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Neurologie 16. September 2013

Migräne verändert die Gehirnstruktur

Läsionen und Volumenanomalien.

Migräne gilt als benigne Erkrankung: lästig, aber ohne langfristige Folgen für das Gehirn. Glaubt man den Ergebnissen einer neuen Überblicksstudie, trifft Letzteres allerdings nicht zu.

In ihrer Analyse von insgesamt 19 Studien zu dem Thema stieß eine Gruppe von Neurologen auf drei typische magnetresonanztomografische Veränderungen der Hirnstruktur von Migränikern: Anomalien der weißen Substanz (AWS), infarktähnliche Läsionen (IL) sowie Volumenveränderungen (VV) der grauen und weißen Substanz. Patienten, die an Migräne mit Aura leiden, sind davon stärker betroffen ( Bashir A et al.: Neurology 2013; Published online before print August 28 ).

AWS korrelieren in einigen Fällen nachweislich mit Gliose, Demyelinisierung und Axonverlust. Mikrovaskuläre Schäden sollen dafür verantwortlich sein – eine Ursache, die womöglich auch bei Migräne wirksam ist. Die AWS-Prävalenzen in den einzelnen Studien schwankten zwischen 4 und 59%. Insgesamt sind Veränderungen der weißen Substanz bei Migränikern mit Aura, nicht aber bei jenen ohne Aura signifikant häufiger festzustellen. Was AWS klinisch zu bedeuten haben, ist aber unklar.

Infarktähnliche Läsionen oder Infarkte?

Stumme IL finden sich bei Migränepatienten bevorzugt im Kleinhirn und in der tiefen grauen Substanz. Am stärksten ausgeprägt ist der Zusammenhang bei Migräne mit Aura und häufigen Anfällen. Die Ergebnisse sind insgesamt nicht schlüssig, für Migräne ohne Aura wurde in einer der untersuchten Studien sogar ein – allerdings nicht signifikanter – protektiver Effekt eruiert. Dass die Läsionen sich funktionell auswirken, legen Ergebnisse nahe, wonach sich bei asymptomatischen Migränikern Spuren einer zerebellären Dysfunktion zeigen. Verbindungen zwischen IL und kognitivem Abbau haben sich freilich nicht nachweisen lassen. Sollte es sich bei den IL um Infarkte handeln, muss dies aber Bedenken hinsichtlich der langfristigen Konsequenzen für die Struktur und Funktion des Gehirns wecken.

Die VV betrafen sowohl Zunahmen (dorsolaterale Pons, zentrales Höhlengrau) wie Abnahmen (Inselrinde, frontaler/präfrontaler, temporaler, parietaler und okzipitaler Kortex, anteriorer Gyrus cinguli, Basalganglien und Kleinhirn). Die Bedeutung der VV ist nicht klar.

Beruhigen und Risikofaktoren suchen


Die Befunde, so interessant sie sind, lassen offen, was zu tun sei. Migränepatienten, die in der neurologischen Untersuchung keine Auffälligkeiten zeigen, benötigen jedenfalls keine routinemäßige Magnetresonanztomografie. Angezeigt ist die MRT bei Patienten mit atypischen Kopfschmerzen, seit kurzem bestehenden Veränderungen des Schmerzmusters, Symptomen wie z. B. epileptischen Anfällen sowie bei fokalen neurologischen Beschwerden oder Zeichen. Finden sich im MRT AWS, raten Bashir und Kollegen dazu, die Patienten zu beruhigen. Liegen IL vor, sollten die Betroffenen auf Risikofaktoren für Schlaganfall untersucht werden. Und die volumetrische Magnetresonanztomografie bleibt ohnehin der Forschung vorbehalten.

springermedizin.de, Ärzte Woche 38/2013

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