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Möglichst rasch die Rettung zu holen ist lebensrettend beim Schlaganfall.
 
Neurologie 28. Oktober 2012

Welt-Schlaganfall-Tag: Immer mehr Schlaganfälle

Zunahme durch höhere Lebenserwartung

Auch mehr akute Erkrankungen bei jüngeren Menschen - 24.000 Fälle pro Jahr in Österreich

600.000 Menschen erleiden in Europa pro Jahr einen Schlaganfall. In Österreich sind das 24.000 Patienten, noch viel mehr Menschen haben "stumme" Hirninsulte. Aus Anlass des Welt-Schlaganfall-Tages am 29. Oktober´verwiesen zahlreiche österreichische Experten in Wien auf die Bedeutung sofortiger Reaktion bei verdächtigen Symptomen samt schneller ursächlicher Therapie.

"Wir sehen eine Zunahme der Schlaganfälle in ihrer Häufigkeit. (...) Von der Sterblichkeit her ist es die dritthäufigste Todesursache in Österreich, in anderen Ländern schon die zweithäufigste und hat dort den Krebs überholt. (...) In einer Gemeinde von 1.000 Einwohnern in Österreich leben durchschnittlich sieben Betroffene. Man muss sich vorstellen, was das an Therapie, Rehabilitation und Betreuung bedeutet. Die Häufigkeit des Auftretens liegt bei zwei bis drei Fällen pro 1.000 Einwohnern (pro Jahr, Anm.). (...) Bei den Hirnerkrankungen geht es pro Jahr in der EU um 800 Milliarden Euro (direkte und indirekte Kosten, Anm.). Das ist gleich viel wie der 'Euro-Rettungsschirm', aber jährlich", sagte Prof. Dr. Michael Brainin vom Landesklinikum Tulln (NÖ), auch Präsident der European Stroke Organisation (ESO).

Stroke Units

Beim akuten Schlaganfall hat sich in den vergangenen Jahren - mittlerweile schon Jahrzehnten - mit dem Aufbau eines österreichweiten Netzwerkes an spezialisierten "Stroke Units" (derzeit 35) mit Erreichbarkeit längstens binnen 45 Minuten und der Möglichkeit der Thrombolyse (Auflösung des Blutgerinnsels im Gehirn per Medikament, Anm.) viel geändert. Wilfried Lang, bis vor kurzem Präsident der Österreichischen Schlaganfallgesellschaft zum Motto "Time is Brain": "Wird diese Thrombolyse binnen 90 Minuten nach Auftreten der Symptome durchgeführt, muss man fünf Patienten behandeln, um einen von ihnen vor Behinderung zu schützen."

Erfolgt dies erst binnen viereinhalb Stunden, sind die Erfolgsaussichten bereits fünf Mal schlechter. Bei einem akuten Schlaganfall muss möglichst schnell der Blutfluss im Gehirn wiederhergestellt werden, um den Schaden gering zu halten oder gar zu verhindern. Lang: "Der Anteil der Patienten, die eine Thrombolyse nach Schlaganfall erhalten, stieg in Österreich von fünf Prozent im Jahr 2003 auf nunmehr 18 Prozent an." Mittlerweile will man an spezalisierten Abteilungen die Zeit zwischen Einlieferung der Patienten und Thrombolysebehandlung per Infusion des Gerinnselauflösers "rtPA" bereits auf 30 Minuten herabdrücken. Untersuchung, Labortests und Computertomografie sollen in dieser extrem kurzen Zeitspann im Spital ablaufen.

Risikofaktoren minimieren

Die größten Risikofaktoren für Schlaganfälle sind Bluthochdruck, Atherosklerose (speziell der Halsschlagadern) und Vorhofflimmern mit der Bildung von Blutgerinnseln im Herzen. Der Insult ist sozusagen die Endstrecke dieser Vorerkrankungen.

Bluthochdruck sollte effektiv behandelt werden, bei Risikopersonen sollte eine Ultraschalluntersuchung der Halsschlagadern (Carotis-Arterien) erfolgen. Im Fall von Vorhofflimmern revolutionieren derzeit moderne Blutgerinnungshemmer wie Dabigatran und Rivaroxaban die Behandlung. ASS (Acetylsalicylsäure/Aspirin) reicht in solchen Fällen nicht aus, wurde bei der Pressekonferenz aus Anlass des Welt-Schlaganfall-Tages am Mitwoch in Wien betont.

Sofort die Rettung rufen

Doch im Akutfall sollte die Reaktionszeit von Personen mit verdächtigen Symptomen bzw. ihrer Angehörigen noch deutlich verkürzt werden. Regina Katzenschlager, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (SMZ-Ost): "Das einzige, was man tun sollte - die Rettung rufen." Oft würde mit verdächtigen Symptomen wie plötzlichen Lähmungserscheinungen, hängendem Mundwinkel, plötzlichen Sprach- und Sehstörungen zu lange gewartet oder erst der Hausarzt kontaktiert. Selbst die schnellste Diagnose und Therapie im Spital kann das dann nicht aufholen. In Tirol gibt es ein eigenes Projekt, in dem die Zusammenarbeit aller Beteiligten im Gesundheitswesen und die Aufklärung der Bevölkerung in Sachen Schlaganfall integriert werden sollen, um die Patienten schnellstens und reibungslos zu versorgen.

Ein Wiener Forschungsprojekt

Ein ganz besonderes Forschungsprojekt existiert laut Katzenschlager in Wien: Weil speziell bei schweren Schlaganfällen - oft die Konsequenz von Vorhofflimmern - die Auflösung des aufgetretenen Gerinnsels im Gehirn per rtPA-Infusion nicht mehr gelingt, soll in Zusammenarbeit von Wiener Rettung, Stroke Units und Neurochirurgien bei solchen Patienten per Katheter interveniert werden. Dabei wird - ähnlich wie in der akuten Herzinfarktbehandlung - ein Katheter von der Leistenarterie bis zu dem Thrombus (beim Schlaganfall im Gehirn) vorgeschoben und dann entweder das Medikament direkt am Wirkungsort angewendet oder der Thrombus mit dem Katheter entfernt.

In einer Studie will man auf 120 Patienten kommen, bisher gab es 53 solcher Fälle. Offenbar gibt es bereits einen beobachtbaren Trend in Richtung einer deutlichen Verbesserung bei der Verhinderung von bleibenden Schäden.

"Stumme" Schlaganfälle


Schließlich wäre es von eminenter Bedeutung, wenn man die "stummen" Schlaganfälle in den Griff bekommen könnte. Prof. Dr. Franz Fazekas, Vorstand der neurologischen Universitätsklinik in Graz: "Der akute Schlaganfall ist nur die 'Spitze des Eisberges', einer von sieben solcher 'Ereignisse'." Im hohen Alter ließen sich bei 20 bis 30 Prozent der Menschen unbemerkt durchlaufene Schlaganfälle nachweisen, bei 18- bis 34-Jährigen mit Schlaganfall seien zu zehn Prozent bereits ältere Defekte in der Computertomografie sichtbar. Käme man an diese Personen mit intensiver weiterer Prophylaxe heran, könnten ebenfalls viele weitere Zwischenfälle verhindert werden.

 

 

 

 

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