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Neurologie 30. Juni 2005

Paradigmenwechsel in der MS-Therapie

Seit Oktober 2001 ist in Österreich der Wirkstoff Glatirameracetat (Copolymer-1) zur Verringerung der Schubfrequenz bei Patienten mit schubförmig verlaufender, remittierender Multiplen Sklerose (MS) zugelassen. Mit Glatirameracetat ist somit ein spezifischer Immunmodulator als First-Line-Basistherapeutikum zugelassen. Das Präparat ist chefarztpflichtig.
"Das Medikament reduziert die Rate von akuten Krankheitsschüben um rund ein Drittel. In Summe ergibt sich eine ähnliche Wirkung wie jene von Beta-Interferon", erklärte der Vorstand des Instituts für Hirnforschung der Unversität Wien, Prof. Dr. Hans Lassmann, anlässlich eines Symposiums der Firma Aventis Ende November 2001 in Wien.

Glatirameracetat zeichnet sich durch eine sehr gute Verträglichkeit aus: Es treten nur in bis zu 15 Prozent der Fälle Postinjektions-Reaktionen (Wallungen, Tachykardien, Dyspnoe, Beklemmungsgefühle...) auf. 
Die lokalen Nebenwirkungen an der Injektionsstelle sind milde: Selten kommt es zu Rötungen oder Schwellungen. 
Auch Prim. Dr. Ulf Baumhackl, St. Pölten, bestätigte aus seinen Therapieerfahrungen mit Glatirameracetat das vorteilhafte Nebenwirkungsprofil: "Vorübergehende Tachykardien und Gefühle von Beklommenheit und Flush sind möglich, klingen aber innerhalb von 15 Minuten spontan ab."

MRT belegt Effekt von Glatiramerazetat 

"Die Magnetresonanztomographie, die MRT, ist ein wichtiger Beurteilungsparameter zur Diagnosesicherung, zur Verlaufskontrolle sowie auch als prädiktiver Wert", erklärte Privatdozent Dr. Michael Haupts von der Neurologischen Klinik Bochum. 

In einer europäisch-kanadischen Multicenterstudie (Comi et al, Ann Neurol 2001) an 239 Patienten mit schubförmiger MS nahmen die kontrastmittelaktiven Läsionen bei den Patienten, die über neun Monate mit täglich 20 Milligramm des Wirkstoffs behandelt worden waren, im Vergleich zu Patienten unter Placebo signifikant um 29 Prozent ab. 

Auch das zerebrale T2-Läsionsvolumen nahm unter Copaxone® um 45 Prozent weniger zu. Zugleich ging die Schubrate bei den Patienten unter dem Wirkstoff deutlich zurück.
Wie Filippi et al (Neurology 2001) zeigen konnten, reduziert Glatirameracetat auch die Anzahl der neuen MS-Läsionen, die sich zu "black holes", also Stellen irreversiblen Gewebsverlustes, weiterentwickeln.

Klinische Langzeitstudie

Die zunehmenden Erfahrungen mit den immunmodulatorischen Optionen haben inzwischen zu einem Paradigmenwechsel geführt. Von den Experten wird ein früher Behandlungsbeginn propagiert. 
Dass eine solche Strategie erfolgreich ist, konnte Prof. Dr. Kenneth Johnson, Baltimore/USA, anhand der Zwischenauswertung einer bereits 1991 in den USA angelaufenen multizentrischen Langzeituntersuchung zeigen. 251 Patienten mit schubförmiger MS hatten sich zunächst randomisiert doppelblind über durchschnittlich 30 Monate entweder jeden Tag Glatirameracetat oder Placebolösung subkutan injiziert. Vor der anschließenden offenen Studienphase mit 208 Teilnehmern war die Kontrollgruppe auf Verum umgestellt worden.

Durch die kontinuierliche Behandlung mit Glatirameracetat nahm das Risiko für einen Krankheitsschub um durchschnittlich 72 Prozent ab. 
Darüber hinaus war es in 69 Prozent der Fälle zu keinem Zeitpunkt zu einem Fortschreiten des neurologischen Funktionsverlusts - Verschlechterung des EDSS-Scores (Expanded Disability Status Scale) um mindestens einen Punkt - gekommen. Die Krankheitsprogression war im Gesamtkollektiv deutlich langsamer verlaufen als in der Gruppe, bei der erst zweieinhalb Jahre später mit der immunmodulatorischen Prophylaxe begonnen worden war. 
Die "Multiple-Sklerose-Therapie-Konsensus-Gruppe" empfiehlt Glatirameracetat und Beta-Interferone erstmals als gleichberechtigte Alternativen für die initiale immunmodulatorische Therapie bei Patienten mit schubförmiger MS.

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