder Anosmie, die durch einen relativ einfachen Geruchstest diagnostizierbar ist. So zeigt etwa eine im Rahmen des Kongresses präsentierte Studie, dass 75 Prozent der Parkinsonpatienten eine Anosmie aufweisen, und dieser einfache Geruchstest ein effektives Screening-Tool ist.

Ein weiteres Testverfahren ist die Injektion von 123 Jod Ioflupan in Verbindung mit SPECT-Bildgebung, mit dem die Dopamin-freisetzenden Nervenzellen dargestellt werden können. Dieses Verfahren erwies sich als sicher und präzise in der Früherkennung von M. Parkinson.

Biomarker zur Demenzdiagnostik

Auch in der Demenzforschung sind besonders in Bezug auf die Diagnostik Fortschritte zu verzeichnen. Poewe: „Da immer mehr Biomarker der verschiedenen Demenzformen bekannt werden, nähert sich die Differenzialdiagnose von Alzheimer und anderen Demenzen immer mehr einer Diagnose im Frühstadium an, in dem die kognitiven Beeinträchtigungen noch gering sind.“ Bei der Alzheimer-Demenz konzentrieren sich derzeit zahlreiche Studien auf die Rolle von Beta-Amyloid in der Entstehung und Entwicklung der Erkrankung. Ablagerungen dieses Proteins können mittels MRT sichtbar gemacht werden, ebenso wie Veränderungen des Stoffwechsels in der Großhirnrinde durch PET. Weitere Verbesserungen in der Diagnose bringt die Messung von Tauproteinen und Beta-Amyloid in der Rückenmarksflüssigkeit. Weiter auf dem WCN diskutierte Forschungsergebnisse widmen sich in der jüngeren Vergangenheit identifizierten Genen, die mit dem Risiko einer Demenzentwicklung assoziiert sind, etwa dem Gen für Apolipoprotein E.

Österreichische Forschung auf Top-Niveau

Im umfangreichen Kongressprogramm waren auch österreichische Forschungsprojekte prominent vertreten. „Es ist beachtlich, dass es ein so kleines Land ohne Mühe schafft, mit zahlreichen Vortragenden und gleich 130 exzellenten Beiträgen die wissenschaftliche Diskussion maßgeblich mitzugestalten“, betonte Prof. Dr. Eduard Auff, Vorstand der Universitätsklinik für Neurologie in Wien und Präsident des WCN 2013. Heimische Beiträge waren Themen wie der Weiterentwicklung von Prävention, Diagnose und Therapie von Schlaganfall, Epilepsie, Multipler Sklerose und Parkinson gewidmet. Bezeichnenderweise wurden zu diesen Krankheiten besonders viele Studien präsentiert. Doch auch in anderen Bereichen gibt es von österreichischer Seite wichtige Inputs, etwa zum Restless-Legs-Syndrom, zu Tremor, Bewusstseinsstörungen, neuromuskulären Erkrankungen, Neurorehabilitation oder auch zur Schlafforschung.

So hat eine österreichische Forschungsgruppe einen Biomarker identifiziert, der den Behandlungserfolg bei Schlaganfallpatienten voraussagen lässt. Je höher der Spiegel des zirkulierenden Proteins NGAL eine Woche nach einem Schlaganfall ist, desto höher ist auch der Grad der Behinderung drei Monate danach.

Eine Studie aus Linz zeigt, dass es Parkinsonpatienten offensichtlich schwerer fällt als Gesunden, anderen zu trauen. Genau jene Hirnareale, die für Vertrauen zuständig wären, sind durch die Krankheit beeinträchtigt: die Basalganglien des Großhirns, der frontale Cortex und das limbische System. Außerdem werden Dopamin und Serotonin im Falle einer Parkinsonerkrankung reduziert ausgeschüttet – also jene Neurotransmitter, die sich positiv auf die Vertrauensfähigkeit auswirken. So liegt die Vermutung nahe, dass viele neuropsychiatrische Probleme der Betroffenen mit übermäßigem, krankheitsbedingtem Misstrauen zusammenhängen.

Psychosoziale Probleme bei Epilepsie

Den zahlreichen psychosozialen Schwierigkeiten, mit denen Epilepsiepatienten im Alltag zu kämpfen haben – von Gedächtnisstörungen über Probleme beim Autofahren bis hin zu Schwierigkeiten am Arbeitsplatz – war eine europaweite Studie gewidmet. Ruhelosigkeit, emotionale Betroffenheit aufgrund der Krankheit, Angstzustände, das sind die drei psychosozialen Probleme, über die Epilepsiepatienten am meisten klagen, wie aus dieser Untersuchung hervorgeht. Für die Studie wurden Frauen und Männer mithilfe des PARADISE-Protokolls interviewt. „PARADISE“ steht für „Psychosocial Factors Relevant to Brain Disorders in Europe“ und bietet einen innovativen Zugang, um klinische Daten von Menschen zu erheben, die an psychosozialen Problemen aufgrund einer neurologischen Erkrankung leiden.

Immerhin die Hälfte der Befragten gab an, dass sich ihre Schwierigkeiten im Laufe der Jahre verbessert hätten. Mehr als jeder Vierte fand jedoch, die Probleme seien unverändert geblieben. Was den Betroffenen an äußeren Faktoren überwiegend zu schaffen macht, sind Medikamentennebenwirkungen und mangelnde Sensibilität im Umgang mit Epilepsie-Kranken. Das ist laut den Autoren nicht nur ein Auftrag an die Wissenschaft, sondern auch an die Gesellschaft, durch mehr Bewusstseinsbildung eine Verbesserung der Situation zu erreichen.

Quelle: Pressekonferenz anlässlich des 21. Weltkongresses für Neurologie (WCN), 23. September. 2013, Wien

H. Leitner, Ärzte Woche 41/2013

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