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Foto: Oliver Roth
Doz. Dr. Michael Rainer, SMZ-Ost, Memory Clinic und Landsteiner Institut für Gedächtnis- und Alzheimerforschung
 
Neurologie 26. Mai 2009

„Früher, das weiß ich noch ...“

Memory Kliniken bekämpfen das große Vergessen.

Das 11. Memory-Kliniken-Treffen, das von 28. bis 29. Mai 2009 in Wien stattfindet, fragt „Was verbindet uns?“ In diesem Sinn präsentierten Experten aus Deutschland, der Schweiz und Österreich in einer Pressekonferenz vorab die Entwicklung der Memory Kliniken und die Herausforderungen, denen sich diese Einrichtungen gegenüber sehen.

 

Derzeit sind etwa 100.000 Österreicher an einer Demenz erkrankt. Aufgrund der steigenden Lebenserwartung werden es 2050 etwa 270.000 sein. Demenzerkrankungen verursachen mit 22,2 Prozent den größten Teil der Gesundheitskosten in der Versorgung der über 85-Jährigen. Im Vergleich dazu nehmen die durch Schlaganfall bedingten Kosten mit 6,6 Prozent nur Platz zwei ein.

Eine einfache Rechnung

Ärztliche Betreuung, Heilmittel, Krankenhaus und Pflege eines dementen Patienten kosten bei häuslicher Pflege zurzeit insgesamt rund 11.000 Euro pro Jahr, stellt der kürzlich erschienene erste österreichische Demenzbericht fest. Die Pflege in einem Pflegeheim würde die jährlichen Kosten auf das Vierfache steigern.

Derzeit werden in Österreich ca. 70 Prozent der Demenzpatienten in häuslicher Pflege versorgt. Hauptgrund für eine Institutionalisierung dieser Patienten ist die Überforderung der pflegenden Angehörigen – die logische Konsequenz des Verzichts auf Freizeit und Urlaub, gesundheitlicher Beeinträchtigung, finanzieller Einbußen und Einschränkungen der Berufstätigkeit.

Psychosoziale Maßnahmen können die Einweisung in ein Pflegeheim um 53 bis 329 Tage verzögern. Solche Maßnahmen können sein: Angehörige über Diagnose und Prognose der Demenzerkrankung, mögliche Auswirkungen auf die Familie, ambulante und stationäre Versorgungsoptionen sowie den aktuellen Stand der Therapiemöglichkeiten zu informieren.

Von der Gedächtnisambulanz zur Memory Klinik

Ein Grund für den Aufbau spezieller Einrichtungen für demente Patienten war die Unzufriedenheit der Angehörigen über das mangelnde Problembewusstsein der Ärzte und einen verbreiteten „therapeutischen Nihilismus“. Im deutschsprachigen Raum entstand die erste Alzheimer-Ambulanz 1985 in München, zeitgleich mit der Baseler Memory Clinic. Nach einem anfänglichen Begriffs-Wirrwarr – Memory-Klinik, Gedächtnisambulanz, Gedächtnissprechstunde, Alzheimer-Zentrum, Alzheimer-Ambulanz etc. – haben sich die ersten beiden Begriffe inzwischen weitgehend durchgesetzt. Seit 1995 finden jährlich Treffen der deutschsprachigen Memory Kliniken statt, mit dem Ziel der gemeinsamen Entwicklung qualitativer Versorgungsstandards. Nebenbei wollen die Memory-Kliniken auch dazu beitragen – etwa im Rahmen von Aufklärungskampagnen –, Demenzkranken einen angemessenen Platz in der Gesellschaft zu verschaffen.

Das leidige Thema

Die Finanzierung der Memory-Kliniken ist einheitlich uneinheitlich und meist ein Problem – die Kostenerstattung ist zum Teil nicht gesichert, und die Versorgungsverträge mit den Sozialversicherungsträgern sind kaum oder nur schwer zu erhalten. Lediglich die Schweiz, meint eine Umfrage aus dem Jahr 2003, verfügt über ein flächendeckendes und intensives Versorgungsangebot, das zudem angemessen vergütet wird.

Diagnose und Therapie in der Memory Klinik

Bei der ersten Visite wird der klinische, psychiatrische und neurologische Status des Patienten erhoben. Erhärtet sich der Verdacht auf eine Demenzerkrankung, werden bei einer zweiten Visite organische demenzbedingte Veränderungen untersucht: CT oder MRT zeigen Veränderungen im Hippocampus, eine Blutuntersuchung kontrolliert Vitamin B12, Folsäurespiegel und Schilddrüsenwerte, der zerebrale Glukosemetabolismus wird mittels PET untersucht etc. Erst bei der dritten Visite wird die Diagnose gestellt sowie eine optimale Therapie besprochen und initiiert.

Das therapeutische Konzept, das natürlich auch psychische oder physische Komorbiditäten sowie Polypharmazie im Auge behalten muss, beinhaltet neben der Pharmokotherapie auch angehörigenorientierte Maßnahmen und ein kognitives Training. Dabei soll vor allem die Strukturierung des Tagesablaufs optimiert werden; Merkhilfen sollen die ADL (activity of daily living) sicherstellen. Ziel aller Therapiemaßnahmen ist, die Autonomie der Patienten möglichst lange zu erhalten.

Partner bei der Behandlung

„Ohne Hausarzt geht nichts. – Der Hausarzt ist an vorderster Front und hat eine ganz wichtige Aufgabe: Sein diagnostisches Sensorium entscheidet, ob ein Demenzprozess rechtzeitig erkannt wird oder nicht. Und der Hausarzt entscheidet, ob ein Patient an eine spezialisierte Einrichtung weitervermittelt wird – mit der Sicherheit, dass der Demenzpatient wieder zu ihm zurückkommt“, so Doz. Dr. Michael Rainer, Demenz-Spezialist am SMZ-Ost.

Auch Angehörige sind wichtige Therapie-Partner, ohne die eine Behandlung von Demenzpatienten nicht gelingen kann. Sind sie gut geschult, lässt sich die Zuweisung in ein Pflegeheim deutlich verzögern. Für die Patienten bedeutet dieses Verbleiben in der vertrauten Umgebung in der Regel einen Gewinn an Lebensqualität.

Deshalb bieten Memory-Kliniken Schulungen und Selbsthilfegruppen für pflegende Angehörige. In deren Mittelpunkt steht das Verständnis für die Persönlichkeitsveränderungen des Patienten. Die Familienmitglieder lernen, wie sie mit den Verhaltensstörungen umgehen können, und werden bei sozialen und rechtlichen Problemen beraten. Zudem erhalten sie psychologische Unterstützung, da sie selbst oft massiv Burn-out-gefährdet sind und stressbedingt eine signifikant erhöhte Mortalitätsrate aufweisen.

 

Quelle: Pressekonferenz anlässlich des 11. Memory-Kliniken-Treffens.

Kasten:
Aufgaben einer Memory Klinik:
• das Bereitstellen von Spezialkompetenzen, die in der ambulanten Versorgung nicht ausreichend zur Verfügung stehen • die frühe Diagnose und ein entsprechend frühzeitiger Therapiebeginn • ein interdisziplinärer Ansatz mit einer Diagnosestellung im Rahmen von Diagnosekonferenzen • neben einer adäquaten Pharmakotherapie auch die Beratung und psychosoziale Maßnahmen in Form von überwachten Einzel- und Gruppenangeboten • Initiieren und Koordinieren von Forschungsprojekten • Einbeziehen der Angehörigen in alle Stadien der Behandlung und Eingehen auf die Bedürfnisse der pflegenden Angehörigen

Von Mag. Tanja Fabsits, Ärzte Woche 21 /2009

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