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Neurologie 30. Mai 2009

Betreuung Demenzerkrankter

Neue Konzepte für stationäre Pflege und den extramuralen Bereich werden entwickelt.

Die Gesellschaft ist einem massiven Wandel unterworfen. Der demographische Umbruch zeigt zunehmend Wirkung und führt dazu, dass der Anteil älterer und hochbetagter Menschen an der Bevölkerung immer weiter steigt. Damit geht eine Zunahme von Erkrankungen einher, die vorwiegend im letzten Lebensdrittel auftreten. Hierzu zählen insbesondere neurologische Erkrankungen wie z. B. die Demenzerkrankung, welche massive Auswirkungen sowohl auf das Leben des Erkrankten als auch auf das seiner Angehörigen hat.

 

Aktuell sind in Österreich rund 100.000 Personen von Demenzerkrankungen betroffen, was einer Prävalenz von 1,15 bis 1,27 Prozent entspricht. Da die Prävalenz mit zunehmendem Alter stark zunimmt, ist im Zuge der demographischen Entwicklung der alternden Gesellschaft laut Literatur daher mit einem signifikanten Anstieg der Zahl der Betroffenen auf rund 235.000 Erkrankte bis zum Jahr 2050 zu rechnen. Neuste Hochrechnungen (Erster Österreichischer Demenzbericht, 2009, siehe Grafik) anhand aktueller Bevölkerungszahlen prognostizieren für das Jahr 2050 bereits rund 270.000 bis 290.000 Erkrankte.

Verschiebungen von Relationen

Ein wesentliches Indiz für die gesellschaftliche Belastung durch eine Erkrankung ist die Relation zwischen Erkrankten und erwerbstätigen Personen. Insbesondere bei der Demenz, die im Krankheitsverlauf in der Regel dazu führt, dass die Erkrankten pflegebedürftig werden, ist diese Relation ein wesentlicher Indikator. Die Relation zwischen Erwerbsfähigen und Demenzerkrankten wird sich Prognosen zufolge von 56:1 im Jahr 2000 auf 17:1 im Jahr 2050 verringern.

In Österreich gibt es bislang keine eigenen Erhebungen zu den Kosten der Behandlung und Betreuung Demenzkranker. Die heute vorliegenden Hochrechnungen stützen sich meist auf Daten anderer europäischer Studien. Berechnungen aus dem Jahr 2005 haben eine jährliche Kostenbelastung von 1,1 Milliarden Euro für Österreich ergeben. Dabei nehmen die medizinischen Kosten rund ein Viertel und die medikamentöse Behandlung ein Sechstel der Gesamtkosten ein. Auffällig ist, dass ein Großteil der Ausgaben von Familienmitgliedern getragen wird: 75 bis 90 Prozent aller Demenzerkrankten und etwa 25 Prozent der schwer Dementen leben im Privathaushalt. Berücksichtigt man die rückläufige Relation der erwerbsfähigen Bevölkerung zu Demenzkranken, wird die Belastung der Familie zunehmen. Die jährlichen Kosten pro Demenzpatient, der zu Hause versorgt wird, betragen mindestens 10.679,85 Euro, davon entfallen ca. 75 Prozent (8.061 Euro) auf die Pflege. Demgegenüber stehen die durchschnittlichen jährlichen Kosten pro Demenzpatient im Pflegeheim von 25.264,72 Euro; von denen etwa 92 Prozent (23.133,54 Euro) durch die Pflegekosten im Pflegeheim verursacht werden.

Schwachpunkte der Versorgung

Heimische Experten sehen zahlreiche Schwachpunkte in der aktuellen Versorgungssituation von Demenzpatienten. So wird etwa die zur Verfügung stehende Zeit von Allgemeinmedizinern und Fachärzten als zu kurz eingeschätzt. Tatsächlich werden im Durchschnitt rund sieben Minuten pro Patient aufgewendet. Angemerkt wurde auch, dass zu wenig Akut-Anlaufstellen, Tageszentren und De-Eskalationsstellen für familiäre Betreuungssituationen zur Verfügung stehen. Zudem sind die ärztlichen Zuständigkeitsbereiche nicht klar definiert und die Vernetzung und Koordination der Angebote fehlt. Es wäre eine strukturierte langfristige Gesamtplanung in der Dementenversorgung anzustreben.

Neue Betreuung-Konzepte

Prof. Dr. Siegfried Weyerer vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim, berichtet im Rahmen der BrainDays 2009 über innovative Konzepte der stationären Dementenbetreuung in Hamburg. Dort wurden 750 Pflegeheimplätze konzeptionell so umgestaltet, dass sie den Bedürfnissen von Menschen, die an fortgeschrittener Demenz und Verhaltensauffälligkeiten leiden, Rechnung tragen. Im milieutherapeutischen Konzept werden dabei bestimmte Grundsätze verwirklicht. Etwa die Anpassung des Lebensraums und der Tagesgestaltung an die Bedürfnisse der Patienten. Die Pflege muss sich an der individuellen Biographie, den Vorlieben und Abneigungen sowie den verbliebenen Fähigkeiten orientieren. Ebenso zählen ein konstantes und vorhersehbares Verhalten der Pflegekräfte, ein aktivierendes Betreuungsangebot und die Beratung und Fallbesprechung durch einen gerontopsychiatrisch erfahrenen Arzt zu den Voraussetzungen. Auch die baulichen Anforderungen (Gruppenraum, Rückzugsmöglichkeiten, Platz zum „Wandern“) müssen so wie die personellen Anforderungen (Zusatzqualifikationen, Fortbildung für alle Beteiligten) erfüllt werden.

Vorzeige-Modell

Die durch eine Evaluationsstudie gewonnenen Ergebnisse zeigten, dass die Demenzkranken in den Hamburger Modelleinrichtungen im Vergleich zur traditionell versorgten Referenzgruppe mehr Sozialkontakte zum Personal, seltener freiheitseinschränkende Maßnahmen, eine stärkere Beteiligung an Heimaktivitäten und häufigere psychiatrische Behandlung aufwiesen. Entgegen der Erwartung nahmen im zeitlichen Verlauf die Verhaltensauffälligkeiten bei den traditionell versorgten Demenzkranken stärker ab. Gezeigt werden konnte auch, dass die Arbeitsbelastung und die depressiven Störungen beim Pflegepersonal in der besonderen Dementenbetreuung im Vergleich zur Referenzgruppe signifikant niedriger waren.

Bei den BrainDays 2009, die von 24. bis 29. Mai in Rust/Burgenland stattfinden, stehen bei dem Themenschwerpunkt Demenz nicht nur die neuesten Entwicklungen im Bereich der Alzheimer-Früherkennung oder der -Immuntherapie im Mittelpunkt, ebenso wird die Versorgungssituation von Demenzpatienten von internationalen Experten besprochen. Ergänzend zur stationären Dementenbetreuung wird Prim. Dr. Georg Psota, Psychosoziale Dienste Wien, über Konzepte in der extramuralen Dementenbetreuung sprechen.

 www.braindays.at

 

Prim. Dr. Andreas Winkler ist im Haus der Barmherzigkeit tätig.

Von Prim. Dr. Andreas Winkler, Ärzte Woche 22 /2009

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