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Neurologie 21. März 2012

Wacher als vermutet

Funktionelle Bildgebung deckt hohe Fehlerquote bei der Diagnose des Bewusstseinszustandes von Wachkomapatienten auf.

Erfolgt die Bestimmung des Bewusstseinszustandes ohne spezielle Skalen, liegt die Rate der Fehldiagnosen bei rund 40 %. Aktuelle Studien mithilfe hochauflösender Elektroenzephalografie (EEG) und funktioneller Kernspintomografie (fMRT) zeigen zudem, dass Ärzte die Reaktionsfähigkeit häufig falsch einschätzen, so die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN). Jeder fünfte Patient weist etwa in speziellen EEG-Verfahren Hinweise für bewusste Reaktionen auf, die mittels Standardverfahren nicht erkannt werden. Die DGKN fordert daher, funktionelle Bildgebungsverfahren sowie spezielle elektrophysiologische Verfahren bei der Beurteilung von Wachkoma-Patienten häufiger einzusetzen.

Aktuelle Studien deuten darauf hin, dass elektrophysiologische und bildgebende Verfahren wie EEG und fMRT zusätzliche Reaktionen bei Wachkoma-Patienten messen, die Verhaltensbeobachtungen von außen nicht erkennen lassen. So weisen rund 17 % der Wachkoma-Patienten typische Aktivierungsmuster vergleichbar mit denen gesunder Probanden im fMRT, auf und sogar eine einfache Kommunikation mithilfe des fMRT-Signals ist möglich. So konnte ein Patient während der fMRT-Untersuchung richtige Ja- oder Nein-Antworten auf autobiografische Fragen geben

Da die fMRT allerdings sehr aufwändig, teuer und störanfällig ist, bietet sich das EEG als alltagstauglichere Untersuchungsmethode zur Prüfung der Hirnfunktion der Betroffenen an. Bei verbalen Aufforderungen und Tonsignalen werden bestimmte Hirnregionen aktiv, und es kommt zu einer Veränderung des EEG- Frequenzspektrums. In einer aktuellen Studie reagierten drei von 16 Wachkoma-Patienten auf verbale Aufforderungen, die mit der Coma Recovery Scale-Revised (CRS-R) nicht erfasst wurden.

Unterhalb der Schwelle der klinischen Beobachtbarkeit mit Komaskalen gibt es bei etwa jedem fünften bis sechsten Patienten eindeutige Hinweise für bewusste Interaktionen mit der Umwelt. Die Rate der Fehldiagnosen bei Wachkoma-Patienten liege daher sicher höher als bisher vermutet, schätzen Experten der DGKN. Der routinemäßige Einsatz der funktionellen Bildgebung bei Koma-Patienten sei derzeit zwar verfrüht. Doch ließen sich aus diesen Erkenntnissen der Bewusstseinsforschung künftig neue Therapien ableiten, wie beispielsweise die Entwicklung von Brain-Computer-Interfaces für eine Kommunikation mit Wachkoma-Patienten.

Quelle: DGKN

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