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Neurologie 23. September 2013

WCN 2013: Keine Gesundheit ohne "Gehirn-Gesundheit"

8.000 Spezialisten in Wien - Schlaganfälle und Demenz als große Themen der Zukunft.


In der Öffentlichkeit werden oft Herz-Kreislauferkrankungen und Krebs als die größten Gesundheitsgefahren gesehen. Doch bei der Abhängigkeit der Wahrnehmung der Welt und der Verarbeitung von Sinneseindrücken zur Realisierung der eigenen Existenz ist der Mensch zunächst einmal von der Funktion seines Gehirns abhängig. "Die Gesundheit des Gehirns ist die für die Gesundheit insgesamt von überragender Bedeutung", betonte deshalb am Montag zu Beginn des wissenschaftlichen Programms des Welt-Neurologenkongresses in Wien (bis 26. September) der Präsident des Weltverbands der Neurologie, Vladimir Hachinski.


Bis einschließlich Donnerstag diskutieren im Wiener Messezentrum rund 8.000 Experten die neuesten Trends und wissenschaftlichen Arbeiten auf dem Gebiet der Neurologie. Dabei kommt jenen Erkrankungen des Nervensystems immer mehr Bedeutung zu, deren Häufigkeit mit der demografischen Entwicklung immer mehr zunimmt: Schlaganfälle und Demenz. Hachinski (Western University in London/Ontario in Kanada): "Schlaganfälle verursachen bei den neurologischen Erkrankungen 55 Prozent der 'verlorenen gesunden Lebensjahre'. Morbus Alzeimer ist für zwölf Prozent verantwortlich, zusammen sind es zwei Drittel."

Wenn 1950 weltweit nur fünf Prozent der Bevölkerung mehr als 60 Jahre alt waren, so werden es im Jahr 2050 bereits global rund 17 Prozent sein. Bei der strikten Altersabhängigkeit der Häufigkeit von Schlaganfällen und des Auftretens von Demenz bedeute das - so der Experte - eine riesige Herausforderung.

Jeder Schlaganfall ist ein Versagen der Prävention


Während aber Morbus Alzheimer und andere Demenzen bisher zumeist erst im Spätstadium und nach einer Jahrzehnte langen symptomlosen Vorgeschichte diagnostiziert und fast immer dann erst in bescheidenem Ausmaß behandelt werden können, ist das beim Schlaganfall ganz anders. Hachinski: "Jeder Schlaganfall ist ein Versagen der Prävention." Die allermeisten dieser Akutereignisse, die oft bleibende Schäden und Invalidität auslösen, sind durch Herz-Kreislauf-Risikofaktoren wie gut behandelbaren Bluthochdruck, Atherosklerose (Cholesterin), Rauchen und mangelnde körperliche Akivität bedingt.

Schlaganfall: Revolutionäre Therapie


Wenn es allerdings zu einem Schlaganfall kommt, ist es für Überlegungen zu vermisster Prävention zu spät und sofortiges Handeln und Therapie mit den modernsten Mitteln zu Wiederherstellung der Blut- und damit Sauerstoffzufuhr für die betroffenen Gehirnareale angesagt. Hier hat die Thrombolyse, die Auflösung von in Gehirnarterien aufgetretenen Blutgerinnseln per Medikament, die Situation in den vergangenen 20 Jahren revolutionär umgestaltet.

"Wir haben 1979 den ersten Patienten auf diese Weise behandelt. Die Reviewer unseres Berichtes haben damals geschrieben: 'Die Thrombolyse ist bekanntermaßen gefährlich.' Dieser Weg sollte nicht weiter verfolgt werden", berichtete der deutsche Pionier Werner Hacke (Neurologische Universitätsklinik Heidelberg) am Montag beim Welt-Neurologenkongress in Wien mit rund 8.000 Teilnehmern. Schließlich konnten die Wissenschafter ab 1992 zeigen, dass man durch die intravenöse Gabe von thrombolytisch wirkenden Substanzen - hier hat sich die Biotech-Substanz rt-PA durchgesetzt - in der ersten Zeit nach einem ischämischen, also durch ein Gerinnsel verursachten, Schlaganfall bei etwa einem Drittel der Patienten eine Wiederherstellung der Blutversorgung erreichen kann. Diese Ergebnisse wurden seither noch deutlich verbessert.

Rasches Handeln entscheidend


Bei verdächtigen Symptomen müssen Patienten sofort per Notfalltransport in eine spezialisierte "Stroke Unit" an der neurologischen Abteilung eines Krankenhauses. Möglichst binnen Minuten muss per Computertomografie etc. die Diagnose gestellt werden. Bei Vorliegen eines ischämisch bedingten Schlaganfalls sollte dann sofort die Thrombolyse-Therapie erfolgen.

Hacke: "Zeit ist 'Gehirn'. In den ersten 90 Minuten nach dem Auftreten des Schlaganfalls werden bei der Hälfte der Patienten exzellente Erfolge verzeichnet, in den zweiten 90 Minuten bei 30 Prozent." Das für diese Behandlung zur Verfügung stehende "Zeitfenster" sei mittlerweile von drei auf viereinhalb Stunden ausgedehnt worden, manche Patienten würden aber auch noch später von der Therapie profitieren. Das Prinzip hinter diesen Abläufen: Die Schädigung des vom Schlaganfall betroffenen Gehirnareals nimmt ab der Blockade der Sauerstoffversorgung von Minute zu Minute zu. Dabei geht Gewebe unwiederbringlich verloren, die Thrombolyse kann bereits gefährdete Areale vor dem Absterben bewahren. Das ist die einzige Möglichkeit um dauerhafte Schäden wie Lähmungen und Invalidität zu verhindern.

Blutgerinnsel mechanisch entfernen


Mittlerweile werden - so der deutsche Experte - auch immer mehr Katheter-Systeme entwickelt, mit denen die Ärzte versuchen, im Gehirn aufgetretene Blutgerinnsel mechanisch zu beseitigen. Dies soll vor allem bei für die Thrombolyse nicht geeigneten Patienten zum Einsatz kommen. Doch drei bisher durchgeführte klinische Studien brachten noch keinen durchschlagenden Erfolg. Hier muss weitergeforscht werden.

Ausmaß des Gesundheitsproblems Schlaganfall


Das Schlaganfallproblem ist jedenfalls weltweit riesengroß: 600.000 Menschen erleiden in Europa pro Jahr eine solche akute Attacke. In Österreich sind das 24.000 Patienten, noch viel mehr Menschen haben "stumme" Hirninsulte. Von der Sterblichkeit her ist das die dritthäufigste Todesursache in Österreich, in anderen Ländern schon die zweithäufigste und hat dort den Krebs überholt. Die Folgen sind enorm: In einer Gemeinde von 1.000 Einwohnern in Österreich leben durchschnittlich sieben Schlaganfall-Betroffene. Oft sind sie von dauernder Betreuung und Pflege abhängig.

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