zur Navigation zum Inhalt
Foto: Privat

Prim. Dr. Georg Psota FA für Psychiatrie und Neurologie, Leiter des Sozialpsychiatrischen Ambulatoriums Josefstadt, Wien

 
Neurologie 29. April 2009

Die Demenz geht um

Das Vergessen im Alter ist Ursache Nummer Eins für eine Pflegebedürftigkeit.

Rund 100.000 Österreicher leiden derzeit an Demenz, jährlich kommen etwa 24000 Neuerkrankte dazu. 2050 rechnen Experten bereits mit über 233000 demenzkranken Menschen und 50000 Neuerkrankungen jedes Jahr.

Aus diesem Anlass beschloss das Hilfswerk, seine im April gestartete Jahresinitiative „Pflege ist Thema. Aber Pflegen heißt mehr.“. heuer dem Älterwerden, der Vorsorge, Unterstützung und Pflege zu widmen.

Auch der „Erste Österreichische Demenzbericht“, der am 21. April, einen Tag nach der Hilfswerk-Initiative, der Öffentlichkeit präsentiert wurde, geht von einem steilen Anstieg der Demenzerkrankungen aus. Bis 2050 werden hier sogar bis zu 270.000 Demenzpatienten prognostiziert. Ursache ist natürlich die steigende Lebenserwartung der Österreicher. Auch das Verhältnis zwischen Erwerbstätigen und dementen Patienten verschiebt sich dadurch: Standen im Jahr 2000 einem Demenzkranken noch 60 Menschen im erwerbsfähigen Alter gegenüber, sind es heute nur mehr 42, 2050 wahrscheinlich lediglich noch 15.

Die Angst vor dem Wissen

Demenz hat dramatische Auswirkungen auf den Alltag des Betroffenen und auf seine Angehörigen. 87,9 Prozent der Patienten mit leichter Demenz und 94, 1 Prozent der Menschen mit mittelgradiger Demenz können ihre Lebensmittel nicht mehr selbst einkaufen. 23,8 Prozent der Menschen mit leichter Demenz und 73,5 Prozent derer mit schwerer Demenz finden sich außerhalb ihrer Wohnung nicht mehr zurecht. Alleine telefonieren – etwa auch für einen Notruf – ist für 21,1 Prozent bei leichter Demenz und für 58,8 Prozent bei mittlerer Demenz unmöglich.

Der Pflege- und Betreuungsaufwand ist für demenzkranke Menschen dementsprechend besonders hoch. Trotzdem ist das Wissen um die Erkrankung und Therapie noch kaum verbreitet. „Die Krankheit und deren Auswirkungen werden dramatisch unterschätzt!“, erklärt etwa Hilfswerk-Präsident Othmar Karas.

Das unkontrollierbare Vergessen macht Angst: Viele wollen deshalb lieber gar nicht so genau wissen, ob sie an einer Demenz leiden oder nicht. Ein ungünstiger Ausgangspunkt für Ärzte und Betreuer, denn auch bei Demenzerkrankungen gilt: Je früher die Diagnose gestellt werden kann und je eher der Patient von einer Behandlung profitiert – vom Gedächtnistraining bei leichten Fällen bis zur medikamentösen Therapie –, umso besser ist die Prognose. „Mehr Wissen bedeutet weniger Leid für die Betroffenen und viel weniger Belastung für die Angehörigen und die Allgemeinheit“, fasst Karas zusammen.

Schlechte Compliance der Gesellschaft

Einer IMS Health-Studie zufolge verbleiben weniger als fünf Prozent der dementen Patienten nach Ablauf eines Jahres noch bei ihrer anti-dementiven Medikation. Allerdings nicht aus Vergesslichkeit, sondern weil den Betroffenen das entsprechende Medikament nicht mehr zur Verfügung steht. „Das ist eine Aussage über unsere Compliance als Gesellschaft“, so Demenz-Spezialist Prim. Dr. Georg Psota.

„Dabei könnte bei richtiger Therapie mit den richtigen Medikamenten viel Lebensqualität erhalten bleiben!“, ist Psota überzeugt. Momentan „kann man allerdings davon ausgehen, dass weniger als 20 Prozent der Demenzerkrankungen richtig diagnostiziert und behandelt werden.“ Wünschenswert wäre deshalb kurzfristig, dass Demenzkranke früher erkannt und therapiert werden. Damit könnten Patienten besser im Alltag gehalten werden und würden erst später einen Pflegeplatz benötigen. Fernziel ist für Psota eine Enttabuisierung der Demenz.

Praktische Ärzte sind in jedem Fall „zentrale Player“. Sie bekommen Informationen von Angehörigen, können eine Verdachtsdiagnose formulieren und Patienten zu einer weiteren Abklärung motivieren.

Gegen das Vergessen

Das Hilfswerk als führender Dienstleister in den mobilen Diensten in Österreich will mit seiner Informationsinitiative die Demenz in der Bevölkerung enttabuisieren. Ein weiteres Anliegen ist, Versorgungsstrukturen vernünftig weiterzuentwickeln.

Zusammen mit Fachärzten werden auch Möglichkeiten getestet, um Diagnose und Therapie zu unterstützen. Dazu liefert das Hilfswerk den Ärzten etwa Erhebungsbögen, mit deren Hilfe ein Demenzverdacht auf freiwilliger Basis systematisch ermittelt wird.

In einem Pilotprojekt konnten Fachärzte so bereits 65 Patienten mit Demenz einer geeigneten Therapie zuführen. „Wir haben derzeit eine Trefferquote von 85 Prozent. Der Demenzverdacht des Hilfswerk-Pflegepersonals ist also sehr oft von den Fachärzten bestätigt worden“, zeigt sich Monika Gugerell, fachliche Leiterin Gesundheit, Familie und Soziales im Hilfswerk Österreich, optimistisch.

Unterstützt wird die Hilfswerk-Jahresinitiative von diversen Sponsoren. Als Unterstützer des Fachschwerpunktes „Vergessen. Nicht vergessen sein. Demenz in der häuslichen Pflege und Betreuung.“ hat sich Janssen-Cilag Pharma angeboten.

Weiterführende Informationen finden Interessierte auf der Website www.hilfswerk.at oder unter der Tel. 0800 800 820. Hier können Patienten und Angehörige auch kostenlose Service-Broschüren bestellen und sich beraten lassen.

Quelle: Hilfswerk-Pressekonferenz am 20. 4. 2009 in Wien.

Von Mag. Tanja Fabsits, Ärzte Woche

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben