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Neurologie 17. April 2009

Update Kopfschmerz – Formen und Therapie im Kindes- und Jugendalter

Die Behandlung ist eine Herausforderung für den Pädiater

Primäre Kopfschmerzen im Kindes und Jugendalter sind ein häufiges Problem, dem wissenschaftlich zunehmende Aufmerksamkeit geschenkt wird. Wie im Erwachsenenalter ist auch bei Kindern und Jugendlichen die ärztliche Betreuung im Hinblick auf die Diagnostik, vor allem aber auch die Therapie optimierungsbedürftig.

Suchen Eltern mit ihrem Kind aufgrund wiederkehrenden Kopfschmerzen ärztliche Hilfe, so gilt es zunächst einen sekundären Kopfschmerz auszuschließen und die Sorgen und Ängste der Eltern zu berücksichtigen, das heißt, gegebenenfalls adäquate Untersuchungen (üblicherweise ein Magnetresonanztomographie des Schädels) zu veranlassen, um die klinische Diagnose eines primären Kopfschmerzes mit einem „objektiven“ apparativen Befund zu erhärten. Unter den primären Kopfschmerzen kommt der Migräne die größte Bedeutung zu. Es hat sich aber gezeigt, dass auch der Spannungskopfschmerz die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigt. Besonderes Augenmerk muss dem chronischen Kopfschmerz geschenkt werden, da in diesem Fall die eingehende Analyse des psychosozialen Umfeldes sowie die Abklärung etwaiger Komorbiditäten von entscheidender Bedeutung sind.

Kopfschmerz kann die Entwicklung des Kindes beeinflussen

Rezente Forschungsschwerpunkte auf dem Gebiet des Kopfschmerzes im Kindes- und Jugendalter spannen sich von der Genetik über neurophysiologische Studien und Komorbiditäten hin zur Lebensstilmedizin. Unsere eigene Arbeitsgruppe konnte in Kooperation mit Genetikern der Universität London zeigen, dass einem Dopamin-D4-Rezeptor-Polymorphismus ein protektiver Effekt bei Migräne ohne Aura zukommt. In mehreren neurophysiologischen Studien mittels evozierter und ereigniskorrelierter Potentiale wurde die unterschiedliche kortikale Reagibilität Migränebetroffener gezeigt und jüngst erstmals ein Zusammenhang zwischen mangelnder Habituation der P300-Antwort und emotionalen, mittels Child-Behaviour-Checklist erfassten Faktoren beschrieben. Die Bedeutung psychiatrischer Komorbidität beim Kopfschmerz im Kindes- und Jugendalter ist durch eine Reihe von Studien belegt. Aber auch Teilleistungsschwächen sollten beachtet werden, vor allem dann, wenn Kopfschmerzen in Zusammenhang mit der Schule auftreten.

Therapie des kindlichen Kopfschmerzes

Die Evidenz zur Pharmakotherapie primärer Kopfschmerzen bei Kindern und Jugendlichen, vor allem der Migräne, hat sich in den letzten Jahren zwar deutlich verbessert. Durch Adaptierung des Studiendesigns konnte der hohen Plazeborate früherer Studien begegnet werden. Neben Paracetamol, Ibuprofen und Sumatriptan (Nasenspray) liegen nun auch Studien für Zolmitriptan und Rizatriptan vor, die die Wirksamkeit dieser Präparate bei Migräne im (Kindes-) und Jugendalter belegen. Die monodimensionale Pharmakotherapie rezidivierender Kopfschmerzen bei jungen Patienten muss aber als Kunstfehler erachtet werden. Das therapeutische Herangehen muss unter einer biopsychosozialen Perspektive erfolgen. Die Wirksamkeit von Entspannungstechniken und verhaltensmedizinischer Interventionen wurde mehrfach bestätigt. Die wissenschaftliche Untersuchung der Lebensstilmedizin, der in der Erfahrung der Autorin große Bedeutung zukommt, steht aber noch am Beginn. Regelmäßiges Essen, ausreichende Flüssigkeitszufuhr, genügend Schlaf und Pausen beim Lernen sind zielführende Empfehlungen, für deren Wirksamkeit zumindest teilweise direkte oder indirekte Evidenz vorliegt.

Prognose der jungen Kopfschmerzpatienten

Studien zur Prognose der Migräne und des Spannungskopfschmerzes bei Kindern und Jugendlichen zeigen einerseits, dass etwa 30 % Kopfschmerzfreiheit erlangen und andererseits, dass es zu einem deutlichen Symptomwandel kommt, sodass sich aus Migräne ein Spannungskopfschmerz und aus Spannungskopfschmerz Migräne entwickeln kann. Neben diesen beiden häufigsten primären Kopfschmerzformen, ist Clusterkopfschmerz bei jungen Patienten nicht so selten wie oft angenommen. Der neu aufgetretene tägliche Kopfschmerz dürfte in Kopfschmerzzentren ein relativ häufiges Problem sein, fand sich in einer amerikanischen Studie bei 56 von 306 Patienten und zeichnet sich durch häufig vorhandene Migränesymptome und seltenen übermäßigen Medikamentenkonsum aus.

Zur Autorin
Prof. Dr. Çiçek Wöber-Bingöl
Universitätsklinik für Psychiatrie des Kindes- und Jugendalters
Medizinische Universität Wien
Währinger Gürtel 18-20
1090 Wien
Fax: ++43/1/40400-2793
E-Mail:

Çiçek Wöber-Bingöl, Universitätsklinik für Psychiatrie des Kindes- und Jugendalters, Medizinische Universität Wien, Wiener Medizinische Wochenschrift Skriptum 2/2009

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