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Neurologie 30. Juni 2005

Bei Jugendlichen wird MS oft erst spät erkannt

Göttingen. Multiple Sklerose (MS) kommt bei Jugendlichen nicht nur in Einzelfällen vor. Für Kinder und Jugendliche, die an MS erkranken, ist allerdings die Prognose oft günstiger als bei Erwachsenen mit dieser Krankheit.

Seit 1997 sind in Deutschland mehr als 150 Kinder und Jugendliche mit einer neu diagnostizierten MS erfasst worden, berichten Dr. Daniela Pohl und Professor Folker Hanefeld von der Universitätsklinik in Göttingen (Akt Neurol 28, 2001,8). Die tatsächliche Inzidenz dürfte jedoch höher sein, vermuten die Göttinger Wissenschaftler.

Die Forscher gehen davon aus, dass bei vielen Jugendlichen mit MS die Erkrankung gar nicht oder mit beträchtlicher Verspätung diagnostiziert wird. Bei etwa 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit MS begänne die Krankheit monosymptomatisch, oft mit zerebellären, visuellen oder Sensibilitätsstörungen. Als Differenzialdiagnose komme etwa die bei Kindern nicht seltene Neuroborreliose in Frage mit einer multifokalen neurologischen Symptomatik, mit oligoklonalem IgG im Liquor und MS-ähnlichen Herden in der Kernspintomographie. Auch eine HIV-Enzephalomyelitis, die dem AIDS-Stadium vorausgehen kann, könne in Schüben verlaufen.

Nach vorläufigen Daten einer prospektiven Studie der Neurologen scheint die MS bei vielen Jugendlichen günstiger als bei Erwachsenen zu verlaufen. Denn weniger als zehn Prozent der Patienten hätten eine primär-chronische Form, so Pohl und Hanefeld. Sekundär-chronische Verläufe seien nach fünf Krankheitsjahren bisher nur bei etwa fünf Prozent der Patienten registriert worden. Über die Langzeitprognose von Kindern und Jugendlichen mit MS ließen sich zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Aussagen machen - auch deshalb nicht, da bei retrospektiven Analysen von Erwachsenen mit MS gutartige Verläufe oder Spontanheilungen nicht erfasst würden, räumen die Wissenschaftler ein.

Bei der medikamentösen Therapie von Kindern und Jugendlichen mit MS seien wegen des niedrigen Lebensalters der Patienten mögliche unerwünschte Langzeitwirkungen der verwendeten Medikation besonders bedeutsam, betonen die Göttinger Forscher. Der Nutzen einer immunsuppressiven oder immunmodulatorischen Therapie, etwa mit Azathioprin oder Interferon, sei daher kritisch gegen die Risiken abzuwägen. Zum Behandlungskonzept gehören auch eine frühe Krankengymnastik sowie eine umfangreiche, individuelle Aufklärung von Eltern und Kind.

Drei bis fünf Prozent aller Patienten mit MS <N>erkranken zwischen dem zehnten und sechzehnten Lebensjahr. Bei einer Prävalenz der MS von etwa 1/1000 ist damit auch auch die juvenile Form keine Seltenheit. Ein Erkrankungsbeginn vor dem zehnten Lebensjahr, die sogenannte "true childhood MS", kommt dagegen nur bei etwa 0,2 bis 0,5 Prozent der Patienten vor.

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