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Prof. Dr. Reinhold Schmidt Leiter der Klinischen Abteilung für Spezielle Neurologie, Medizinische Universität Graz

 
Neurologie 3. April 2012

Altersassoziierte Erkrankungen des Nervensystems

Neurogeriatrische Forschung und Behandlung im Wettlauf mit der Demographie: Früherkennung und Entwicklung kausaler Therapien gegen neurologische Krankheits- und Kostenexplosion.

Mit der steigenden Lebenserwartung nehmen altersassoziierte Erkrankungen des Nervensystems rapide zu. Die daraus entstehende Lawine gesellschaftlicher Belastungen könne nur durch die Entwicklung neuer, kausaler Therapien aufgehalten werden, so Prof. Dr. Reinhold Schmidt, Leiter der Klinischen Abteilung für Spezielle Neurologie an der MedUni Graz, anlässlich der 10. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie in Graz. Erforderlich seien deshalb internationale Vernetzung und Kooperation, doch hat sich Österreich bisher an der gemeinsamen Forschungsinitiative von 22 EU-Ländern zum Thema neurodegenerative Krankheiten nicht beteiligt.

 

„Die demografische Entwicklung führt zu einer Lawine neurogeriatrischer Erkrankungen, die schon heute deutlich spürbar ist, sich aber in den kommenden Jahren exponentiell beschleunigen wird“, unterstrich Prof. Dr. Reinhold Schmidt, MedUni Graz. „Auf dem Weg dorthin, vor allem bei der Früherkennung, verzeichnen wir erste Erfolge: Je früher wir diagnostizieren, desto wahrscheinlicher ist der Therapieerfolg. Doch es bedarf noch großer Investitionen in neurogeriatrische Forschung, um im Wettlauf gegen den demographischen Wandel an Boden zu gewinnen.“

Kostenexplosion – mehr Betroffene, weniger Zahler

Das Risiko für Erkrankungen wie Alzheimerdemenz, M. Parkinson und Schlaganfälle steigt ab 60 Jahren steil an, und im Jahr 2035 werden rund drei Millionen Österreicher über 60 sein. Laut „World Health Report – Global Burden of Disease“ ist Demenz heute für 11,2 Prozent und der Schlaganfall für 9,5 Prozent aller mit Behinderung verbrachten Lebensjahre verantwortlich, und damit für mehr Invalidität als muskuloskeletale oder kardiovaskuläre Erkrankungen (je 8,9 Prozent).

Damit kommen enorme Lasten auf die Angehörigen, aber auch die Sozialsysteme zu, die zusätzlich darunter leiden, dass nun geburtenschwache Jahrgänge im Erwerbsleben stehen. Bereits 2005 betrugen die EU-weiten Kosten neurodegenerativer Erkrankungen 130 Mrd. Euro.

Definition von Vorstadien notwendig

Punkto Früherkennung gibt es bereits erste Erfolge. So ist es in den vergangenen Jahren gelungen, für Demenz, Parkinson und Schlaganfälle Vorstadien („Prodromi“) zu definieren. Insbesondere ermöglichen etliche neu entdeckte Biomarker, Frühformen von Demenzerkrankungen zu identifizieren, was zur Definition neuer Diagnose-Kriterien für M. Alzheimer geführt hat, die erstmals auch seine Vorstadien einschließen. Ähnliche erfolgversprechende Entwicklungen gibt es für M. Parkinson.

Bildgebende Verfahren und spezifische Untersuchungsmethoden ermöglichen es heute, altersassoziierte neurodegenerative Erkrankungen in einem Stadium zu erkennen, in dem Therapien noch sinnvoll greifen, in dem also noch genügend lebensfähige, rettbare Neuronen vorhanden sind.

Beteiligung an europäischer Forschungsinitiative gefordert

„Trotz dieser Fortschritte stehen wir im Kampf gegen neurologische Alterskrankheiten noch am Anfang“, so Schmidt. Zur Bewältigung der Herausforderungen dieser Dimension seien jedoch internationale Vernetzung und Kooperation notwendig. Daher haben sich kürzlich 22 EU-Länder zu einer gemeinsamen Forschungsinitiative, dem „Joint Programming on Neurodegenerative Diseases, in particular Alzheimer’s“ (JPND), zusammengefunden. Sie wollen der demographisch bedingten, massiven Zunahme neurodegenerativer Erkrankungen durch eine gemeinsame Vision und koordinierte Strategie entgegenwirken, die auch für die rasche Umsetzung neuer Erkenntnisse im klinischen Alltag sorgen soll. Allerdings hat sich Österreich bisher in das JPND noch nicht eingegliedert. „Wir fordern Wissenschafts- und Gesundheitsministerium auf, sich an dieser Initiative zügig und großzügig zu beteiligen, damit die inländischen Forschungs- und Versorgungsstrukturen in dieses internationale Netzwerk eingebettet werden können“, so Schmidt.

Das darin investierte Geld, so Schmidt, sei gut angelegt. Bereits eine Verzögerung des Krankheitsbeginns z. B. von Demenz um zwei bis drei Jahre könne die Prävalenzrate um 30 bis 40 Prozent reduzieren: Denn viele alte Menschen erkranken heute erst in den letzten zwei, drei Jahren ihres Lebens an Demenz und würden deren Ausbruch bei einem späteren Krankheitsbeginn gar nicht mehr erleben.

Weltgrößter Neurologie- Kongress 2013 in Wien

Im September 2013 werden mehr als 7.000 Neurologinnen und Neurologen zum Kongress der Weltföderation für Neurologie (World Federation of Neurology, WFN) in Wien erwartet.

Motto dieser von der WFN gemeinsam mit der ÖGN und unter der Beteiligung der EFNS (European Federation of Neurological Societies) als regionalem Partner veranstalteten Kongresses ist „Neurologie im Zeitalter der Globalisierung“. Vor dem Hintergrund weltweit dramatisch zunehmender neurologischer Erkrankungen werden Experten die brisanten Themen der Neurologie wie Demenz, Multiple Sklerose, Schlaganfall, Epilepsie, neuromuskuläre Erkrankungen, Kopfschmerz, Neurointensivmedizin, Neurorehabilitation oder aktuelle Weiterentwicklungen in den für diagnostische Fortschritte entscheidenden bildgebenden Verfahren („Neuroimaging“) diskutieren. Ergänzt wird dieses wissenschaftliche Programm durch sehr praxisbezogene Weiterbildungsprogramme (Teaching courses), Informationen für medizinisches Fachpersonal und für Patienten sowie durch einen gastfreundlichen Rahmen für Kommunikation, Erfahrungsaustausch und Networking.

„Dass Wien 2013 zur Gastgeberstadt des alle zwei Jahre stattfindenden, weltweit größten und wichtigsten Events unseres Faches ausgewählt wurde, unterstreicht auch den exzellenten internationalen Ruf der österreichischen Neurologie international“, betonte Prof. Dr. Eduard Auff, Vorstand der Universitätsklinik für Neurologie an der Medizinischen Universität Wien und Präsident der ÖGN. FH

 

Quelle: Pressegespräch zur 10. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie, 13. März 2012, Wien

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