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Ein Patient wird in die Stroke Unit eingeliefert. Das Risiko für einen Schlaganfall steigt mit zunehmendem Alter.
 
Neurologie 12. November 2012

Dem „Schlagerl“ vorbeugen

Patienten profitieren von neuen Diagnose- und Therapiemethoden sowie regionalen Netzwerken.

Österreich liegt bei der Versorgung mit „Stroke Units“ international im Spitzenfeld. In welcher Weise Patienten davon profitieren, erörterten Experten im Rahmen eines Pressegesprächs.

In Österreich gibt es jährlich 24.000 Schlaganfälle. „Ab dem 55. Lebensjahr verdoppelt sich die Schlaganfall-Häufigkeit mit jedem Lebensjahrzehnt. Allerdings sind nicht nur ältere Menschen davon betroffen: 5,6 Prozent der Betroffenen sind zwischen 18 und 45 Jahre alt, und 8,5 Prozent zwischen 46 und 55 Jahre“, berichtete Prof. Dr. Michael Brainin, Präsident der European Stroke Organisation und Departmentleiter der Klinischen Neurowissenschaften an der Donau Universität Krems, Landesklinikum der Donauregion Tulln.

„Ergebnisse aus den USA zeigen, dass die Inzidenzraten des Insults bei jüngeren Menschen aufgrund von Risikofaktoren wie Adipositas und Rauchen zunehmen. In einer Studie aus England wurde in den letzten 30 Jahren eine Abnahme der Alters-bezogenen Schlaganfall-Inzidenz im höheren Lebensalter festgestellt. Das wird als Indiz dafür gesehen, dass Präventionsmaßnahmen im mittleren und höheren Lebensalter greifen.“

„Stummer“ Hirninfarkten ohne die typischen Symptome

Jeder fünfte Patient mit akutem Schlaganfall und transienter ischämischer Attacke im Alter zwischen 18 und 55 Jahren hatte bereits zuvor einen Hirninfarkt, ohne dass ihm das bewusst war, betonte Prof. Dr. Franz Fazekas, Vorstand der Universitätsklinik für Neurologie der Medizinischen Universität Graz. „Schlaganfälle sind nicht immer klar erkennbar, weil sie ‚stumm‘, ohne die typischen Symptome ablaufen. Vor allem bei älteren Menschen liegt die beobachtete Häufigkeit im Mittel bei 15 Prozent und nimmt parallel zum Alter zu.“

Stumme Hirninfarkte gehen aber nicht spurlos an davon Betroffenen vorüber – diese und damit verbundene andere vaskuläre Läsionen des Gehirns begünstigen die Entwicklung von Demenz und Behinderung im Alter. Auch psychische Befindlichkeit oder die Steuerung des Gehens, aber auch basale Funktionen wie die Kontrolle der Harnblase können durch derartige Schäden beeinträchtigt werden. „Frühzeitiges Erkennen derartiger Ereignisse könnte die raschere und umfassendere Einleitung präventiver Maßnahmen ermöglichen“, so Fazekas.

Beeindruckende Fortschritte in der Schlaganfall-Versorgung

„Die State oft the Art-Therapie des Schlaganfalls beruht auf präzise und schnell ablaufenden medizinischen und logistischen Prozessen mit einem hohen Komplexitätsgrad. Um die Akutversorgung weiter zu optimieren, wird an regionalen Netzwerken gearbeitet, in deren Zentrum „Stroke Units“ stehen“, so Prof. Dr. Wilfried Lang, Vorstand der Abteilung für Neurologie im KH der Barmherzigen Brüder in Wien. Ein Beispiel dafür stellte Prof. Dr. Johann Willeit von der Universitätsklinik für Neurologie in Innsbruck vor. So gelang es, in Tirol durch Verbesserungen bei Prozessabläufen und Optimierung der Schnittstellen, die Thrombolyserate von 5,6 Prozent auf 13,6 Prozent zu steigern.

Von 39 geplanten Stroke Units befinden sich heute 35 in Betrieb. Sie sind nahezu flächendeckend über Österreich verteilt und sollen innerhalb von maximal 45 Minuten erreichbar sein. Ein Leistungsmerkmal ist der Einsatz der Thrombolyse. „Hier kann Österreich auf eine beeindruckende Entwicklung verweisen“, so Lang. „Die Thrombolyse-Rate stieg von drei Prozent im Jahr 2003 auf inzwischen 18 Prozent an.“

Auf den Stroke Units werden die Abläufe immer schneller, bilanzierte Lang: „Die „DNT“ (Door-to-Needle-Time) nahm in den vergangenen Jahren im Mittel von 55 Minuten auf 45 Minuten ab.“ Das bedeutet, dass neurologische Untersuchung, EKG, Blutabnahme und Bildgebung (CCT/MR) innerhalb von 45 Minuten beendet sind und die Therapie sofort eingeleitet wird. Ziel einer europäischen Initiative ab Herbst 2012 ist es, die DNT unter 45 Minuten zu bringen.

Blutgerinnsel im Gehirn mechanisch beseitigen

„Neue Kathetersysteme erlauben bei schweren Schlaganfällen rasch eine Entfernung des Gefäß-verschließenden Gerinnsels“, berichtete Prof. Dr. Siegfried Thurnher, Vorstand der Abteilung für Radiologie und Nuklearmedizin im KH der Barmherzigen Brüder in Wien. Mechanischen Methoden wurden u.a. entwickelt, weil die rein intravenöse (oder auch intraarterielle) Thrombolyse bei einem größeren Gerinnsel (›8 Millimeter Länge) kaum in der Lage ist, den Thrombus in kurzer Zeit aufzulösen. Die zerebrale Thrombektomie ist heute integraler Bestandteil des modernen Therapiekonzeptes beim akuten Schlaganfall und kommt derzeit bei weniger als fünf Prozent der Schlaganfall-Patienten zum Einsatz.

In Wien wurde durch den Krankenanstaltenverbund ein groß angelegtes wissenschaftliches Projekt zum Stellenwert dieser interventionellen Therapie beim akuten Schlaganfall initiiert, das seit einem Jahr läuft, berichtete Doz. Dr. Regina Katzenschlager von der Abteilung für Neurologie im Donauspital/SMZ Ost: „Dabei handelt es sich um eine Vernetzung aller Wiener neurologischen Abteilungen, der jeweiligen radiologischen Abteilungen und der Neurochirurgischen Universitätsklinik mit dem Ziel, insgesamt etwa 120 Patienten mit schwerem Schlaganfall die Möglichkeit zur interventionellen Therapie zu bieten und die Ergebnisse wissenschaftlich mit jenen aus dem österreichischen Schlaganfallregister zu vergleichen.“

Frühzeitiges Erkennen und Behandeln

„Jedes Jahr werden in Österreich rund 2.000 Schlaganfälle durch eine Carotis-Stenose verursacht, die durch eine Sonografie rechtzeitig diagnostiziert werden könnte“, so Prof. Dr. Gustav Fraedrich, Direktor der Universitätsklinik für Gefäßchirurgie in Innsbruck. „Insbesondere bei Menschen mit Risikofaktoren wie Rauchen, Hypertonie, Fettstoffwechselstörungen, Diabetes oder familiärer Neigung zu Gefäßerkrankungen können durch regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen Schlaganfälle vermieden werden.“ „Zur Behandlung stehen heute Operationen und Stent-Therapien zur Verfügung.“

Ein weiterer häufiger und unterschätzter Risikofaktor für Schlaganfälle ist Vorhofflimmern. Präventive Maßnahmen werden jedoch viel zu selten – und noch viel seltener qualifiziert – eingesetzt. „Es sollten deshalb nationale Ziele in Österreich festgelegt werden, um die Zahl der durch Vorhofflimmern bedingten Schlaganfälle zu verringern“, so Lang. Inzwischen stehen auch neue Antikoagulantien zur Verfügung, die ein signifikant geringeres Risiko für Gehirnblutung haben als die Vitamin-K-Antagonisten.

Quelle: Pressekonferenz „Schlaganfall“. 24. Oktober 2012, Wien

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