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Neurologie 30. Juni 2005

Multimodale Epilepsietherapie

Epilepsien betreffen zu 75 Prozent Kinder und sind eine extrem heterogene Krankheitsgruppe. Mittels MRT-Untersuchungen und Genanalysen werden heute viele unerwartete Erkenntnisse in der Ursachenforschung gewonnen.

Etwa 80.000 Menschen in Österreich leiden an einer Epilepsie. „Die Epilepsien gehören zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen“, erläutert Prof. Dr. Bruno Mamoli, Leiter der 2. Neurologischen Abteilung am NKH Rosenhügel. 75 Prozent der Erkrankten sind Kinder. Bis zum Eintritt in die Schule besteht eine relativ hohe Erkrankungsbereitschaft. Ein weiterer Erkrankungsgipfel wird in der Pubertät erreicht. „Die Zeit zwischen dem zwanzigsten und vierzigsten Lebensjahr verläuft zumeist relativ ruhig. Einen Anstieg der Erkrankungshäufigkeit gibt es dann wieder bei den über 60-Jährigen“, sagt Prof. Dr. Martha Feucht, Epileptologin an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am AKH Wien.

MRT und Genforschung erleichtern Ursachenforschung

Die Ursachen für die heterogene Krankheitsgruppe der Epilepsien lagen lange Zeit im Dunkeln. „Vor der Magnetresonanztherapie und der Genforschung haben sich viele Epilepsieformen einer Diagnose entzogen“, sagt Feucht. Heute kann immerhin rund 48 Prozent der Epilepsieerkrankungen eine Ursache zugeordnet werden. In der Neugeborenenperiode und der frühen Kindheit dominieren Hirnentwicklungsstörungen auf genetischer Basis oder aufgrund intrauteriner Schädigungen, metabolische und toxische Ursachen, hypoxische Hirnschäden und Infektionen. Idiopathische Epilepsien manifestieren sich vor allem in Kindheit und Adoleszenz, während im Alter von 21 bis 40 Jahren Schädel-Hirntraumen oder Infektionen eine Epilepsie begründen. Hirntumore, mesiale Sklerosen oder Substanzabusus spielen zwischen der vierten und sechsten Lebensdekade eine wichtige Rolle bei der Entwicklung einer Epilepsie. Ab dem 60. Lebensjahr stellen Atherosklerosen und degenerative Prozesse des Gehirns die wichtigsten Ursachen dar.

Hohe genetische Komponente

„Die Genforschung hat uns gezeigt, dass die Krankheit bei einem größeren Teil der Patienten als bisher angenommen familiär gehäuft vorkommt und eine deutlich genetisch determinierte Komponente aufweist“, weiß Prof. Dr. Gerhard Bauer von der Universitätsklinik für Neurologie an der medizinischen Universität Innsbruck. Epilepsien sind heute zum größten Teil mit Antiepileptika gut behandelbar. 50 bis 60 Prozent der Betroffenen können langfristig anfallsfrei gemacht werden, 30 bis 40 Prozent erleiden trotz Therapie gelegentlich Anfälle. Begleitend zur Therapie wird Anfallskranken zu einem regelmäßigen Lebensrhythmus, Stress-, Alkohol- und Drogenvermeidung sowie ausreichend viel Schlaf geraten.

Antikonvulsivaresistenz

Zwischen zehn und 30 Prozent der Patienten sprechen auf Antiepileptika nicht an. „Bei diesen Patienten stellt sich die Epilepsiechirurgie, besonders bei einfach fokalen Anfällen, immer mehr als hervorragende Möglichkeit zur vollständigen Heilung der Erkrankung heraus“, erklärt Prof. Dr. Christoph Baumgartner von der Universitätsklinik für Neurologie am AKH Wien. In den letzten Jahren wurden in den USA, zugleich auch in vielen europäischen Staaten epilepsiechirurgische Zentren geschaffen.
Auch am Wiener AKH werden mittlerweile epilepsiechirurgische Eingriffe mit großem Erfolg durchgeführt. Die Eingriffe haben dabei das Ziel, die epileptogene Zone zu entfernen und damit Anfallsfreiheit zu erzielen. Grenzen sind der Epilepsiechirurgie dort gesetzt, wo es sich um multifokale Anfallsmuster handelt. Für derartige Fälle ist immer noch die Vagusnerv-Stimulation in Erwägung zu ziehen, und das mit guten Erfolgen. Der Vagusnerv-Stimulator wird dabei, ähnlich wie ein Schrittmacher, subclaviculär implantiert. Er stimuliert den Nervus vagus und unterdrückt dadurch Anfälle. „Es kommt dabei nur selten zu einer völligen Anfallsfreiheit, aber oft zu einer deutlichen Besserung der Anfallsheftigkeit“, sagt Baumgartner.

Vorurteile belasten

Obwohl Epilepsien heute in den meisten Fällen mit diversen Möglichkeiten, also medikamentös oder operativ, gut behandelbar sind, haben die Erkrankten häufig Probleme. Nicht etwa wegen möglicher Symptome ihrer Erkrankung, sondern wegen ihrer Umwelt. So ist die Situation auf dem Arbeitsmarkt für Anfallskranke mehr als trist. Auch für epileptische Kinder ist die Situation in Österreich alles andere als rosig: Immer noch landen normal intelligente epilepsiekranke Kinder aus Nichtwissen in der Sonderschule.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 22/2004

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