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Neurologie 3. Mai 2012

Suchtgedächtnis beeinflussbar

Drogenabhängige Menschen könnten schon bald von neuen Erkenntnissen der Grundlagenforschung profitieren.

An der Medizinischen Universität Innsbruck wurden erneut Ansatzpunkte zur Therapie drogenabhängiger Menschen gefunden. Vorklinische Studien konnten zeigen, dass das Suchtgedächtnis gezielt positiv beeinflussbar ist.

Bereits seit mehreren Jahren beschäftigt sich die Suchtforschungsgruppe von Prof. Dr. Gerald Zernig und Prof. Dr. Alois Saria an der Abteilung für Experimentelle Psychiatrie auf der Medizinischen Universität Innsbruck mit den Strukturen im Gehirn, die für die Abhängigkeit von Suchtmitteln verantwortlich sind. Auf Basis der neuesten Erkenntnisse könnte eine pharmakologische Suchttherapie entwickelt werden, die es ermöglicht, das Suchtgedächtnis von abhängigen Menschen entsprechend zu beeinflussen. Die zu entwickelnden Medikamente sollen die in der Psychotherapie von Abhängigen angestrebte Veränderung medikamentös unterstützen. Dabei handelt es sich um eine der größten Herausforderungen bei der Therapie von drogenabhängigen Menschen: Auch Jahre nach Beendigung des Drogenmissbrauches ist die Abhängigkeit der Betroffenen im sogenannten Suchtgedächtnis gespeichert. Das bedeutet, dass nach einer erfolgreichen Entzugstherapie die Gefahr eines Rückfalles besteht.

Gezielt ansetzen

2006 hatten die Innsbrucker Wissenschafter am Tiermodell zeigen können, dass bei beginnendem Interesse für eine Droge der „Lernbotenstoff“ Azetylcholin und nicht wie angenommen das als „Glücksbotenstoff“ bekannte Dopamin vermehrt freigesetzt wird. „2008 haben wir dann die Hirnregion und das betroffene Neurotransmittersystem weiter eingegrenzt“, erklären die Studienleiter Zernig und Saria den Verlauf ihrer bisherigen Forschungsarbeit.

Maßgeblich beteiligt an diesen Erkenntnissen war damals bereits Dr. Jose A. Crespo. Der spanische Postdoc kam aus den USA, Baltimore, an die Medizinische Universität Innsbruck und fungierte auch bei der aktuellen Veröffentlichung der Suchtforschungsgruppe als Erstautor. Gemeinsam mit seinen Kollegen hat Crespo herausgefunden, dass durch Verabreichung selektiver Inhibito-ren die lokalen Azetylcholin-Rezeptoren im Nucleus accumbens, dem Suchtzentrum im Gehirn, entsprechend beeinflusst werden können. „Rezeptoren im Suchtzentrum des Gehirns binden das Acetylcholin und aktivieren eine spezielle Form der Proteinkinasen, die sogenannte Proteinkinase C zeta (PKCzeta) und deren molekulares Bruchstück, Prote-inkinase M zeta (PKMzeta). Werden diese atypischen Proteinkinasen-Aktivitäten durch einen selektiven Inhibitor blockiert, entwickelt das Versuchstier kein Drogensuchtverhal-ten mehr“, erklärt Crespo den komplexen Prozess. „Unsere Ergebnisse eröffnen ein neues pharmazeuti-sches Target für die Entwicklung einer effektiven Therapie von Langzeit-Suchtabhängigen.“

Internationale Anerkennung

In der internationalen Scientific Community findet die Forschungsarbeit der Tiroler Wissenschafter bereits Anklang. In dem bekannten Journal Neuroscience and Biobehavioral Reviews bewerten Peter Finnie und Karim Nader, beide Experten auf dem Gebiet der Gedächnisforschung, die von Crespo und seinen Kollegen veröffentlichten Studienergebnisse als „unerwartete Wendung“ („unexpected twist“) in der Erforschung der Gedächtnisfunktion.

 

Originalpublikationen:

PLoS ONE: http://dx.doi.org/doi:10.1371/journal.pone.0030502

Neuroscience and Biohavioral Reviews: http://dx.doi.org/10.1016/j.neubiorev.2012.03.008

 

MedUni Innsbruck/KK, Ärzte Woche 18 /2012

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