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Prof. Dr. Michael Bach Vorstand der Abteilung für Psychiatrie des Landeskrankenhauses

Prof. Dr. DDr. h.c. Siegfried Kasper, Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Wien

 

Foto: beigestellt

Dr. Susanne Lentner
Primaria der Abteilung I des Anton Proksch Instituts in Wien

 
Neurologie 29. November 2011

Herausforderung Therapieresistenz

Fünfzehn bis dreißig Prozent der Patienten mit Depression sprechen nicht oder nur unzureichend auf eine Therapie an.

Die therapieresistente Depression stellt Therapeuten vor besondere Herausforderungen. Ein neues Konsensus-Statement zu diesem Krankheitsbild zeigt Wege auf, wie dieser speziellen Patientengruppe effektiv geholfen werden kann.

 

„Die Volkskrankheit Depression ist im Vormarsch begriffen, sei es durch ihr komplexes Krankheitsbild unterschiedlichster Ausprägung, sei es durch die Vielzahl psychischer und somatischer Komorbiditäten“, betonte Dr. Susanne Lentner, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie, im Rahmen einer Pressekonferenz anlässlich der Präsentation des Konsensus-Statements „Therapieresistente Depression“.

„Komorbididäten erschweren und verzögern häufig die Diagnostik und erforderliche Therapiemaßnahmen, eine Verzögerung, die betroffene Patienten durch zaghafte Inanspruchnahme von Hilfe, durch fehlende Compliance und mangelhaftes Krankheitsbewusstsein noch verstärken“, so die Expertin. Zu groß seien noch die gesellschaftlichen Barrieren und die Angst vor Stigmatisierung, zu groß auch der Wunsch danach, zu funktionieren und sich in den Griff zu bekommen.

Negativspirale

Etwa fünf Prozent der heimischen Bevölkerung leiden nach Aussage der Experten an einer behandlungsbedürftigen Depression, also rund 400.000 Menschen. Und etwa 16 bis 20 Prozent aller Menschen erleiden im Laufe ihres Lebens eine behandlungsbedürftige depressive Phase. Etwa 45 Prozent der Betroffenen würden keine adäquate Behandlung erhalten, was fatale Folgen für die Patienten und ihre Umgebung hätte und damit auch nicht zuletzt für die Volkswirtschaft. So stellten Depressionen die häufigste Ursache für Frühpension und Erwerbsunfähigkeit dar, mit einer nachfolgenden Negativspirale: Verschuldung, Scheidung, Obdachlosigkeit, Kriminalität und Suizid. 70 bis 80 Prozent aller Suizide erfolgten aufgrund von Depressionen. „Information und Sensibilisierung sind ein großes Anliegen, um auf die Bedeutung professioneller Unterstützung hinzuweisen, ohne die die Betroffenen ihr Leben nur schwer wieder in den Griff bekommen“, so Lentner.

Eine effiziente und frühe Diagnostik und Therapie mittels moderner, nebenwirkungsarmer Medikamente und begleitender Psychotherapie sei gefordert, um therapeutischen Nihilismus, Chronifizierung und Therapieresistenz hintanzuhalten und damit die Remissionsraten anzuheben, den Leidensdruck der Betroffenen und ihrer Umgebung zu minimieren und die Lebensqualität zu verbessern.

Prädiktoren für eine Therapieresistenz

Komorbide Angst- oder Panikstörung, wiederkehrende Episoden, Beginn der Erkrankung vor dem 18. Lebensjahr, melancholische Eigenschaften oder das Nicht-Ansprechen bzw. ungenügende Ansprechen auf die erste antidepressive Therapie würden die Wahrscheinlichkeit einer Therapieresistenz erhöhen.

„Um die möglichen Behandlungsoptionen für betroffene Patienten optimal einsetzen zu können, ist jedoch eine Differenzierung je nach klinische Zustandsbildern notwendig, da zwischen ungenügendem Ansprechen, der Therapieresistenz, der therapierefraktären und der chronischen Depression unterschieden werden muss“, sagte Prof. Dr. DDr. h.c. Siegfried Kasper, Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Wien.

Das klassische Stufenschema zur Behandlung der komplexen therapieresistenten Depression umfasst 1. eine Therapieoptimierung, 2. eine Kombinationsbehandlungen mit Antidepressiva nach psychopathologischem Schwerpunkt, 3. ein Antidepressivum + Augmentation (z.B. Lithium, L-Thyroxin) oder + einem neuen Antipsychotikum (SGAs) bzw. + Psychotherapie oder Elektrokonvulsionstherapie. Als 4. Stufe wird ein Wechsel des Antidepressivums vorgeschlagen.

Psychotherapie bei therapieresistenter Depression

Psychotherapie ist nach Kasper eine Behandlung erster Wahl bei allen Schweregraden der Depression. Bei schweren Verlaufsformen und bei therapieresistenter Depression sei die Psychotherapie in Kombination mit Antidepressiva der jeweiligen Monotherapie überlegen. Hier seien vor allem Psychotherapiekonzepte aus der kognitiven Verhaltenstherapie und deren Weiterentwicklungen in ihrer Effektivität empirisch belegt. Zu diesen Verfahren gehören zum Beispiel:

  • Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy (CBASP)
  • Dialectic Behavioral Therapy (DBT)
  • Mindfulness-Based Cognitive Therapy (MBCT)

„Verfahren, die bei therapieresistenter Depression zum Einsatz kommen, müssen jedoch gleichzeitig störungsspezifisch und integrativ sein“, hob Prof. Dr. Michael Bach, Vorstand der Abteilung für Psychiatrie des Landeskrankenhauses Steyr mit Department für Psychosomatik Enns, hervor. Eine nach wie vor offene Frage ist, ob der sequentielle oder simultane Einsatz der Psychotherapie zu bevorzugen ist. FH

 

Quelle: Pressekonferenz der Österreichischen Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie (ÖGPB) anlässlich der Präsentation des Konsensus-Statements „Therapieresistente Depression“, 17. November 2011, Wien

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