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Innere Medizin 30. Juni 2005

Epileptiker in der Berufswelt

Was kann der Betriebsarzt tun, um die MitarbeiterInnen eines Unternehmens für das Thema Epilepsie zu sensibilisieren? Wir sprachen mit Prim. Dr. Eva Laich, Abteilung für Neurologie, LKH Steyr.

Wie würden Sie derzeit für Menschen mit Epilepsie die Chancen auf einen Arbeitsplatz einschätzen?
Laich: Die Situation wird immer ungünstiger. Das gilt für die Allgemeinbevölkerung und mehr noch für Epilepsie-Patienten. Auch hat sich vor kurzem die Gesetzeslage geändert: So sind Kündigungen ohne Angabe von Gründen auch im Krankenstand, gesetzlich möglich. Dies alles erschwert die Integration in den allgemeinen Arbeitsmarkt für Menschen mit besonderen Bedürfnissen.

Rund 20 Prozent der Betroffenen leiden unter Anfällen – von der Absence bis zum Grand Mal-Anfall. Was ist diesen PatientInnen zu raten?
Laich: Ich sage den Patienten, bei denen trotz Therapie regelmäßig Anfälle auftreten, dass sie den unmittelbar Vorgesetzten und einen Arbeitskollegen, mit dem sie eng zusammenarbeiten, ins Vertrauen ziehen sollen. Das hilft Überraschungen zu vermeiden. Dieser Kollege oder diese Kollegin sollte auch wissen, worauf es an Schutzmaßnahmen bei einem Anfall ankommt. Es ist für die Person des Vertrauens wichtig und fair, wenn sie weiß, was auf sie zukommt, also gilt es über den Ablauf eines epileptischen Anfalles zu informieren. So können Panikreaktionen vermieden werden. Als Alternative könnte diese „Aufklärungsarbeit“ auch vom Betriebsarzt übernommen werden, der zugleich kompetenter Ansprechpartner für allfällige Fragen ist.

Soll oder muss der Patient dem Arbeitgeber sagen, dass er unter Epilepsie leidet?
Laich: Grundsätzlich besteht keine Auskunftspflicht über diese Krankheit dem Arbeitgeber gegenüber. Vorausgesetzt wird allerdings die Eigenverantwortlichkeit des jeweiligen Mitarbeiters. Er muss also selbst abschätzen, ob er an diesem Arbeitsplatz sich oder andere im Fall eines Anfalls gefährdet. Anfallsfreie Patienten oder Patienten mit seltenen Anfällen, die im Alltag oft gar nicht auffallen und bei Tätigkeiten, die zu keiner Gefährdung führen, brauchen ihre Umgebung nicht über ihre Krankheit zu informieren.

Wie kann man KollegInnen und ArbeitgeberInnen die Angst vor der Erkrankung und damit letztlich auch vor dem Erkrankten nehmen?
Laich: Das Wichtigste ist ausreichende Information über diese Erkrankung. Epilepsie ist nichts Mystisches oder Unheimliches. Leider ist der Wissensstand der Bevölkerung in dieser Hinsicht immer noch nicht ausreichend. Hier kommt auch den Betriebsärzten bzw. den arbeitsmedizinischen Diensten eine wichtige Aufgabe zu, dieses Krankheitsbild immer wieder zum Thema zu machen und darüber aufzuklären.

Was sollten KollegInnen und ArbeitgeberIn bedenken, damit sie bei einem Anfall rasch helfen können?
Laich: Es sollten grundsätzliche Kenntnisse darüber vorhanden sein, wie ein epileptischer Grand Mal-Anfall ausschaut. Wichtig ist, dass man Neugierige fernhält, den Kranken vor Verletzungen schützt, z.B. etwas Weiches unter den Kopf legt, damit er sich nicht aufschlägt, herumstehende Gegenstände entfernt oder den Patienten aus der Gefahrenzone bringt. Dann soll der Patient in eine stabile Halbseitenlage gebracht und in Ruhe gelassen werden. Keinesfalls sollen Manipulationen im Mund durchgeführt werden, wie etwa einen Spatel in den Mund zu legen. Mit der Uhr sollte die Dauer des Anfalls kontrolliert werden. Ein Anfall ist meist selbstlimitierend und dauert selten länger als zwei Minuten.

Sie haben in Ihrer Ambulanz viele berufstätige Epilepsiepatienten. Was konnten Sie diesbezüglich beobachten?
Laich: Gegenüber der Allgemeinbevölkerung fällt auf, dass die Patienten, die einen Arbeitsplatz haben, diese Tatsache mehr schätzen. Es handelt sich in der Regel um zufriedene und pflichtbewusste Arbeitnehmer. Viele versuchen, so wenig wie möglich zu fehlen und überlegen zum Beispiel genau, ob sie nach einem epileptischen Anfall nach Hause gehen sollen. Sie versuchen eher, danach so rasch wie möglich weiter zu arbeiten. Arbeit sorgt für Selbstbestätigung. Das gilt selbstverständlich auch für Menschen, die an Epilepsie leiden.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 25/2004

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