zur Navigation zum Inhalt
© Gernot Krautberger / fotolia.com
Forscher sind auf der Suche nach dem genetischen Fingerabdruck des Schmerzes.
 
Neurologie 17. Juni 2013

Über 400 Gene bestimmen das Schmerzempfinden

Zukünftig soll die Wirkung von Analgetika spezifisch für jeden Patienten bestimmt werden können.

Das Schmerzempfinden und damit auch die Reaktion auf Analgetika ist genetisch bestimmt. Etwa 410 Gene stehen im Verdacht, die entscheidenden Mechanismen für den Schmerz bei Menschen zu beeinflussen. Was diese Gene genau tun, haben Forscher des LOEWE-Schwerpunkts „Anwendungsorientierte Arzneimittelforschung“ der Goethe-Universität Frankfurt a. M. und der Universität Marburg gemeinsam mit kanadischen Kollegen erforscht (Pharm and Ther 2013; 139 (1), 60–70).

Die Forschungsergebnisse der Studienarbeiten sind richtungsweisend für die angestrebte „individualisierte Schmerz-Therapie“: In Zukunft soll nicht jeder Patient das gleiche schmerzstillende Medikament bekommen, sondern es wird dem genetischen Fingerabdruck des Schmerzes entsprechend ein Mittel ausgewählt, das für diesen Patienten hoch wirksam ist und dabei möglichst wenig Nebenwirkungen hat.

Um herauszufinden, wie die Gene das Schmerzempfinden beeinflussen, benutzte das Team eine große „Gen-Enzyklopädie“, zu der weltweit alle Wissenschaftler beitragen, die Gene und ihre Funktionen zu erforschen. Die als „Gen-Ontologie“ bezeichnete Datenbank enthält etwa 38.000 Begriffe und beschreibt die Funktion von zirka 50.000 Genen und Genprodukten. Die größte Herausforderung bestand darin, aus dieser unübersehbaren Menge von Daten die wesentlichen Funktionen der Gene herauszufiltern.

Dazu entwickelte das Team um Prof. Alfred Ultsch von der Universität Marburg Programme, die nach dem Vorbild der Natur, insbesondere des Gehirns arbeiten: Sie finden die gewünschten Informationen, in dem sie abstrahieren und Unwichtiges ignorieren. Dabei herausgekommen sind zwölf wichtige Dimensionen des Schmerzes, die Forscher in Gestalt einer „Schmerzuhr“ angeordnet haben. Jeder der zwölf Schmerzbereiche entspricht der Anzahl der dafür zuständigen Gene.“

Erstaunlich war der relativ große Anteil von Genen, die sich mit dem Aus- und Umbau von Nervengeflechten beschäftigen“, erläutert Prof. Jörn Lötsch vom Institut für Klinische Pharmakologie der Goethe-Universität und Erstautor der Studie. „Möglicherweise ergibt sich daraus eine Spur zu den genetischen Mechanismen des Schmerzgedächtnisses. Denn der Körper erinnert sich an erlittenen Schmerz und nimmt daher einen erneuten, ähnlichen Schmerz umso stärker wahr“, so Lötsch.

Als eine erste Anwendung der „Schmerzuhr“ skizzieren die Forscher in ihrem Aufsatz Tests zur Wirksamkeit von schmerzstillenden Mitteln. Die dafür zuständigen Gene konzentrieren sich in Bereichen, die insbesondere den Schnittstellen zwischen Nervenzellen (Synapsen und Ionen-Transport) zuzuordnen sind. Die Ergebnisse beruhen auf einer intensiven interdisziplinären Zusammenarbeit von Pharmakologen, Molekularbiologie, Schmerzforschung und Datenbionik.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben