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© Elisabeth Rawald - Fotolia.com
Auf den Schlaganfall folgt häufig eine Depression.
 
Neurologie 21. Jänner 2013

Antidepressiva verbessern Motorik nach Schlaganfall

Werden Patienten nach einem Schlaganfall mit SSRI behandelt, verlängert dies nicht nur das Leben, auch die Reha verläuft nach ersten Daten erfolgreicher – und zwar unabhängig davon, ob die Patienten depressiv sind.

Nach einem Schlaganfall erkrankt etwa jeder dritte Patient an einer Depression. Ein solches Stimmungstief zu erkennen, ist äußerst wichtig, denn es beeinflusst maßgeblich, wie lange die Patienten noch leben.

Auf dem Kongress der DGPPN in Berlin stellte Prof. Dr. Golo Kronenberg von der Charité in Berlin Daten einer Studie mit knapp 450 Patienten vor, die einen Monat nach einem Schlaganfall auf eine Depression untersucht worden waren. Von den Patienten mit schweren depressiven Symptomen waren nach zwei Jahren 22 Prozent verstorben, von denjenigen ohne oder mit nur leichten Symptomen hingegen nur 11–13 Prozent, also nur halb so viele.

Allerdings, so Kronenberg, ist es nicht immer einfach, eine Depression bei Schlaganfallpatienten klar zu erkennen, da typische Symptome der Erkrankung wie leichte Ermüdbarkeit, Konzentrationsprobleme, Appetitmangel, Schlafstörungen und psychomotorische Veränderungen häufig auch eine direkte Folge des Schlaganfalls sind.

Affektlabilität als Warnsymptom

Warnsymptome sind eine offenkundige Affektlabilität – wenn Patienten etwa häufig weinen– sowie eine deutlich erkennbare Traurigkeit. Apathie hingegen sei kein typisches Symptom, sagte der Psychiater. Außerdem seien Patienten mit schweren Behinderungen besonders gefährdet für eine Depression, dagegen gebe der Läsionsort nach den bisherigen Studiendaten keine klaren Hinweise auf das Depressionsrisiko.

Sind sich Ärzte nicht ganz sicher, ob und wie stark depressiv Schlaganfallpatienten sind, sollten sie mit einer antidepressiven Therapie dennoch nicht lange warten – das legen zumindest aktuelle Daten nahe: Die Patienten scheinen auch dann von einer Therapie mit modernen Antidepressiva zu profitieren, wenn sie gar nicht depressiv sind. In einer kleinen Studie mit 80 Patienten erhielt ein Teil nach einem Insult eine Antidepressivatherapie, egal, ob sie depressiv waren oder nicht, der andere Teil bekam Placebo. Nach acht Jahren lebten in der Placebogruppe nur noch 20 Prozent, mit Antidepressiva waren es dagegen über 60 Prozent - ein Effekt, der sich nicht allein mit der antidepressiven Wirkung erklären lässt.

In einer weiteren Studie wurde gezielt Apoplexiepatienten ohne Depression der SSRI Fluoxetin verabreicht. Bei diesen Patienten waren nach drei Monaten die Behinderungen weniger stark ausgeprägt und die Motorik besser als bei Patienten ohne SSRI, wie Kronenberg berichtet.

Neuroprotektive Wirkung von SSRI?

Der Psychiater hat nun diesen Effekt mit seiner Arbeitsgruppe im Tiermodell genauer untersucht. Dabei lösten die Forscher bei Mäusen eine leichte zerebrale Ischämie aus. In einem Schwimmtest ließen sich solche Mäuse anschließend weitaus mehr Zeit, das rettende Ufer zu erreichen, als normale Nager, was auf eine affektive Störung deutet. Nach drei Monaten SSRI-Therapie, begonnen sieben Tage nach dem Infarkt, konnte dieses Defizit wieder weitgehend behoben werden, nicht so bei unbehandelten Tieren.

Kronenbergs Team stellte außerdem fest, dass bei den Schlaganfallmäusen die Dopaminkonzentration im Striatum deutlich erniedrigt war. Bei den SSRI-behandelten Mäusen schoss sie anschließend wieder hoch, während bei Nagern ohne SSRI dopaminerge Zellen im Mittelhirn zugrunde gingen, und zwar exofokal, also nicht in den Läsionsregionen. Zumindest im Tiermodell hatte die SSRI-Therapie wohl deutliche neuroprotektive Wirkungen auf das mesolimbische System. Dies könnte einige der Therapieeffekte in den klinischen Studien erklären.

Kronenberg wies jedoch darauf hin, dass die bisherigen Daten noch nicht ausreichten, um auch Schlaganfallpatienten ohne Depression präventiv Antidepressiva zu geben.

springermedizin.de/mut, Ärzte Woche 4/2013

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