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Neurologie 30. Juni 2005

Neue Chancen in der Therapie der Multiplen Sklerose

Manche neuen Medikamente bieten zu höherem Preis althergebrachte Wirkungen. Nicht so Copaxone®.

Noch in diesem Jahr erwarten die Pharmafirmen Aventis und Teva die europäische Zulassung für ein neues Medikament zur Behandlung der Multiplen Sklerose (MS), der häufigsten der chronisch-entzündlichen Nervenerkrankungen. Copaxone® könnte mit seinem Wirkstoff Glatirameracetat (GLAT) alternativ zu einer Interferontherapie eine besser verträgliche Behandlung ermöglichen.

Copaxone wirken genausogut wie Interferone

"Dabei ist die Wirkung von Copaxone genauso gut wie die von beta-Interferonen", berichtete Prof. Dr. Judith Haas, Chefärztin der Neurologie am Berliner Jüdischen Krankenhaus. Auf einer Pressekonferenz von Aventis in Berlin berichteten Prof. Dr. Ulf Baumhackl, Primarius der Neurologie des Krankenhauses in St. Pölten, und die Berliner Expertin gemeinsam über neueste Studien und eigene klinische Erfahrungen mit der Substanz.

Erstmals zugelassen wurde das Medikament in Israel 1996 und seitdem in 18 Staaten weltweit, darunter in Großbritannien und der Schweiz. Trotz noch ausstehender Zulassung konnten die Berliner Klinik und das St. Pöltener Krankenhaus bereits seit mehreren Jahren Therapien mit Copaxone® anbieten.

Ergebnisse einer Langzeitstudie

Nach bisherigen Erfahrungen könne Copaxone® auch als Medikament der ersten Wahl zur Therapie der schubförmig verlaufenden Form der MS angewandt werden, erklärten beide Fachleute übereinstimmend und verwiesen auf die gleichlautende Empfehlung eines Konsensus-Papieres der österreichischen, deutschen und Schweizer MS-Gesellschaften.

Die Ergebnisse der bisher größten Langzeitstudie zur MS-Therapie mit Copaxone® von K.P. Johnson, Dept. of Neurology, University of Maryland, USA, machen Hoffung. Ab 1991 behandelte Johnson in einer randomisierten Doppelblindstudie insgesamt 251 MS-Patienten mit entweder 20 Milligramm GLAT oder einem Placebo.

Nach knapp drei Jahren nahmen 208 Patienten an einer dreijährigen Fortsetzung der Studie teil und erhielten alle tägliche GLAT-Injektionen. Über den gesamten Zeitraum dokumentierte Johnson die Schübe der Patienten und beschrieb den Krankheitsverlauf mit einem Messinstrument für den Behinderungsgrad, der "Expanded Disability Status Scale" (EDSS, s. Tabelle).

Ein Anstieg des EDSS-Wertes weist auf ein Voranschreiten der Krankheit hin. Zusätzlichen Einblick in den Krankheitsverlauf gaben bildgebende Verfahren wie das MRT. Vor Beginn der Behandlung traten bei den Studienteilnehmern im Schnitt 1,49 Schübe pro Jahr auf.

Je früher behandelt wird, desto besser

Nach sechsjähriger Therapie mit GLAT sank die jährliche Schubrate auf 0,23. Im Mittel über die sechs Jahre fanden sich 0,49 Schübe pro Jahr - eine Abnahme der Schubhäufigkeit um 72 Prozent. Ein Viertel der Patienten blieb die gesamte Zeit schubfrei und bei 69 Prozent der Patienten stabilisierte sich der Grad ihrer Behinderung - nach dem EDSS-System - oder ging gar zurück.

In der Placebo-Gruppe war die MS während der drei Jahre weiter fortgeschritten. "Den Vorteil des frühen Therapiebeginns konnte die Placebo-Gruppe nicht mehr aufholen", beschrieb Prof. Haas den Unterschied. "Je früher und länger behandelt wurde, desto besser der Effekt."

Nur leichte Nebenwirkungen

Dabei wirkt GLAT immunmodulatorisch. Es scheint Immunabwehrzellen (T-Zellen) und Zellbotenstoffe (Zytokine) zu aktivieren, die spezifische Entzündungsreaktionen der MS unterdrücken können. Die Substanz entfaltet ihre volle Wirkung erst nach etwa vier Monaten. Neue Schübe in diesem Zeitraum weisen daher nicht auf ein Versagen der Therapie hin.

Unter der Behandlung zeigten sich meist nur leichte Nebenwirkungen. Häufige Reaktionen an der Injektionsstelle klängen schnell wieder ab, sagte Prof. Baumhackl: "Selten hatten Patienten ein beklommenes Gefühl und Herzklopfen - eine Flush-Symptomatik, die nach 15 Minuten vorüber war."

Keine Therapieabbrüche

Im Vergleich zu Interferonen seien die Nebenwirkungen geringer, so dass in seiner Klinik bisher kein Patient die Therapie aufgrund von unerwünschten Wirkungen abgebrochen habe. In MS-Spezialambulanzen, die auch nach der Zulassung für die Indikationsstellung und Erstverschreibung zuständig bleiben, werden österreichweit schon etwa 400 Patienten mit Copaxone® behandelt.

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