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Neurologie 16. September 2013

Kein banales Leiden

Schlafstörungen können das erste Anzeichen schwerer neurologischer Erkrankungen sein.

Ein gestörter Schlaf kann ein Hinweis auf das Vorliegen eines neurologischen Leidens sein, betonten Experten beim Kongress der Europäischen Neurologengesellschaft ENS in Barcelona. Dennoch würde dem Schlaf auch in der neurologischen Forschung erst seit Kurzem die gebührende Beachtung gewidmet. Multidisziplinäre Zusammenarbeit in Forschung und Therapie wird gefordert.

„Rund ein Drittel unseres Lebens verbringen wir schlafend. Wenn der Schlaf nicht normal abläuft, funktioniert auch das Gehirn nicht normal“, betonte Prof. Dr. Claudio L. Bassetti, Präsident der ENS, beim 23. Meeting der ENS in Barcelona. „Schlafstörungen sind keineswegs banale Leiden. Sie reduzieren die Lebensqualität, können zu gefährlicher Tagesmüdigkeit führen, aber auch erste Hinweise auf eine schwerwiegende neurologische Erkrankung sein.“ Schlafstörungen müssten also in jedem Fall ernst genommen und sorgfältig abgeklärt werden.

Obwohl schlafbezogene Erkrankungen häufig, bedeutsam und meist behandelbar sind, werden sie noch immer oft vernachlässigt und nicht ausreichend ernst genommen, kritisierte Bassetti. Dies trotz ihrer weiten Verbreitung: Rund zehn Prozent der Bevölkerung sind von einer der vielen Formen von Schlafstörungen betroffen, die Häufigkeit steigt mit dem Alter.

Frühzeichen für Parkinson

Häufig unterschätzt wird etwa die Rolle, die der Schlaf in der Früherkennung neurologischer Erkrankungen spielen kann. Dies gilt für abnormales Schlafverhalten ebenso wie für exzessive Schläfrigkeit oder Schlaflosigkeit. „Internationale Studien zeigen, dass zwei Drittel der Menschen, die an Störungen des REM-Schlafes leiden, im späteren Verlauf Morbus Parkinson, Demenz mit Lewy-Körperchen oder Multi-Systematrophie entwickeln“, fasste Bassetti Präsentationen auf dem ENS-Kongress zusammen. „Sie geben uns also wichtige Warnsignale für eine spätere Erkrankung.“

Dies gilt besonders für die REM-Schlaf-Verhaltensstörung (Schenk-Syndrom), die sich im Verlust der sogenannten physiologischen Paralyse äußert, die bei gesunden Menschen für ein Erschlaffen der Muskulatur während des Traumschlafes sorgt. Geht diese Hemmung verloren, bewegen sich die Betroffenen in der REM-Phase, schreien, treten, schlagen um sich und verletzen dabei sich selbst und ihre Partner.

In Kombination mit bestimmten biologischen Markern könnte in Zukunft eine Diagnose dieser degenerativen Gehirnkrankheiten schon Jahre vor dem Auftreten der ersten bewusst wahrgenommenen Symptome möglich werden. „Das müssen wir nun verstärkt ins Bewusstsein bringen“, meint Bassetti. „Möglicherweise könnte es durch früh einsetzende Behandlung auch gelingen, die therapeutischen Ergebnisse zu verbessern. Es gibt nämlich begründete Hoffnung, dass eine neue Gruppe von Medikamenten den Ausbruch von Morbus Parkinson verhindern oder zumindest verzögern könnte, wenn die Behandlung sehr früh beginnt.“

Sollte das auch bei der Multi-Systematrophie und der Demenz mit Lewy-Körperchen gelingen, wäre dies ein enorm wichtiger Durchbruch, zumal die therapeutischen Möglichkeiten bei diesen Erkrankungen derzeit sehr begrenzt sind.

Andere Schlafstörungen, wie zum Beispiel ausgeprägte Schlaflosigkeit mit stark beeinträchtigtem Non-REM-Schlaf werden auch im Zusammenhang mit Autoimmun-Erkrankungen des Gehirns, Prionen-Krankheiten (z.B. Creutzfeld-Jakob) und Delirium tremens beobachtet. Exzessive Tagesschläfrigkeit kann unter anderem auf einen kleinen Schlaganfall, multiple Sklerose oder Narkolepsie hinweisen.

Gestörter Schlaf beeinträchtigt Regeneration nach Schlaganfall

Darüber hinaus mehren sich die Hinweise, dass die Qualität des Schlafs auch Vorhersagen über die Besserung oder Verschlechterung neurologischer Erkrankungen erlaubt. So weisen klinische und experimentelle Daten darauf hin, dass der Schlaf eine wichtige Rolle in Reparaturprozessen des Gehirns und für die Neuroplastizität spielt, also die Fähigkeit des Gehirns, Schäden zu kompensieren. Daher ist es nur naheliegend, dass sich ein gestörter Schlaf ungünstig auf die Erholung von neurologischen Erkrankungen und damit vermutlich auch auf deren Prognose auswirkt. Zum Beispiel wisse man, so Bassetti, seit längerem aus Erfahrung, dass Schlafstörungen den Verlauf nach einem Gehirnschlag negativ beeinflussen können.

Mittlerweile ist nicht nur im Tiermodell der Nachweis gelungen, dass Schlaf wichtig für die Erholung des Gehirns nach einem Schlaganfall ist. Eine im Rahmen des ENS-Kongresses präsentierte Studie zeigt einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Schlafqualität und der Genesung nach einem Schlaganfall. „Patienten, die in den ersten drei Monaten nach einem Schlaganfall reduzierten REM-Schlaf zeigten, erholten sich sowohl kurzfristig als auch langfristig schlechter von dem Ereignis“, berichtete Bassetti seine Forschungsergebnisse. „Dieser Zusammenhang war unabhängig von der Schwere des Insults.“

Erst in jüngster Zeit haben Neurologen begonnen, sich intensiver mit den Zusammenhängen zwischen Schlaf, Schlafstörungen und der Entwicklung neurologischer Krankheiten zu beschäftigen. Bassetti: „In einem nächsten Schritt wollen wir nun untersuchen, ob schlaffördernde Maßnahmen die Ergebnisse in der Therapie neurologischer Krankheiten verbessern. Obwohl wir mehr und bessere Studien benötigen, können wir schon jetzt sagen, dass eine vermehrte Berücksichtigung der Schlafqualität einen positiven Einfluss auf die Gesundheit unserer Patienten hat.“

Mehr interdisziplinäre Zusammenarbeit gefordert

Die bessere Berücksichtigung des Schlafes in der Medizin benötige auch verstärkte interdisziplinäre Zusammenarbeit, betonte Bassetti, zumal Störungen des Schlafs nicht nur neurologische, sondern auch zahlreiche andere Gründe haben können. Das gilt zum Beispiel für das Schlafapnoe-Syndrom mit nächtlichen Atemaussetzern oder psychologisch bedingte Schlafprobleme. Um hier in der Forschung wie in der Klinik voran zu kommen fordern Schlafforscher die Einrichtung eigener Zentren für Schlafmedizin an den Universitätskliniken. Bassetti: „Daran sollten sich die medizinischen Fakultäten, aber wenn möglich auch andere Disziplinen, beteiligen – bis hin zu Soziologie, Kunst und Wirtschaft. Innerhalb der Medizin wäre eine Teilnahme sowohl klinischer als auch präklinischer Fächer wünschenswert. Damit wäre sichergestellt, dass sowohl die Grundlagenforschung zum Thema Schlaf als auch Diagnostik und Therapie von Schlafstörungen an diesen Zentren stattfinden können. Erste Versuche in diese Richtung gibt es bereits in den USA. Europa hat hier noch Nachholbedarf.“

Quellen: ENS Abstracts 55, 56, P442

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