zur Navigation zum Inhalt
 
Neurologie 30. Juni 2005

Neue Wege in der Multiplen-Sklerose-Forschung

Innsbruck. In Österreich gibt es rund 8.500 MS-Patienten. Erkrankt sind meist jüngere Frauen. Charakteristisch für Multiple Sklerose (MS), die "Krankheit mit 1.000 Gesichtern", ist das verschiedenartige Erscheinungsbild und der heterogene Verlauf. An der Innsbrucker Univ.- Klinik für Neurologie werden daher neue Wege in Richtung einer individuellen Therapie, Diagnose und Prognose beschritten.

Vier Subtypen von MS-Patienten

Erstmals ist es im Rahmen eines Forschungsprojektes in Zusammenarbeit mit dem Hirnforschungsinstitut in Wien und dem Max-Planck Institut für Neurobiologie in München gelungen, genauer zu prognostizieren, wann der nächste Krankheitsschub zu erwarten ist, erklärte der Innsbrucker Projektleiter Thomas Berger. Dabei habe die prognostische Aussage von Antikörpern gezeigt werden können. Patienten mit positiven MOG-Antikörpern (MOG=Oberflächenprotein des Myelins im ZNS) hätten den zweiten Krankheitsschub innerhalb von sieben bis zehn Monaten bekommen.

Bei den Patienten muss ein möglichst genauer MS-Typ gefunden werden, um dann eine individuelle Therapie entwickeln zu können. Die Einteilung in Typen sei auch deshalb wichtig, da sich bestätigt habe, dass Patienten immer bei "ihrem Typus" geblieben seien.

Als "roten Faden" in den Untersuchungen bezeichnete der MS-Experte die Erkenntnisse seines Mentors, des Neuropathologen Prof. Hans Lassmann vom Hirnforschungsinstitut in Wien. Lassmann habe, zusammen mit Forschern der Mayo Klinik, USA, und der Neuropathologie in Berlin in einer bahnbrechenden Arbeit vier verschiedene Subtypen von MS-Patienten unterschieden. Dies habe "enorme Bedeutung für die Klinik", weil es nun "erstmals egal sei, ob der Patient unter einer schubförmigen MS leide oder nicht", führte Berger aus. Der derzeitige Forschungsstand über MS gehe von einer relativ einheitlichen Erkrankung aus. Das bedeute, dass die klinische Einteilung bisher nur schubförmige und nicht schubförmige MS-Verläufe unterschieden habe. Nachdem dieses Dogma gebrochen wurde, könne der Patient künftig nach den Subtypen eingeteilt und entsprechend individuell therapiert werden.

Damit würde der Erfolg der bisherigen Therapiestrategien drastisch verbessert werden. Derzeit sei es nicht möglich, einem Kranken zu sagen, ob seine Beta-Interferon, Copaxone- oder Immunglobulin-Therapie 100- prozentige Wirkung zeigen werde. Dies könne lediglich retrospektiv beurteilt werden. Alle einschlägigen Studien hätten gezeigt, dass es derzeit nur bei 30 bis 40 Prozent der Patienten zu einer Schubreduktion komme.

Einen ebenso großen Stellenwert wie der Typbestimmung räumte der Wissenschafter der Prognose ein. Mittels eines individuellen prognostischen Markers soll bei Patienten mit einem Erstschub, d.h. bei denen MS noch nicht klinisch definiert wurde (dazu braucht es zwei Schübe), eine Aussage getroffen werden, wann der nächste Krankheitsschub zu erwarten sei.

Bereitschaft zu erkranken

Der frühestmögliche Zeitpunkt der Diagnose sei daher am wichtigsten, da die Nervenleitungen bereits im Frühstadium beschädigt werden könnten. Berger will noch einen Schritt weiter gehen und das Modell auf Patienten übertragen, die "mitten in der MS stecken", um ihnen möglicherweise das Schreckgespenst Rollstuhl nehmen zu können. Eine neue, individuelle Therapie hatten Berger und seine Kollegen bei Patienten in Innsbruck, Wien und Berlin eingeleitet.

Diese Personen hätten auf herkömmliche immunmodulierende oder Kortison-Therapien nicht angesprochen. Nach positiven MOG-Messungen wurde ein Blutaustausch vorgenommen und damit gute Ergebnisse erzielt. Die Patienten seien seit zwei Jahren beschwerdefrei. Diese Therapie, die sich gegen Antikörper richte, sei aber nicht überall sinnvoll, warnte Berger vor einer Euphorie. Denn die in Frage kommenden Patienten stellen sicher nicht die Mehrheit dar.

So sei es weiterhin ein verbreiteter Irrglaube, dass MS vererbbar sei und Frauen deshalb keine Kinder bekommen sollten, erklärte Berger. Schwangere MS-Patientinnen würden fälschlicherweise noch oft genug als Risikoschwangerschaft behandelt. Vererbbar sei höchstens die "Bereitschaft, daran zu erkranken", vergleichbar mit vielen anderen Erkrankungen. Ein nächster Schritt in der MS-Forschung sei dann eine Untersuchung, ob eine "Bereitschaft für einen Subtyp" festgestellt werden könne.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben