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Neurologie 15. Mai 2013

Schlechte Karten

Kinder mit schweren Krampfanfällen leiden oft an Entwicklungsstörungen.

Egal ob ein Status epilepticus mit oder ohne Fieber auftritt – noch ein Jahr später zeigen Kinder deutliche Entwicklungsstörungen. Unklar ist aber, ob das an den Anfällen liegt oder das Gehirn schon vorgeschädigt war.

Fieberkrämpfe bei Kindern sind nicht unbedingt selten. Besonders kritisch ist die Situation aber, wenn solche Krämpfe länger als eine halbe Stunde dauern und in eine Art Status epilepticus übergehen. Offenbar haben solche Kinder später nicht nur ein drastisch erhöhtes Epilepsierisiko, ihre Entwicklung verläuft auch deutlich verzögert. Noch ein Jahr nach den Anfällen schneiden die Kinder bei den geistigen und motorischen Fähigkeiten deutlich schlechter ab als Kinder ohne Krampfanfälle, berichten Neuropädiater um Dr. Marina Martinos von der Uniklinik in London (Epilepsia 2013, Epub 8. April, DOI:10.1111/epi.12136).

Fähigkeiten nach fieberlosen Anfällen am schlechtesten

Die Ärzte hatten 54 Kinder im Alter von einem Monat bis zu dreieinhalb Jahren innerhalb von sechs Wochen nach einem Status epilepticus pädiatrisch untersucht. 27 der Kinder hatten einen Status mit Fieber, ebenso viele einen Status ohne Fieber erlitten. Der Anfall dauerte bei der fieberlosen Variante im Schnitt etwas länger (83 versus 68 Minuten), ansonsten unterschieden sich die Anfälle in beiden Gruppen nicht wesentlich. Von den Kindern mit Fieberanfällen hatte ein Drittel wiederholte Konvulsionen, dagegen waren bei drei Viertel der Kinder mit fieberlosem Status schon in der Vergangenheit Anfälle beobachtet worden.

Zur Untersuchung verwendeten die Ärzte die altersstandardisierte Bayley Scales of Infant Development (BSID) mit einem Normalwert von 100 Punkten. Mit der Skala werden kognitive, sprachliche und motorische Fähigkeiten einzeln erfasst und bewertet. Bei der Untersuchung lagen die Kinder in der Kontrollgruppe in allen drei Domänen leicht über 100 Punkten (103 – 107 Punkte), dagegen sah das Bild in den beiden Gruppen mit Status epilepticus anders aus. Bei den Kindern mit fieberlosem Status waren die Werte am schlechtesten: Sie lagen in allen drei Domänen unter 80 Punkten (74 – 77 Punkte). Dies hatte die Ärzte nicht überrascht, da diese Kinder in der Regel schon häufiger Anfälle hatten und daher von Problemen bei der Gehirnentwicklung auszugehen war.

Die Neuropädiater waren jedoch erstaunt, dass auch Kinder mit fieberbedingtem Status Abweichungen zeigten: Sie lagen mit Werten von etwa 90 Punkten in den drei BSID-Domänen zwar über denen der Kinder mit fieberlosen Anfällen, aber auch deutlich unter den Werten jener in der Kontrollgruppe. Interessant ist auch der Vergleich von zwei Zwillingspaaren, von denen ein Kind einen fiebrigen Status entwickelte, das andere nicht. Auch hier schnitten die gesunden Kindern bei der Untersuchung deutlich besser ab: das eine in allen drei Domänen, das andere nur bei Motorik und Kognition.

Defizite noch nach einem Jahr

Nach einem Jahr wurden die Kinder erneut untersucht. Dabei stellten die Ärzte fest, dass weder die Kinder mit den fieberlosen noch die mit den fiebrigen Anfällen die Defizite aufgeholt hatten. Die BSID-Werte waren praktisch unverändert – der Abstand zu gleichalten gesunden Kindern also immer noch ähnlich groß wie einige Wochen nach den Anfällen.

Das lässt den Schluss zu, dass auch ein fieberbedingter Status epilepticus mit Entwicklungsverzögerungen einhergeht. Die Frage ist nun, ob die Verzögerung durch den Anfall ausgelöst wird oder ob schon zuvor Hirnschäden bestanden, die einerseits Anfälle begünstigen, andererseits die Entwicklung der Kinder beeinträchtigen. Das ließ sich mit der Studie nicht klären, dazu hätte man die Kinder schon vor den Anfällen untersuchen müssen. Das Team um Martinos hofft, diese Frage durch eine größere Longitudinalstudie eines Tages zu beantworten.

Bisherige Erkenntnisse deuten aber darauf, dass wohl beides der Fall ist: In Tierexperimenten bewirkten künstlich erzeugte Fieberkrämpfe tatsächlich Hirnschädigungen – etwa im Hippocampus. Andererseits wurden in Familien mit einer Häufung frühkindlicher Anfälle auch bei den gesunden Kindern Auffälligkeiten im Hippocampus beobachtet. Möglicherweise begünstigen also Probleme bei der Hirnentwicklung Krampfanfälle, die das Gehirn dann zusätzlich schädigen.

 

springermedizin.de/mut, Ärzte Woche 20/2013

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