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Neurologie 22. Mai 2013

Neurologie im Aufwind

Wien ist im September Gastgeber-Stadt des 21. World Congress of Neurology (WCN 2013).

Die EU hat mit dem European Brain Council den Mai 2013 zum „European Month of the Brain“ erklärt. Das spiegelt das vermehrte Augenmerk auf die Hirnforschung in den letzten Jahren wider. Im September dieses Jahres wird Wien Mittelpunkt der neurologischen Forschung – als Gastgeber des 21. World Congress of Neurology (WCN 2013).

„Erkrankungen des Gehirns verursachen nicht nur erhebliches Leid und Verlust an Lebensqualität, sondern auch enorme Kosten“, betonte Doz. Dr. Regina Katzenschlager von der Abteilung für Neurologie im, Donauspital/SMZ Ost und Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie anlässlich einer Pressekonferenz zum „European Month of the Brain“. „Die Belastung neuropsychiatrischer Erkrankungen für die europäischen Volkswirtschaften wird auf insgesamt 798 Milliarden Euro jährlich geschätzt. Neurologische Erkrankungen haben mit insgesamt 220 Millionen Betroffenen daran einen erheblichen Anteil.“ Laut den jüngsten, vom European Brain Council (The Cost of Disorders of the Brain in Europe 2010) publizierten Zahlen, steht dabei die Demenz mit Kosten von 105 Milliarden Euro an erster Stelle, die Kosten für Schlaganfall betragen jährliche 64,1 Milliarden Euro, Kopfschmerzen 43,5 Milliarden, Schlafstörungen 35,4 Milliarden und Kopfverletzungen 33 Milliarden. Hohe Kosten entstehen auch durch vergleichsweise seltenere Erkrankungen wie Multiple Sklerose (14,6 Mrd.), Morbus Parkinson (13,9 Mrd.) und neuromuskuläre Krankheiten (7,7 Mrd.). Davon sind 37 Prozent direkte Gesundheitskosten, der Rest direkte nicht-medizinische (23%) und indirekte Kosten (40%), z. B. durch Krankenstände und Frühpensionierungen.

Aufgrund der demografischen Entwicklung ist zukünftig ein weiterer Anstieg bei diesen Erkrankungen zu erwarten. „So gehen Schätzungen bei der Zahl der jährlichen Schlaganfälle von einer Verdopplung bis 2030 aus, bei der Parkinsonerkrankung von einer Verdreifachung und bei Demenzerkrankungen von einem Anstieg um fast das Zweieinhalbfache bis zum Jahr 2050.“

Symptome richtig bewerten

Viele Symptome mit oft neurologischen Ursachen wie beispielsweise Vergesslichkeit, Gang- oder Sprachstörungen, Muskel- und Nervenschmerzen oder Schwindel werden in der Bevölkerung noch immer nur zum Teil mit der Neurologie in Verbindung gebracht, wodurch die Diagnosestellung als auch der Therapiebeginn oft verspätet erfolgt – oft mit deutlichen Konsequenzen für die Prognose.

Versorgung beim Schlaganfall

„Beim Schlaganfall, der in Österreich 20.000 bis 25.000 Menschen pro Jahr betrifft, gilt das Motto „time is brain“: Je schneller Patienten in spezialisierten Kliniken behandelt werden, desto größer ist die Chance auf Überleben ohne oder zumindest geringe Behinderung“, betonte Prof. Dr. Franz Fazekas, Leiter der Grazer Universitätsklinik für Neurologie. In Österreich gibt es derzeit ein Netzwerk von 35 Stroke Units, die von der Mehrzahl der Österreicher innerhalb von 45 Minuten erreichbar sind. Darüber hinaus werden die Daten und Ergebnisse dieser Stroke Units auch in einem österreichweiten Register unter Federführung der Gesundheit Österreich GesmbH. erfasst. Dies dient einerseits der ständigen internen Qualitätskontrolle und andererseits können die Daten zur Beantwortung wissenschaftlicher Fragestellungen herangezogen werden.

Trotz vieler Erfolge bleibt noch einiger Verbesserungsbedarf. „So gelingt uns die Einhaltung des Zeitfensters von maximalen 4,5 Stunden vom Auftreten der ersten Symptome bis zum Therapiebeginn nach wie vor erst bei rund 10 bis 15 Prozent der Betroffenen. Das liegt aber nicht nur am Transport“, betonte Fazekas. Auch die Symptome werden nach wie vor nicht immer ernst genommen. Zu den gegenwärtigen Prioritäten zählt auch die Verbesserung der Kommunikation zwischen den Rettungsdiensten und den Stroke Units.

Und nicht zuletzt muss man immer wieder auf die Bedeutung der Prävention hinweisen: „Personen, die unter Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder Vorhofflimmern leiden, haben bereits in jüngeren Jahren ein beträchtliches erhöhtes Risiko für einen Schlaganfall“, so Fazekas.

Fortschritte in der MS-Therapie

In Österreich leiden 8.000 bis 10.000 – meist jüngere – Patienten an Multipler Sklerose (MS). Diese chronische Erkrankung führt häufig in kurzer Zeit zu schwerer Behinderung. „Zum Glück haben wir heute Optionen, dem gegenzusteuern“, so Fazekas. Die österreichischen Universitäten und Neurologischen Kliniken haben einen wesentlichen Anteil an dieser Entwicklung. Die Medizinische Universität Graz hat entscheidende Vorarbeit für die Erstellung der internationalen Diagnosekriterien geliefert, die heute eine frühe Diagnose ermöglicht und am Hirnforschungsinstitut in Wien sowie in Innsbruck fanden für das Verständnis der histopathologischen und immunologischen Abläufe entscheidende Forschungen statt. „Hinsichtlich der Therapie haben sich die Optionen ebenfalls deutlich verbessert. Neben den Interferonen und Glatirameracetat steht ein monoklonaler Antikörper zur Verfügung, mit Fingolimod ein orales MS-Medikament.

Aktuelle Entwicklungen bei der Parkinsonkrankheit

Die Parkinsonkrankheit gehört zu den häufigsten neurodegenerativen Erkrankungen – für Österreich schätzt man mindestens 16.000 Betroffene, etwa 2000 neu erkrankte dürften jährlich hinzukommen. „Obwohl die Krankheit nach wie vor nicht heilbar ist, gehört sie inzwischen doch zu den am besten behandelbaren neurodegenerativen Erkrankungen“, so Prof. Dr. Werner Poewe, geschäftsführender Direktor des Department Neurologie und Neurochirurgie der Medizinischen Universität Innsbruck.

Im Zentrum der Therapie steht unverändert der medikamentöse Dopaminersatz, mittlerweile kann den Patienten aber ein breites Spektrum an individualisierter Therapie angeboten werden“, erklärte Poewe. Hierzu gehören auch technologisch anspruchsvolle Verfahren, wie verschiedene Medikamentenpumpen und die tiefe Gehirnstimulation.

Das große Ziel bleibe aber die Entwicklung von Behandlungsverfahren, welche die Progression verzögern oder sogar verhindern. „Hier sind in letzter Zeit neue Hoffnungen entstanden, nicht zuletzt durch die Entdeckung neuer molekularer Schlüsselereignisse in den Nervenzellen von Parkinson-Patienten. Dies eröffnet die Aussicht auf neue Therapieformen, die über den bloßen Ersatz von Botenstoffen des Gehirns hinausgehen und den eigentlich pathologischen Zellmechanismus angreifen“, so Poewe.

Parkinson-Früherkennung über den Darm

Die optimale Wirkung solcher krankheitsmodifizierender Therapien ist aber an eine möglichst frühe Erkennung der Parkinsonkrankheit gebunden. Auch hier gibt es bedeutsame Fortschritte, vor allem durch die Erkenntnis von Veränderungen, welche dem Ausbruch der klassischen motorischen Symptome der Krankheit vorausgehen. „Viel Aufmerksamkeit haben in diesem Zusammenhang relativ einfache Testmethoden wie Geruchstests oder Ultraschalluntersuchungen des Gehirns gefunden, wo österreichische Gruppen im internationalen Verbund zeigen konnten, dass Merkmalsträger ein deutlich erhöhtes Risiko haben, an Parkinson zu erkranken“, so Poewe. „Besonders aktuell sind jüngste Erkenntnisse zu Veränderungen in den Nervengeflechten der Darmschleimhaut, die bereits vor Ausbruch einer Parkinsonkrankheiterkennbar sind und für die, mit der bereits im Rahmen von Vorsorgeuntersuchungen etablierten Darmspiegelung, eine Nachweismöglichkeit besteht.“

Im September wird Wien „Welthauptstadt der Neurologie“

Dass die österreichische Neurologie international einen ausgezeichneten Ruf genießt, bestätigt auch die Tatsache, dass Wien im September die Gastgeber-Stadt des 21. World Congress of Neurology (WCN 2013) sein wird. „Dieser Weltkongress ist der weltweit größte und wichtigste wissenschaftliche Event unseres Faches. Wir erwarten 8.000 bis 10.000 Teilnehmer, bis jetzt liegen uns bereits mehr als 2.500 Anmeldungen für Posterbeiträge vor“, so Prof. Dr. Eduard Auff, Präsident des WCN 2013 und Vorstand der Universitätsklinik für Neurologie der Medizinischen Universität Wien. Ein Highlight wird auch der Festvortrag von Eric Kandel sein.

Das Motto des WCN 2013 ist „Neurologie im Zeitalter der Globalisierung“. Der WCN 2013 ist eine gemeinsame Veranstaltung der WFN und der Österreichische Gesellschaft für Neurologie unter Mitwirkung der EFNS (European Federation of Neurological Societies).

Quelle: „European Month of the Brain“, 13. Mai 2013, Wien

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