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Neurologie 11. April 2013

Diagnose ADHS

Anamnese liefert noch immer die meisten Anhaltspunkte.

Bei der ADHS-Diagnose liefert die Anamnese noch immer die meisten Anhaltspunkte. Validierte Fragebögen können die Diagnose unterstützen, sollten aber nicht im Vordergrund stehen. Frühe Hinweise liefen auch motorische Kontrollstörungen.

Herrscht permanent Chaos im Kinderzimmer? Wollen andere Kinder nicht mit dem Mädchen oder Bub spielen, weil sie zu impulsiv und unberechenbar sind? Kann das Kind in der Schule keine fünf Minuten ruhig auf dem Stuhl sitzen? Solche Fragen liefern oft wichtigere Hinweise auf ein ADHS als mancher validierte Test, berichtete Prof. Dr. Martha Denckla von der Johns Hopkins Universität in Baltimore bei der Jahrestagung der amerikanischen Neurologengesellschaft AAN. Eine ausführliche und in die tiefe gehende Anamnese sei bei ADHS noch immer eines der wichtigsten Diagnosewerkzeuge. „Hierbei arbeiten wir am besten auf die altmodische Art“, so Denckla.

Validierte Fragebögen und Tests könnten zwar die Diagnose unterstützen, seien aber allenfalls als Ergänzung zu einer ausführlichen Anamnese zu sehen und würden diese nicht ersetzten. Während neuropsychologischer Tests verhalten sich die Kinder oft anders, da sie sich hier in einer anregenden, für sie oft interessanten Umgebung befinden und dann meist gut in der Lage sind, ihre Aufmerksamkeit so zu fokussieren, dass sie nicht auffallen. Wenn man schon Tests verwendet, dann solche, die die Betroffenen aus dem Konzept bringen oder mit Situationen konfrontieren, die ihnen nicht vertraut sind. Hieraus könne man noch am ehesten einen diagnostischen Nutzen ziehen.

Fehlallokation der Aufmerksamkeit

Denckla rät ihren Kollegen, nicht nur auf Aufmerksamkeitsdefizite und Hyperaktivität zu achten, diese Symptome seien häufig nicht das wahre Problem. Eigentlich hätten die Kinder auch keine Aufmerksamkeitsdefizite, vielmehr liegt eine Fehlallokation der Aufmerksamkeit vor: Die Betroffenen können ihre Aufmerksamkeit zwar fokussieren, aber nicht auf das, was gerade wesentlich ist, sondern auf das, was ihnen gerade attraktiv erscheint. Entsprechend könne man die leichte Ablenkbarkeit auch anders interpretieren: Kinder mit ADHS werden demnach von bestimmten Dingen oder Umständen nicht abgelenkt, sondern angezogen. Sie scheinen bei ihren Aktivitäten bevorzugt auf das interne Belohnungssystem zu zielen und sind nur schwer in der Lage, Dinge zu tun, die sie als nicht attraktiv empfinden. Denckla sieht ADHS daher eher als ein Kontrolldefizit, und zwar auf motorischer, kognitiver und emotionaler Ebene.

Motorisches Überschießen

Die Kontrolldefizite lassen sich auch diagnostisch nutzen. So kommt es bei Kindern mit ADHS oft recht früh zu einer Art „motorischem Überschießen“. Die Kinder zappeln dann nicht nur bewusst, sie machen auch häufig unbeabsichtigt Bewegungen, laufen etwa auf den Fußaußenkanten, als ob sie auf glühenden Kohlen stehen, und verkrümmen dabei die Arme. Offenbar haben die Kinder ein Problem, Muskelgruppen zu hemmen, die für bestimmte Aufgaben nicht benötigt werden. Solche Bewegungen verschwinden im Laufe der Entwicklung dann aber meist wieder, denn es gelingt ihnen dann, ihre Motorik besser zu kontrollieren.

Denckla sieht in ADHS primär eine verzögerte oder nicht adäquate Entwicklung von Kontrollfunktionen. Unterstützt wird diese Theorie auch durch Daten aus der Bildgebung. So ist das Volumen der grauen Substanz in den rechten Basalganglien im Vergleich zu jenem bei gleich alten Kindern reduziert, ebenso im dorsalen Aufmerksamkeitsnetzwerk, in limbischen Strukturen und in Kleinhirnarealen. Es scheint, als ob die Gehirnentwicklung bei ADHS partiell etwas langsamer verläuft. Ursache dafür seien zwar vermutlich vor allem genetische Unterschiede, Denckla warnte allerdings davor, alles auf die Gene zu schieben: Auch wenn diese den Takt vorgeben, die Probleme treten erst in einer komplexen Wechselwirkung mit der Umgebung auf, sodass es hier genügend Ansatzpunkte gibt, um ein ADHS zu lindern und den Umgang mit den Kindern zu verbessern.

 

Quelle: Annual Meeting der American Academy of Neurology (AAN), 16. – 23. März 2013, San Diego

springermedizin.de, Ärzte Woche 15/2013

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