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Neurologie 2. August 2012

Stammzellen in der Neurologie

Vielversprechende Ansätze, aber noch nicht klinisch einsetzbar: Neurologen warnen vor unseriösen Anbietern.

Es besteht Anlass zur Hoffnung, dass Stammzellen neue Perspektiven in der Therapie schwerer neurologischer Erkrankungen wie Schlaganfall, Multiple Sklerose oder Parkinson eröffnen könnten. Aber noch sind viele Fragen offen.

„Es gibt heute eine ganze Reihe vielversprechender Forschungsergebnisse, die den Weg zu völlig neuartigen Therapien schwerer neurologischer Erkrankungen mit Stammzellen ebnen könnten“, betonte Prof. Dr. Gianvito Martino, San Raffaele Krankenhaus, Mailand. „Aber wir brauchen noch Zeit, die vielen ungeklärten Fragen zu Sicherheit und Nutzen zu klären.“ Im Moment ist eine zentrale Botschaft für neurologische Patienten: Diese Therapien sind noch in einem experimentellen Stadium. „Wir müssen Betroffene nachdrücklich warnen, für teures Geld unzureichend geprüfte Behandlungen gegen Parkinson, Multiple Sklerose oder Schlaganfall machen zu lassen.“

Spezielle Anbieter würden schwer kranke Menschen mit falschen Heilsversprechen locken, obwohl die Therapien nicht zugelassen und zentrale Sicherheitsfragen wie die mögliche Entstehung von Krebs oder Infektionen durch die Implantation von Stammzellen nicht geklärt sind, so Martino. „Wir sind trotz aller Fortschritte nicht soweit, in der Neurologie Stammzellen im klinischen Alltag einzusetzen. Gesetzgeber sind aufgerufen, kranke Menschen vor Stammzelltourismus und unseriösen Anbietern zu schützen. Patienten sollten sichergehen, sich nur im Rahmen seriöser, genehmigter Studien behandeln zu lassen“, sagt Martino. Eine Reihe solcher Studien wurden jetzt beim ENS-Kongress in Prag vorgestellt.

Verbesserte Sensomotorik bei Schlaganfall

Schlaganfallpatienten werden im Rahmen der PISCES-Studie jetzt erstmals mit einem neuen Verfahren behandelt, bei dem neuronale Stammzellen in das Umfeld des Hirninfarkts eingebracht werden, um geschädigte Nervenzellen zur Regeneration anzuregen. Die Patienten werden zehn Jahre lang engmaschig nachkontrolliert.

Im Tierversuch haben sich die mit einem speziellen gentechnischen Verfahren hergestellten Zellen als wirksam erwiesen: Nach einigen Wochen verbesserte sich bei Ratten die durch einen Schlaganfall beeinträchtigte Sensomotorik deutlich.

Bindegewebszellen für Morbus Parkinson

Noch nicht bei der Anwendung beim Menschen angelangt sind die Forscher, was die Behandlung von Morbus Parkinson betrifft. Doch auch hier wurden Fortschritte berichtet.

Ziel der Stammzelltherapie bei der Parkinson-Erkrankung ist es, die beeinträchtigte Dopaminproduktion im Gehirn durch die Implantation neuronaler Zellen wieder anzuregen. Italienische Forscher haben jetzt eine Methode entwickelt, um den ethisch umstrittenen Einsatz embryonaler Stammzellen zur Herstellung neuronaler Zellen zu umgehen. Durch die Zugabe von drei speziellen Proteinen ist es ihnen gelungen, Zellen aus dem Bindegewebe in dopaminerge Stamm­zellen umzuwandeln. In einem nächsten Schritt muss jetzt überprüft werden, wie diese Zellen am besten in die entsprechenden Gehirnareale transplantiert werden können.

Doppelte Wirkung bei Multipler Sklerose

Bezüglich Stammzellen bei Multipler Sklerose gibt es bereits einige aktuelle Studien am Menschen, berichtet Martino: „Zell-basierte Therapien gelten als vielversprechende Möglichkeit, die Myelin-Schutzhüllen der Nervenfasern zum Regenerieren zu bringen. Neuronale und mesenchymale Stammzellen und deren Vorläuferzellen haben sich hier als geeignete Tools erwiesen.“ Allerdings ist ihre Wirkungsweise, wie aktuelle Studien zeigen, vielfältiger, als ursprünglich gedacht. Martino: „Wir beobachten jetzt, dass diese Form von Stammzellen bei Multipler Sklerose nicht nur zerstörte Zellen ersetzt, sondern eine zusätzliche Wirkung entfaltet, indem sie Moleküle freisetzt, die einen Schutz für die Nervenzellen bieten.“

Kongress:

22. Meeting der European Neurological Society (ENS)

9. bis 12. Juni 2012, Prag 

Quelle: ENS 2012, Abstracts 106, 107, 109

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